Glöckner zu sein, ist heutzutage nichts Besonderes mehr, vielleicht war es das nie, außer in Victor Hugos historischem Roman und den kitschigen Film- und Musical-Ablegern. Der Mann, der an diesem Freitag pünktlich um 12 Uhr in der Kathedrale von Tarragona die Glocke läutet, ist ein unscheinbarer Herr mittleren Alters von gepflegter Erscheinung und in Alltagskleidung. Er zieht nur zweimal an dem dünnen, langen Seil unterhalb der kleinen, aber hochgelegenen Kuppel nahe dem Altar, von unten eine luzide Rosette mit einem kleinen Loch in der Mitte. Noch während der dünnen Glockenschläge führt der Mann das Seil zur Linken des Hauptschiffs, befestigt das Ende unterhalb der Kanzel an einem Haken und entfernt sich auf den leisen Sohlen seiner Sneakers. Das kann ich eigentlich auch, denke ich, und strecke meine Hand nach der Kordel aus …
Mit dem erstaunlich dünnen Seil trete ich genau unter die Kuppel, ziehe daran wie der Glöckner zuvor, ohne viel Kraft, nur schön gerade nach unten, höre, wie es läutet, um – Uhrenvergleich – fünf Minuten nach zwölf. Ich stelle mir vor, wie draußen alle aufmerken, in ihrem Tun innehalten, wie das unerwartete Läuten die Menschen aus ihrem Tagesablauf wirft, wie sich alte Frauen bangen Blickes bekreuzigen, Büroangestellte hektisch ins Freie rennen, wenn sie nicht schon im Restaurant sitzen, dort erstarren, Kellner in ihrer Bewegung, wie das Essen von den Tellern, Getränke vom Tablett rutschen, sich auf Hosen und Röcke ergießen, was niemanden schert, weil alle Blicke auf die höchste Stelle des Glockenturms gerichtet sind, wie sogar der Verkehr zum Erliegen kommt.
Um Himmels willen, was tun Sie da? Ich verstehe kein Spanisch, erst recht kein Katalanisch, der Glöckner mustert mich streng. Dabei ist gar nichts passiert, das Seil hängt noch am Haken unter der Kanzel. Und der Glöckner ist auch gar nicht da, nur Teil meiner vergehenden Fantasie. Inmitten ernst schauender Kathedralenbesucher muss ich lachen. Als ob ich so etwas tun würde.
Das wirkliche Läuten der Mittagsglocke war eine Sache von Sekunden und so unspektakulär, dass ich es kaum glauben konnte, allenfalls erstaunte mich, dass überhaupt noch ein Mensch genau zur Mittagsstunde an dem Seil zieht. Vielleicht war es das, was mein Gedankenspiel auslöste – oder das Profane des tatsächlich Geschehenen: Niemand achtete darauf, und, mal ehrlich, wer misst dem Glockenläuten noch die Bedeutung bei wie die Menschen zu früheren Zeiten?
Und der Glöckner selbst? Er hängte das Seil an den Haken und entfernte sich, nicht ohne gleich darauf sein Smartphone zu checken. Vielleicht um den Wecker zum nächsten Läuten zu stellen oder endlich die Automatik einzuschalten, denn das Fest zu Ehren der heiligen Tecla ist an diesem Freitag vorbei. Oder aber, weil seine Frau gerade in die Familiengruppe gepostet hat, was es Gutes zum Essen gibt.