La Bionda

Mein letzter Trost ist weg. Erst dachte ich, er sei nur verreist. Das hat er manchmal getan in den letzten beiden Jahren, die uns so verstört und gefangen gehalten haben, besonders mich, der ich keinen Garten und keinen Balkon, nicht einmal ein richtiges Fenster habe und auf 43 Quadratmetern hause, im siebten Stock unter einem schlecht gedämmten Dach, winterkalt und sommerheiß. Nur wenige erträgliche Wochen, Phasen von Freiheit, in denen ich raus konnte, doch viel zu selten tatsächlich ging, weil das Risiko dort lauerte, die Angst in mir, und ich nur noch nach einem Trost lechzte: la Bionda.

Ich bin einsam, aber nicht blöd. Natürlich habe ich alles auf sie projiziert, was mir schön und frei, spannend und – ja – auch erotisch sein sollte. So oft habe ich genau an diesem Dachfenster im Wohnzimmer gestanden. Der Teppich hat hier gelitten, wie verräterisch. Die Luke war immer nur ein Stück weit geöffnet. Ich habe den Feldstecher meines Opas hinausgeschoben wie einen Gewehrlauf aus einer Schießscharte, in gekrümmter Haltung hindurchgesehen und doch nie ihr Gesicht scharfziehen können. Schon bei den ersten Sonnenstrahlen des nahenden Frühlings war die Frau im Haus gegenüber auf ihrer kleinen Terrasse, die so in das Dach geschnitten ist, dass ich den größten Teil des Bodens und damit auch ihres Körpers beim Sonnenbaden leider nicht sehe. Nur wenn sie rauskommt oder reingeht, erscheint sie mir in ganzer Gestalt, nicht selten ohne BH. Für Sekundenbruchteile. Sie ist schnell. Und sie ist schnell braun. Ein Sonnentag reicht ihr. Das weiß ich. Wir sind im dritten Jahr.

Wir kennen uns nicht. Ich bin ihr nie begegnet, obwohl ich mich nach manchen meiner Homeoffice-Tage vor dem Block gegenüber herumgedrückt habe, die Straße auf- und abgelaufen bin, wie eine Raubkatze, ähnlich wie in den Tagen meiner Isolation in meinem Wohnzimmer. Dass ich positiv war, wusste ich auch ohne Test. Es war auch egal. So egal, wie zu wissen, wo ich, der Eremit, mich wohl angesteckt haben könnte. Egal war nur eines nicht: Ausgerechnet in dieser Zeit, war mein Trost nicht da. Und so mischten sich meine Ängste mit Alpträumen, meine düsteren Gedanken über die Welt mit der im Internet. Wie eine graue Folie legt sich der Ausschnitt des Dachfensters im Schlafzimmer auf das Display meines Smartphones. Dann halte ich das Gerät vor den Fensterumriss, das Abbild der großen Welt vor den Ausschnitt meiner kleinen, des Stücks Himmel, das mir bleibt, wenn ich im Bett liege, blau, milchig, grau, geblurrt von Regen, matt von Schnee, nie ganz schwarz wegen der lichtverschmutzten Nacht, Darkmode.

Der Mond kommt nur im Wohnzimmer vorbei. Nur dort, steht auch die Sonne drauf. Und la Bionda, meine blonde Nachbarin im Häuserblock gegenüber, langes blondes Haar, schlank und schön. Schön? Ich will, dass sie es ist. Das unscharfe Gesicht reizt meine Phantasie, hält mich fern von einer Enttäuschung, die ich fürchte, wie die vielen anderen der letzten Jahre. Ich vergleiche la Bionda nicht. Jeden Tag sieht sie anders für mich aus, mal hat sie blaue, mal braune Augen, mal einen magisch großen Mund, den ich küssen möchte wie ein Liebhaber, mal einen schmalen Lippenstrich, streng und unnahbar, faszinierend für einen bewundernden Minnesänger. Manchmal ist sie eine Dame, manchmal ein junges Mädchen – zu jung für mich. Egal, was ich mir ausmale: So ist sie nicht. Ich bin nicht blöd. Nichts in der Welt ist so schön, wie es die Vorstellungskraft pimpen kann. Ein Ideal ist ein Ideal, und selbst etwas Reales ist für den einen, was es für den anderen geradewegs nicht ist. Es sind Interpretationen, Trugbilder vielleicht. Sie führen zu Diskussionen, Streit, Fronten, Krieg.

In diesem Frühling ist alles noch schlimmer. Der Krieg ist so nah, wie ich es noch nie erlebt habe. Ganze Vormittage verbringe ich im Bett. Ich will nicht mehr lesen, was Schreckliches passiert, blicke lieber in das Himmelsdisplay meines Dachfensters, das wie zum Hohn lichtblau aufscheint. Stünde ich auf, sähe ich auch das Gelb darunter, ein schmutziges Ockergelb, das Häuserfeld in meinem Kiez. Oder leuchtet es nur so, wenn die Sonne untergeht? Ich kenne Kornfelder, den blauen Himmel darüber – zwei Farben meiner Kindheit, untrennbar davon der Duft nach Heu, nach Sommer auf dem Land. Dennoch lebe ich lieber in der Stadt. Wirklich? Wirklich! Einsam bist du, weil du es willst, egal ob in der Stadt oder auf dem Land. Dort wirst du vielleicht gemieden oder sogar verstoßen. Die Stadt macht es dir leichter, sie assimiliert dich in ein Kollektiv von Anonymität.

Als die Nachricht vom Einmarsch kam, lief ein Film in mir ab. Zerbombte Gebäude unter einem bleigrauen Himmel, Skelette aus Stahlbeton, alles in Schwarzweiß. Dann der Filmriss, schmelzendes Zelluloid, grelles Licht, die alles zerstörende Atombombe. Zitternd stand ich am Morgen vor dem Fenster, blickte auf die Dachterrasse, auf die fest verschlossene Schiebetür. Nur einmal im Januar stand sie offen, doch la Bionda war auch da nicht zu sehen. Dabei schien die Sonne und es war recht mild. Sie ist ausgezogen, ich bin mir sicher. Im vergangenen Herbst war manchmal ein junger Mann bei ihr zu sehen. Doch die beiden haben sich nie geküsst, nie auch nur berührt, nicht einmal abends im Kerzenschein drinnen. Also war ich bald überzeugt: Es ist ihr Bruder. Oder ein guter Freund. Aber nicht ihr Freund. Jetzt glaube ich nicht mehr daran. Schon Weihnachten hat la Bionda mich im Stich gelassen. Ihre Wohnung blieb dunkel, die Terrassentür verschlossen, überall sonst glitzerte es, doch all die anderen Lichter der Stadt konnten mich nicht trösten. So wenig wie jetzt die Alltagsgeräusche, die alles Gewohnte nur reproduzieren wie eine gefakte Atmo in einem schlechten Film. Die leeren Rituale, auch meine eigenen, geben mir keine Sicherheit vor dem, was im Hinterhalt lauert, was mich überraschen und alles in Sekunden zerstören wird.

Mit dir, meine liebste Bionda, wäre alles gut. Die Tür würde sich öffnen. Deine bronzene Gestalt glitte hinaus wie die einer Göttin. Eos. Aurora. Lange würdest du einfach nur dort stehen und zu mir hinübersehen. Und ich zu dir. Ich bräuchte kein Fernrohr. Ich würde das Fenster so weit aufreißen, dass es über die Achse in meinen Rücken kippt. Du strahltest so hell und so warm wie die Sonne. Doch weder verbrenntest, noch blendetest du mich. Nichts könnte uns noch stören, nichts würde uns jemals wieder trennen. Weil nichts anderes mehr wichtig ist.

©Martin Bensen