Stink-Bus

This has to be the disease for you
Now scientists call this disease
Bromidrosis
But us regular folks
Who might wear tennis shoes
Or an occasional python boot
Know this exquisite little inconvenience
By the name of:
STINK FOOT

(Frank Zappa)

An der unwirtlichen Seite des Vorstadtbahnhofs standen vermummte Reisende im fahlen Licht der Straßenlaternen wie Untote. Die meisten hatten sich an die Mauer des alten Gebäudes oder in eine andere halbwegs windgeschützte Ecke gedrückt. Etwa an den verlassenen und verrammelten Imbisswagen, dessen mannshoher Weihnachtsbaum noch leuchtete, aber unglücklicherweise umgekippt war und nun am Boden liegend ein trauriges Bild abgab. Niemanden kümmerte das. Vom S-Bahnhof her kam genügend Licht, um auf dem eReader lesen zu können, die Smartphones warfen ihren eigenen Schein in die müden Gesichter der Wartenden. Auch in meines.

Kurz vor Mitternacht, als endlich der Bus mit aufheulendem Motor vorfuhr, kam Bewegung in die verdrucksten Gestalten, Rollkoffer grollten lautstark über den Asphalt, halb aufgerauchte Zigaretten wurden weggeworfen, schnell stand ein ganzer Pulk vor der geöffneten Ladeluke. Ein quirrliger Busbegleiter in Dienstuniform gab Kommandos, stellte sich dann vor die Tür und scannte die Tickets ein. Ich hatte nur einen Rucksack für das Nötigste dabei, um mich frisch machen zu können für den Tag in meiner Zielstadt, an dem ich schon nachmittags wieder meine Rückreise antreten würde – dann aber mit dem Zug. Nun gut, unten waren schon alle Plätze besetzt, oben stand die Luft, wenigstens war es warm. Warum das so war, wurde mir schnell klar: die meisten Plätze waren belegt. Ich hatte Glück, ergatterte weiter vorne tatsächlich noch eine Doppelreihe, stellte meinen Rucksack demonstrativ auf den Fensterplatz, setzte mich der langen Beine wegen auf den Sitz zum Gang, um mich sogleich aber schräg über beide Plätze zu legen. Auf diese Weise hoffte ich, den geringen Komfort so lange wie möglich zu verteidigen.

Der Motor sprang an, das Licht erlosch, noch im Anrollen des Busses kuschelte ich mich mehr schlecht als recht gegen Jacke und Rucksack, um wenigstens ein bisschen zu schlafen. Morgen würde ich erst wieder im Zug zur Ruhe kommen und mein Termin war zu anstrengend, um die Nacht davor durchzumachen. Draußen war ohnehin nichts zu sehen, es hatte zu regnen begonnen, dicke Tropfen prasselten auf das Glasdach, verliefen an den Fenstern zu beinahe waagerechten Schlieren, hinter denen es immer wieder von Häusern und Straßenlaternen irrlichterte. Weiter im Norden war Schnee vorhergesagt, ein Grund mehr, warum ich auf den Nachtbus ausgewichen war. Ich durfte nicht zu spät kommen und hatte berechtigte Sorge, mit der wenig winterfesten Bahn schon am frühen Morgen zu scheitern oder mich mit zwei langen Autofahrten an einem Tag zu überfordern. Dass die Busfahrt wenig Entspannung bringen würde, sollte ich schon bald merken.

Ich musste tatsächlich eingeschlafen sein. Als das Licht anging, wusste ich einen kurzen Moment nicht, wo ich war. Dann kam schon die Stimme des Busbegleiters aus dem Lautsprecher. In gebrochenem Deutsch machte er darauf aufmerksam, dass wir unser erstes Zwischenziel erreicht hätten. Die Stimme bekam einen hektischen Drall, wurde lauter, bestimmender. Fast im Befehlston forderte sie die Fahrgäste auf, sitzen zu bleiben. Man sei spät dran und habe keine Zeit für eine Raucherpause. Mein Nebenplatz blieb weiter frei, offenbar waren meine ausgestreckten langen Beine und mein zerknittertes Gesicht abschreckend genug. Die ältere Dame hinter mir hatte ebenfalls Glück, ihre Technik bestand aus einer unschuldigen, fast embryonalen Schlafstellung über beide Sitze hinweg, wer wollte sie da stören? Rechts vor mir hatte sich ein bulliger, langbärtiger Mann einen Gangplatz erobert. Die Gegenwehr des jungen Sitznachbarn war schon im Ansatz zum Erliegen gekommen, als der Neuankömmling „Platz frei“ weniger fragte als anordnete. Der Bulle saß jetzt da wie ein Patriarch, kerzengerade und erhobenen Hauptes, den Blick starr nach vorne gerichtet. Seine zweifellos muskuläre Masse hatte sich perfekt in die Kontur des Sitzes geschmiegt. So sollte er den größten Teil der Fahrt ohne nennenswerte Regung bestreiten und mir den einen oder anderen neidvollen Blick abringen. Denn ich kämpfte um Haltung auf den für meine Größe viel zu engen Sitzen. Auch wenn ich beide für mich hatte, konnte ich keine auch nur halbwegs erträgliche Position erzielen, egal wie ich mich drehte und legte. Schon bald spürte ich Schmerzen in Nacken und Rücken, verlagerte meine Sitzposition ständig von der linken zur rechten Pobacke, sobald die eine taub zu werden drohte. So war an Schlafen nicht zu denken.

Dachte ich, denn als das Kabinenlicht erneut anging, rieb ich mir wieder meine müden Augen, kam die Information wie von Ferne an mich heran, dass wir die nächste Stadt erreicht hätten. Die Raucher wurden abermals vertröstet und so richtete sich ihr Sehnen auf die darauffolgende Station. Hier wurde es richtig voll. Der Busbegleiter erschien oben, um die letzten freien Plätze auszumachen. Jetzt war es auch um meinen Nebensitz geschehen. Mit viel Glück konnte ich abwenden, dass sich ein nach Bier und Rauch stinkender, lallender Mann mit Plastiktüte neben mich setzte. Unglücklicherweise bekam er den Sitz hinter mir, die Dame hatte ein Einsehen gehabt, aber wohl auch auf einen angenehmeren Zeitgenossen gehofft. Ich blickte zwischen die Sitze hindurch nach hinten, sah ihren genervten Blick, während sie die Zwischenlehne herunterklappte und mit ihrem zierlichen Körper schließlich ganz ans Fenster rückte. Im Gang vor mir stand eine junge Frau – meine Chance. Ich zupfte an ihrer nassen Winterjacke und bot ihr den Fensterplatz neben mir an. Sie brauchte eine Weile, um ihre Sachen zu verstauen. Doch kaum saß ich wieder, hatte sie sich schon zur Seite gedreht. Da ich vergessen hatte, die Lehne zwischen ihr und mir auszuklappen, geriet ich in eine fast schon pikante Situation. Meine neue Sitznachbarin musste sehr müde sein, denn wenig später hörte ich ihre regelmäßigen Atemzüge, während sich ihr Hintern immer stärker gegen meine Hüfte drückte. Ein Dagegenhalten, ging mir durch den Kopf, verbot sich wohl, denn wer weiß, ob sie das nicht missverstehen würde. Ich beschloss, den Körperkontakt dem engen Platz zuzuschreiben, was ja auch nicht falsch war, und versuchte einzuschlafen. Der nächste Halt würde erst wieder in zwei Stunden sein, die Busfahrer hatten gewechselt und auch die Ausgabe von Snacks und Getränken war mit wenig Vorwarnung eingestellt worden. Eine friedliche Ruhe würde sich über die Reisegruppe legen, dachte ich, und sollte mich leider täuschen.

Hinter mir wurde es laut. Die Dame protestierte kurz aber energisch. Offenbar war ihr betrunkener Sitznachbar gegen die Schlafende gesackt. Es folgte eine lallende Schimpftirade, die bald dem Öffnen einer weiteren Bierdose, harten Schluckgeräuschen und einem herzhaften Rülpser weichen sollte. Mir war immer klar, dass es himmelweite Unterschiede zwischen einzelnen Biermarken gibt. Aber dass ein Bier so schlecht sein konnte, machte mir erst der Dunst klar, der mich fortan umnebeln würde: Allem Anschein nach war das Bier noch nicht fertig gebraut, es roch wie im Stuttgarter Süden, wenn die örtliche Brauerei wieder Maische ansetzte. Leider kam es noch schlimmer. Zuerst dachte ich die bordeigene Toilette hätte ein Leck, doch dann meldete sich der Busbegleiter noch einmal mit einer Durchsage: „Sie habbe gemerkt-e: Unser Bus stinkt-e. Wer Schuhe ausgezoge, bitte wieder anziehe! Wer gute Parfüm hat, bitte – bitte! – benutze! In Bus rein sprühe!“ Nein, bitte nicht auch noch schlechtes Parfum, ich hatte kein Zutrauen zu meinen Mitfahrern, dachte an Altmänner-Rasierwasser vom Discounter, an Sprühdosen-Deo, Kölnisch Wasser und weihrauchschwere Damendüfte. Was würde schlimmer sein?

Hinter mir rumorte es wieder, in der Zwischenzeit hatte es mindestens fünfmal gezischt und geklickt. Aber die Bierwolke kam nicht mal mehr gegen den Gestank der Schweißfüße an, Parfum hatte wohl niemand greifbar gehabt. Den Betrunkenen schien das nicht zu stören, er grummelte etwas von „Scheiß-Typen hier“, von der schlechten Welt und davon, dass er nicht schlafen könne. „Was willste machen, ey, in dem Scheiß hier“, lallte er, nahm ein paar Schlucke und rülpste in das stinkende Schweigen, das nur leise vom eintönigen Brummen des Motors und dem regennassen Rauschen der Reifen untermalt wurde. Der angekündigte Schnee war offenbar ausgeblieben. Ich machte jetzt, was ich vor vielen Jahren bei der Bundeswehr gelernt habe, ich nahm die Situation vollständig an, ergab mich ihr und ließ innerlich los. So schlief ich mit allerlei Gestank in der Nase, einem grummelnden Hintermann, schnarchenden Nebensitzern zur Rechten und meiner aufdringlichen Nachbarin zur Linken schließlich doch noch ein.

An der vorletzten Station stieg der halbe Bus aus, auch meine hübsche Begleiterin, die trotz der körperlichen Nähe gleichwohl kein Lächeln und gerade mal ein dürres Tschüs für mich übrig hatte. Dafür freute ich mich auf die neu gewonnene Beinfreiheit. Auch der Trinker wechselte den Platz, ließ sich zwei Reihen weiter vorne in die Sitze fallen und schnarchte bis zu meiner Zielstadt durch. Ich blieb wach, überlegte, wie ich die Zeit zwischen der frühen Ankunft und meinem Termin überbrücken könnte, freute mich eigentlich auch schon wieder auf die Heimfahrt. Als ich endlich an die frische Luft kam, dämmerte der Wintermorgen, am Himmel stand noch der Mond. Ein schwerer Tag lag vor mir. Was war da schon eine Fahrt mit dem Stink-Bus…

©Martin Bensen