L wie Loser

Was für eine Schnapsidee! Alles. Er ist komplett nass. Das Handy! Es war auch unter Wasser. Verdammt! Er hat extra nur das Smartphone mitgenommen, die Hotelkarte in die Schutzhülle gesteckt. Falls er einen Herzinfarkt bekommt, weiß man schnell, wer er ist, kann man … Nein, Anhörige verständigen, fällt aus. Seit Freitag hat er keine mehr. Nicht mal mehr die eine. Sie hat ihn verlassen. Als er es endlich begriffen hatte, ist er geflohen, erst wollte er zum Flughafen, in die Wärme fliegen. Dann tat er sich so leid, dass er sich lieber an einem einsamen, grauen Strand sehen wollte. Jetzt ist er da – und klitschnass.
Weiterlesen

Kreislauf des Lebens

Jahrein, jahraus das gleiche Spiel: Immer zum Ende blickt alles zurück, erinnert sich, stößt uns mit der Nase drauf – es gibt kein Entkommen, außer vielleicht am Nordpol, in der Wüste oder  – mit viel Willenskraft – im  digitalen Entzug, im Kloster oder an einem Ort, zu einer Zeit, in der man ganz bei sich sein kann. Denn wenn ich mich gar nicht erinnern will? Einfach nur leer sein, einfach auslaufen will?
Weiterlesen

Ah geh (Herbst)

Am grauen Himmel rasen
Düstere Wolkenfetzen
Wie Rauch von einem Brand
Wie Pulverdampf im Krieg

Noch leuchtet Herbstlaub
Gelb, rot – wie frisches Blut
Bald stehen kahle Birken
Gerippen gleich – bleich, tot

Letzte Blüten wie Tränen
Rinnen erschöpft zu Boden
Werden Erde, Humus, Dreck
Was mal war, ist ewig weg

Deine Währung, mein Freund,
Sind Sommer, warmes Mittendrin
Herbste nicht, Winter, Frühlinge
Nur eine steht für Tod? Ah geh …

©Martin Bensen

Irrlichtern

Heißa welch ein Summen
Ein mannigfaltig Brummen
Hassgelenkter Wörterstampf
Rechtsgedrehte Haberei
Zum Schein nur Trübgefunzel
Ein Fackellauf von Fakes
Im Schlafe wandeln Schafe
Lichtern irr und wirr umher
Und Nacht umdunkelt wieder
Was ans Licht gezerrt gehört

©Martin Bensen

Sylvie (Concarneau)

Heiß, viel zu heiß. Das war so nicht ausgemacht. Bretagne geht anders. Dachte er. Ist den langen Weg gefahren, weil er genau ihr entfliehen wollte: der sengenden Hitze, die seit Wochen über dem Süden Deutschlands hängt. Der allem zusetzenden Trockenheit. Der lähmenden Trostlosigkeit. Hier an der Nordküste wollte er die bretonische Brandung spüren, rau und ungestüm. Frisch. Er hat auf das Tosen des Meeres gehofft, auf Gischt an Felsen, das Heulen des Windes, darauf, dass sich die Zunge endlich vom Gaumen löst, sei auch Salz auf den Lippen, dass das Wetter bretonisch ist – ruppig und kalt. Solcher Art scheint aber nur die Katze zu sein, die ihn unvermittelt anfaucht.
Weiterlesen

Kulturschock

Er war schon einige hundert Mal in der Galerie gewesen, doch heute starrten die Bilder zurück, so sehr, dass er sie nach dem ersten Schock fragte, was sie von ihm wollten, woraufhin er natürlich keine Antwort bekam, stattdessen starrten sie nur weiter, was sie zunehmend dümmlich aussehen und ihn zugleich ratlos werden ließ, sodass er beschloss, die Galerie auf schnellstem Wege und für immer zu verlassen.

©Martin Bensen

Sentir le sable (Saint-Malo)

Das Meer ist weit draußen, der Strand unendlich. Zwei Freundinnen kommen Arm in Arm aus den bretonischen Mauern. Die eine schlank in weißer Hose, weiß-blauem Ringelpulli, an den Füßen taubenblaue Slipper. Die andere übergewichtig in rot-grün-weißem, luftigem Rock, rotem T-Shirt und Pumps. Sie trägt einen Strohhut. Sie humpelt. Die schlanke Freundin stützt sie, geht trotzdem aufrecht, leichtfüßig, vielleicht war sie früher einmal Model. Jetzt betritt sie den gelben Sand, löst sich von ihrer Freundin, die auf die seitliche Mauer zusteuert, sich mit einer Hand abstützt. Dort, wo der Strand beginnt, tänzelt die Schlanke auf der Stelle, murmelt etwas von »feinem Sand«, bückt sich, nimmt mit drei Fingern eine Probe, zerreibt sie und nickt – und schaut doch etwas angeekelt. Feiner Sand. Krauses Näschen.
Sie geht auf ihre Freundin zu, die gebückt an der Mauer steht und an ihren Schuhen nestelt, die Riemchen endlich gelöst und sie von ihrer Freundin gereicht bekommt. Mit ihren Pumps in der Hand steuert sie auf den Sand zu, die Schlanke folgt ihr, lässt ihre Schuhe aber an. Sie muss ihre Freundin nicht mehr stützen. Die lacht jetzt, krallt sich mit ihren Zehen in den feinen Sand, reißt sich den Hut vom Kopf, langes blondes Haar wird gleich vom Wind erfasst. Jetzt tänzelt sie voran, immer schneller, sie wendet ihr Gesicht zur Sonne, lässt ihr Haar im Wind flattern, breitet die Arme aus, in der linken Hand die Schuhe, in der rechten den Hut. Sie will nicht fliegen, sie will nur den Sand spüren, die Sonne, den Wind.
Ihre Freundin folgt ihr. Steif. Beherrscht.

©Martin Bensen

Champs de bataille

Nicht im TGV nach Paris
Doch auf der Autoroute
Erfährt jeder Reisende:
Felder und Wälder waren
Einst die Champs de bataille

Wenig zeugt noch von
Den Schlachten
Den Stellungskriegen
Der sinnlosesten Sinnlosigkeit
Menschlichen Verbrechens

Ein paar Schilder nur
Wer hier stoppt, sieht eine
Armee von weißen Kreuzen
Bald passé beim Shoppen
Auf der Champs-Élysées

©Martin Bensen