Lächeln – zu spät

In meinem Alter jenseits der Sechzig rechne ich nicht mehr damit, dass mich eine Frau anlächelt. Die wenig jüngeren oder gleichaltrigen beschwert ihr eigener Alltag, sie rechnen sich auch nicht aus, einem Lächeln zu begegnen, und wenn überhaupt, einem milden, nachsichtigen, mitleidigen. Ganz anders das Lächeln, das mir an einem Abend im August auf dem Schillerplatz begegnete.
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Zuckerjungs

Zwei junge Männer im Bordbistro, Zug aus München. Sie sitzen an dem kleinen Tisch einander gegenüber, sehen aus dem Fenster, an dem eine eintönige Landschaft vorbeizieht. Vielleicht ist alles gesagt, unter Brüdern, sie sehen sich ähnlich, haben beide dieses breite Gesicht, weit auseinander stehende Augen, die bei dem einen, dem jünger wirkenden Mann, etwas hervortreten, bei seinem Gegenüber zusammengekniffen sind. Der Ältere trägt eine Art Arbeitsjacke, blau verwaschen, der andere ein Fußballtrikot, Bayern München, es trägt auf, kaschiert kaum seine über den Hosenbund wabbelnden Hüften.
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Winziger Tod

Regen rauscht ein fernes Grummeln
Aus der nassen Sommernacht hat sich
Ein winziges Insekt ins Licht verirrt
Es setzt sich auf das R von Richter

Mein aufgeschlagenes Buch Seite 149
Kindeswohl von Ian McEwan

Ich wische sanft und doch zu fest
Hätte ich doch nur gepustet
So stirbt es, das kleine Insekt
Zerrieben auf dem R von Richter

Ich schließe das Buch, die Todesseite
Sterben ist immer absolut

©Martin Bensen

An der Förde

An der Förde liegen Leichen
Einfach so am Strand herum
Wie sie starren und verbleichen
Wie sie vergehen, still und stumm

Da hilft kein Klagen und kein Klammern 
An der Förde weht ein anderer Wind
Lass man gut sein und nicht jammern
An der Förde weht ein anderer Wind

An der Förde brechen Bäume
Aus dem Wald ins Bodenlose
Dem Hang entrutschte Träume
Ausgelaugte Ahnungslose

An der Förde thront der Wald
Über seinem bleichen Abgesang
Ein Raunen im Wind, warte nur bald
Ragt das, was noch krallt, ins Nichts

©Martin Bensen

(Musikalische Umsetzung in der Art eines Schunkel-Seemannsliedes …)

Stella mortis

Kalter Nebel verschleiert alles
Verrat dringt durch jede Ritze
Du strahlst, eine falsche Sonne
Ohne Wärme, ein Bannstrahl
Natürlich ist Liebe auch in dir
Wer weiß, in einer anderen Welt
Hier ist dein Kuss ein Judaskuss
Süßes Marzipan Bittermandeltod
Der Stern, der dein Name sei,
Brandmarkt Millionen zu Tode
Auch jene, die dich so hießen
Ihr Ende nicht in deiner Macht

©Martin Bensen

Gleichrichter

Es gibt Menschen
Die Horizonte erweitern
Und es gibt Menschen
Die in einen Tunnel führen

Jene sind solche
Die denken lassen
Diese sind die
Die eintrichtern

Erstere sind zu wenige
Letztere immer die Vielen
So sehen zwar alle die Sonne
Und gehen doch ins schwarze Loch

©Martin Bensen

Tag 1, D

Räson

Die Räson ist ein schleichendes Gift
Sie ist nicht Vernunft, die Verstand
Und Gefühl aufhebt als höchstes Prinzip
Unverrückbar, unbestechlich, menschlich

Die Räson ist ein schleichendes Gift
Sie tut so wichtig wie die Vernunft
Doch ist sie nur ihr blutleeres Abbild
Unnahbar, unfrei, unmenschlich

©Martin Bensen

Tag X, Dreikönig, Österreich

Brief

Meine Liebe,
Briefe sind keine Zeitkapseln
Sie retten nicht Vergangenes
Nur weil sie selbst überdauern
Wofür dann noch, für wen?
Manch ein Wort verblasst
Wie Papier einmal zerfällt
Manche stechen noch hervor
Doch nicht mehr ins Herz
Das Umweltpapier hält stand
Nur nicht die Tinte darauf
Das haben wir nicht gewusst
Geheimschrift des Vergessens
Verschwunden wie Gefühl
Nicht Liebe ist es noch
Als wenig wehe Wehmut
Nicht dein Geruch, dein Bild
Nur die Erinnerung daran
Leere folgt aus Großem
Das meine Seele einst erfüllte
Mehr als Worte sagen konnten
Jetzt bleiben nur die Worte
Leere Hüllen ohne Sinn
Am Anfang war kein Wort

Es bleibt auch nicht am Ende

In Liebe