In meinem Alter jenseits der Sechzig rechne ich nicht mehr damit, dass mich eine Frau anlächelt. Die wenig jüngeren oder gleichaltrigen beschwert ihr eigener Alltag, sie rechnen sich auch nicht aus, einem Lächeln zu begegnen, und wenn überhaupt, einem milden, nachsichtigen, mitleidigen. Ganz anders das Lächeln, das mir an einem Abend im August auf dem Schillerplatz begegnete.
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Zuckerjungs
Zwei junge Männer im Bordbistro, Zug aus München. Sie sitzen an dem kleinen Tisch einander gegenüber, sehen aus dem Fenster, an dem eine eintönige Landschaft vorbeizieht. Vielleicht ist alles gesagt, unter Brüdern, sie sehen sich ähnlich, haben beide dieses breite Gesicht, weit auseinander stehende Augen, die bei dem einen, dem jünger wirkenden Mann, etwas hervortreten, bei seinem Gegenüber zusammengekniffen sind. Der Ältere trägt eine Art Arbeitsjacke, blau verwaschen, der andere ein Fußballtrikot, Bayern München, es trägt auf, kaschiert kaum seine über den Hosenbund wabbelnden Hüften.
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Liebe – warum?
Warum sollte ich dich lieben?
Unsere Begegnung im Wald so schattenhaft. Als wäre sie nicht wahr. Als wärest du nicht wahr. Dünn. Blass. Todesgleich. Lebst du überhaupt?
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Winziger Tod
Regen rauscht ein fernes Grummeln
Aus der nassen Sommernacht hat sich
Ein winziges Insekt ins Licht verirrt
Es setzt sich auf das R von Richter
Mein aufgeschlagenes Buch Seite 149
Kindeswohl von Ian McEwan
Ich wische sanft und doch zu fest
Hätte ich doch nur gepustet
So stirbt es, das kleine Insekt
Zerrieben auf dem R von Richter
Ich schließe das Buch, die Todesseite
Sterben ist immer absolut
An der Förde
An der Förde liegen Leichen
Einfach so am Strand herum
Wie sie starren und verbleichen
Wie sie vergehen, still und stumm
Da hilft kein Klagen und kein Klammern
An der Förde weht ein anderer Wind
Lass man gut sein und nicht jammern
An der Förde weht ein anderer Wind
An der Förde brechen Bäume
Aus dem Wald ins Bodenlose
Dem Hang entrutschte Träume
Ausgelaugte Ahnungslose
An der Förde thront der Wald
Über seinem bleichen Abgesang
Ein Raunen im Wind, warte nur bald
Ragt das, was noch krallt, ins Nichts
(Musikalische Umsetzung in der Art eines Schunkel-Seemannsliedes …)
Stella mortis
Kalter Nebel verschleiert alles
Verrat dringt durch jede Ritze
Du strahlst, eine falsche Sonne
Ohne Wärme, ein Bannstrahl
Natürlich ist Liebe auch in dir
Wer weiß, in einer anderen Welt
Hier ist dein Kuss ein Judaskuss
Süßes Marzipan Bittermandeltod
Der Stern, der dein Name sei,
Brandmarkt Millionen zu Tode
Auch jene, die dich so hießen
Ihr Ende nicht in deiner Macht
Autonomes Denken
Denken auf Autopilot – autonomes Gedankenfliegen über Abgründe. Daraus purzelt durchaus Sinnvolles, wenngleich nichts Geniales. Wie geht das? Wovor beschützt mich autonomes Denken? Weiterlesen
Eine Kerze im Fenster
Sie stellt eine Kerze ins Fenster
Gegen die Kälte da draußen
Mehr noch gegen das Dunkel
Der Erinnerungen
Sie stellt eine Kerze ins Fenster
Am Jahrestag des Feuersturms
Auch gegen den neuen Sturm
Der Entrüstungen
Im Fenster brennt eine Kerze
Zum Gedenken ihrer selbst
Mehr bleibt nicht übrig als
Das Vergessen
Gleichrichter
Es gibt Menschen
Die Horizonte erweitern
Und es gibt Menschen
Die in einen Tunnel führen
Jene sind solche
Die denken lassen
Diese sind die
Die eintrichtern
Erstere sind zu wenige
Letztere immer die Vielen
So sehen zwar alle die Sonne
Und gehen doch ins schwarze Loch
Tag 1, D
Räson
Die Räson ist ein schleichendes Gift
Sie ist nicht Vernunft, die Verstand
Und Gefühl aufhebt als höchstes Prinzip
Unverrückbar, unbestechlich, menschlich
Die Räson ist ein schleichendes Gift
Sie tut so wichtig wie die Vernunft
Doch ist sie nur ihr blutleeres Abbild
Unnahbar, unfrei, unmenschlich
Tag X, Dreikönig, Österreich
Brief
Es bleibt auch nicht am Ende
In Liebe
Spot – 19/12/24
Solange ich mich im Wald bei meinem Selbstgespräch noch umdrehe, mich erschrocken meines Alleinseins vergewissere, solange bin ich noch nicht alt. Denke ich. Oder?