… on barriers. Kein Rock’n’Roll. Diese Stadt ist weit entfernt davon. Nicht aber vom Wahnsinn. Wie keine zweite scheint sie die Farben weiß und rot zu lieben, Schrankenfarben, die Farben der Absperrgitter. Überall stehen die Barrieren aus Kunststoff, vermehren sich auf gar wundersame Weise, besonders im Sommer. In diesem Wettlauf haben Autofahrer keine Chance. Sie treffen auf sie wie der Hase auf den Igel. Wie im Märchen der Brüder Grimm ist sie immer schon da: die Absperrung. No way.
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Willkommen im Wartesaal
Sie ist eine notorische Zeitdiebin, eine Wiederholungstäterin, unverbesserlich. Ihre Beute ist Zeit. Lebenszeit, in Summe ganze Menschenleben – jeden Tag. Sie drangsaliert ihre Opfer mit dem Schlimmsten aller Foltern, sie zermürbt sie, durch Anlocken und Zuückweisen, ein manchmal stundenlanges Ringen und Vexieren; die Unberechenbarkeit ist ihr schärfster Dolch, tiefe Stiche in zarte Hoffnungen, das Brennen in den Wunden der Enttäuschung. Kollektives Leiden in zugigem Milieu, Viren haben leichtes Spiel. Wer ist diese Geißel der Menschheit oder besser: der Deutschen?
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Hands off
Eine Frau mit Hijab sitzt auf der Stange einer Beetbegrenzung, sie spricht, gestikuliert mit beiden Händen, dreht ihren Kopf zur Seite, jetzt sehe ich das Handy, es steckt seitlich in der Falte des Tuchs in Höhe des Ohrs – ich muss lachen. Sie lächelt zurück.
Behringer rastet aus
Endlich am Gardasee. Die Strecke nach Torri del Benaco zog sich hin, zuletzt wollte er nur noch ankommen, in der Sonne, im Sommer, nach Tagen des Regens zu Hause. Doch er kommt nicht an, nicht mit dem Herzen, es ist, als bliebe es auf Abstand, das alte Städtchen mit den vielen Lokalen, vom kleinen Bootshafen bis weit nach Norden, wo das Ufer einen Knick macht, sich für Boote und Badende öffnet, die Gassen voller Menschen und Musik, die Düfte, das Licht und die Wärme des Südens. Darauf hat er sich gefreut. Und all das ist da – nur nicht für ihn. Zwölf Stunden ist er gefahren, per Bahn und Bus, er wollte es so, dachte, das ist noch wie früher per Interrail, aber das ist es nicht, es fordert ihn mehr als damals, vielleicht hätte er sich auch erholt bis zum Abend, doch sie beschäftigt ihn weiter, betäubt ihn regelrecht: die Sache im Zug.
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Lächeln – zu spät
In meinem Alter jenseits der Sechzig rechne ich nicht mehr damit, dass mich eine Frau anlächelt. Die wenig jüngeren oder gleichaltrigen beschwert ihr eigener Alltag, sie rechnen sich auch nicht aus, einem Lächeln zu begegnen, und wenn überhaupt, einem milden, nachsichtigen, mitleidigen. Ganz anders das Lächeln, das mir an einem Abend im August auf dem Schillerplatz begegnete.
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Zuckerjungs
Zwei junge Männer im Bordbistro, Zug aus München. Sie sitzen an dem kleinen Tisch einander gegenüber, sehen aus dem Fenster, an dem eine eintönige Landschaft vorbeizieht. Vielleicht ist alles gesagt, unter Brüdern, sie sehen sich ähnlich, haben beide dieses breite Gesicht, weit auseinander stehende Augen, die bei dem einen, dem jünger wirkenden Mann, etwas hervortreten, bei seinem Gegenüber zusammengekniffen sind. Der Ältere trägt eine Art Arbeitsjacke, blau verwaschen, der andere ein Fußballtrikot, Bayern München, es trägt auf, kaschiert kaum seine über den Hosenbund wabbelnden Hüften.
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Liebe – warum?
Warum sollte ich dich lieben?
Unsere Begegnung im Wald so schattenhaft. Als wäre sie nicht wahr. Als wärest du nicht wahr. Dünn. Blass. Todesgleich. Lebst du überhaupt?
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Winziger Tod
Regen rauscht ein fernes Grummeln
Aus der nassen Sommernacht hat sich
Ein winziges Insekt ins Licht verirrt
Es setzt sich auf das R von Richter
Mein aufgeschlagenes Buch Seite 149
Kindeswohl von Ian McEwan
Ich wische sanft und doch zu fest
Hätte ich doch nur gepustet
So stirbt es, das kleine Insekt
Zerrieben auf dem R von Richter
Ich schließe das Buch, die Todesseite
Sterben ist immer absolut
An der Förde
An der Förde liegen Leichen
Einfach so am Strand herum
Wie sie starren und verbleichen
Wie sie vergehen, still und stumm
Da hilft kein Klagen und kein Klammern
An der Förde weht ein anderer Wind
Lass man gut sein und nicht jammern
An der Förde weht ein anderer Wind
An der Förde brechen Bäume
Aus dem Wald ins Bodenlose
Dem Hang entrutschte Träume
Ausgelaugte Ahnungslose
An der Förde thront der Wald
Über seinem bleichen Abgesang
Ein Raunen im Wind, warte nur bald
Ragt das, was noch krallt, ins Nichts
(Musikalische Umsetzung in der Art eines Schunkel-Seemannsliedes …)
Stella mortis
Kalter Nebel verschleiert alles
Verrat dringt durch jede Ritze
Du strahlst, eine falsche Sonne
Ohne Wärme, ein Bannstrahl
Natürlich ist Liebe auch in dir
Wer weiß, in einer anderen Welt
Hier ist dein Kuss ein Judaskuss
Süßes Marzipan Bittermandeltod
Der Stern, der dein Name sei,
Brandmarkt Millionen zu Tode
Auch jene, die dich so hießen
Ihr Ende nicht in deiner Macht
Autonomes Denken
Denken auf Autopilot – autonomes Gedankenfliegen über Abgründe. Daraus purzelt durchaus Sinnvolles, wenngleich nichts Geniales. Wie geht das? Wovor beschützt mich autonomes Denken? Weiterlesen
Eine Kerze im Fenster
Sie stellt eine Kerze ins Fenster
Gegen die Kälte da draußen
Mehr noch gegen das Dunkel
Der Erinnerungen
Sie stellt eine Kerze ins Fenster
Am Jahrestag des Feuersturms
Auch gegen den neuen Sturm
Der Entrüstungen
Im Fenster brennt eine Kerze
Zum Gedenken ihrer selbst
Mehr bleibt nicht übrig als
Das Vergessen