Kreta

Ode von 1987

Im Sonnen-Glanze liebst du das Meer um dich
Ruhst still im Spiel der Wellen mit Kiesperlen
In Felsenbuchten zwischen Spalten
Sammeln sich Schaumrosen an den Steinen

Wenn dann der Nordwind dir du Verbrennende
Durch Schluchten treibend tief in die Täler dringt
Berührt er Blüten doch an Dornen
Reißend verschlingen ihn lautlos Höhlen

©Martin Bensen

Allein steh ich

Allein steh ich an eurem Grab
Gedenke eurer, unserer Leben
Dessen, was nicht mehr kommt
Wenn überhaupt noch etwas

Es ist als frören wir uns ein
In Agonie und Einsamkeit
Und in stiller Angst erstarrt
Als wär’n wir jetzt schon tot

Doch so überdauern wir nicht
Sterben mehr als dass wir leben
Nur jene Welt liegt mir zu Füßen
Allein steh ich an meinem Grab

©Martin Bensen

Rabe und ich

Ich weiß nicht ob du mir
Aus Märchen oder Sagen
Oder weil du rabenschwarz
So diabolisch stets erschienst

Wie erscheine ich nun dir
Bist du meiner dir bewusst
Und ist auch mein Erleben
Ein Gegenstand des deinen

©Martin Bensen

Tübinger Forscher haben erstmals Bewusstseinsprozesse im Gehirn von Vögeln nachgewiesen – eine Fähigkeit, die man bisher nur bei Menschen und anderen Primaten belegen konnte. Durch eine Messung von Hirnsignalen sei einer Forschungsgruppe der Universität Tübingen erstmals der neurowissenschaftliche Nachweis gelungen, dass Rabenvögel über subjektives Erleben verfügen.

Im Café

Dort sitzen sie sich gegenüber
Die eine redet viel mit Gesten
Auf die mit großen Augen ein
Es scheint Gewichtiges zu sein

Ein Monolog ist es wohl mehr
In dem die vielen Worte nicht
Um Verständnis buhlen müssen
Es scheint was Fesselndes zu sein

Niemand kann die Beiden stören
Selbst jener Ohrenzeuge nicht
Der herzhaft drüber lachen muss
Dass es um einen Stellplatz geht

©Martin Bensen

Kein Herbst

Lässt du mich also schon
An Fäulnis schnuppern
Den Duft des Abgesangs

In Haufen welken Laubs

Doch deine Kälte fehlt
Der Nebel auf dem Feld
Das fahle Sonnenlicht

Sein Spiel ins Abendrot

Noch weht der Südwind her
Der selbst in langen Schatten
Das letzte Grün dem nimmt

Der erst noch kommen soll

©Martin Bensen

Wenn das Urteil fällt

Er oder sie fällt ein Urteil
Das Urteil selbst fällt nicht
Fällt niemals nur aus sich
Fällt womöglich milde aus
Doch auch das nicht von allein

Und mag es eines zum Tode sein
Ist es mindestens ein Mensch
Der entscheidet und verkündet
Und immer auch ein Henker
Der es dann vollstrecken muss

Willentlich ist der Prozess
Und selbst auf dem Schafott
Fällt wohl nichts von ganz allein
Das Fallbeil etwa ebensowenig
Wie die Falltür unterm Galgen

©Martin Bensen

Regen

So sehnsuchtsvoll erhofft
So bald auch schon verflucht
Erst stillt er unseren Durst
Dann weicht er alles auf
Trommelt weiter ohne Rast
Auf Dächer Haut und Nerven
Macht die meisten flügellahm
Doch manchen auch zum Täter

©Martin Bensen