Traum

Das Personal in meinen Träumen
Ist unfreundlich, nicht menschlich
Kein Wunder, es sind Träume
Sagst du dort, wo du sonst nie bist
Nicht bist wie du – nicht du bist
Wie all das geträumte Personal
Unfassbar, unnahbar, unwirklich
Anders als in jeder Erzählung
Vielleicht, weil jeder Traum
Auch den Träumenden erzählt
Schon Gedanke, stößt er mich
In die wache Welt

©Martin Bensen

Herbstlaub

Ein Stückchen

Beim Altenheim kommt der Herbst früher.
»Das ist die Natur«, sagt der Gärtner. »Die jungen Bäume kriegen ihr Laub schneller, dafür verfärbt es sich früher wie bei den alten.«
»Als! Hm, aber ja«, sagt der Passant. »Sehr früh, würde ich sagen. Der September ist ja kaum rum. Zum Glück ist das bei uns Menschen anders.« Er deutet auf seine blonde Fönfrisur und auf das schüttere graue Haar des Gärtners.
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Winziger Tod

Regen rauscht ein fernes Grummeln
Aus der nassen Sommernacht hat sich
Ein winziges Insekt ins Licht verirrt
Es setzt sich auf das R von Richter

Mein aufgeschlagenes Buch Seite 149
Kindeswohl von Ian McEwan

Ich wische sanft und doch zu fest
Hätte ich doch nur gepustet
So stirbt es, das kleine Insekt
Zerrieben auf dem R von Richter

Ich schließe das Buch, die Todesseite
Sterben ist immer absolut

©Martin Bensen

An der Förde

An der Förde liegen Leichen
Einfach so am Strand herum
Wie sie starren und verbleichen
Wie sie vergehen, still und stumm

Da hilft kein Klagen und kein Klammern 
An der Förde weht ein anderer Wind
Lass man gut sein und nicht jammern
An der Förde weht ein anderer Wind

An der Förde brechen Bäume
Aus dem Wald ins Bodenlose
Dem Hang entrutschte Träume
Ausgelaugte Ahnungslose

An der Förde thront der Wald
Über seinem bleichen Abgesang
Ein Raunen im Wind, warte nur bald
Ragt das, was noch krallt, ins Nichts

©Martin Bensen

(Musikalische Umsetzung in der Art eines Schunkel-Seemannsliedes …)

Stella mortis

Kalter Nebel verschleiert alles
Verrat dringt durch jede Ritze
Du strahlst, eine falsche Sonne
Ohne Wärme, ein Bannstrahl
Natürlich ist Liebe auch in dir
Wer weiß, in einer anderen Welt
Hier ist dein Kuss ein Judaskuss
Süßes Marzipan Bittermandeltod
Der Stern, der dein Name sei,
Brandmarkt Millionen zu Tode
Auch jene, die dich so hießen
Ihr Ende nicht in deiner Macht

©Martin Bensen

Gleichrichter

Es gibt Menschen
Die Horizonte erweitern
Und es gibt Menschen
Die in einen Tunnel führen

Jene sind solche
Die denken lassen
Diese sind die
Die eintrichtern

Erstere sind zu wenige
Letztere immer die Vielen
So sehen zwar alle die Sonne
Und gehen doch ins schwarze Loch

©Martin Bensen

Tag 1, D

Räson

Die Räson ist ein schleichendes Gift
Sie ist nicht Vernunft, die Verstand
Und Gefühl aufhebt als höchstes Prinzip
Unverrückbar, unbestechlich, menschlich

Die Räson ist ein schleichendes Gift
Sie tut so wichtig wie die Vernunft
Doch ist sie nur ihr blutleeres Abbild
Unnahbar, unfrei, unmenschlich

©Martin Bensen

Tag X, Dreikönig, Österreich

Brief

Meine Liebe,
Briefe sind keine Zeitkapseln
Sie retten nicht Vergangenes
Nur weil sie selbst überdauern
Wofür dann noch, für wen?
Manch ein Wort verblasst
Wie Papier einmal zerfällt
Manche stechen noch hervor
Doch nicht mehr ins Herz
Das Umweltpapier hält stand
Nur nicht die Tinte darauf
Das haben wir nicht gewusst
Geheimschrift des Vergessens
Verschwunden wie Gefühl
Nicht Liebe ist es noch
Als wenig wehe Wehmut
Nicht dein Geruch, dein Bild
Nur die Erinnerung daran
Leere folgt aus Großem
Das meine Seele einst erfüllte
Mehr als Worte sagen konnten
Jetzt bleiben nur die Worte
Leere Hüllen ohne Sinn
Am Anfang war kein Wort

Es bleibt auch nicht am Ende

In Liebe

De-

Moll ist dir lieber als Dur
Dein Singen geht nach innen
Dein Spiel aus dir heraus
Dann lachst du bist ganz da

Bis du dann wieder gehst
Hinab zu dir ganz bei dir bist
Wo nichts ist nur alles eng
Das macht der Tunnel
Zwischen dir und draußen

Das Licht der Sog von da
Kalte Vernunft greller Tag
Brechen ein in deine Nacht
Erhellen nichts blenden nur
Zu Tränen die nicht versiegen
Dir nichts leichter machen

So wenig wie Umarmungen
Die nicht tief genug rühren
Deine Seele kaum wärmen
Vielleicht diesen Schmerz
In deinem Kopf etwas lindern

Einmal gehst du raus in die Welt
Raus aus dir in weites Land
Dort breitest du die Arme aus
Spürst du wie die Welt dich hebt?

©Martin Bensen





leeres land [namibia]

long not winding road windy sandy dusty
busch geduckt im sonnenbrand
wind wirbelt säulen aus staub
verbohrt sich in gedorn verdorrt
versiegtes nass gewittert von wild
akazien grünen über nacht
blattwerk an stachelgiftgesträuch
pap im pott ungepoppter weißmaisbrei
stalagmiten ragen sandverbacken
äste benestert von weberwesen
wanderdünen wellendeko rotverweht
gelbgefels schwarzweißstein rosa braun
sand sand sand geröll geröll gebirge
autoreifen wie kadaver halbvergraben
game not gambling chasing one will die

©Martin Bensen

Steinsoldaten

Gesichter schälen sich grimmig
Aus dem schwarzen Felsgeröll
Dem Gräberfeld im Wüstenstaub
Steingebilde erheben sich daraus
Formen sich zu Panzerkörpern
Erst stolpern sie noch ungelenk
Marschieren bald in Reih und Glied
Ein düsterer Trupp im Tod vereint
Ein kalter Lavastrom im Nirgendwo
Zum Kraterrand strebt die Armee
Soldaten fallen, Menschen sterben
Sinnlos jeder – wie in jedem Krieg

©Martin Bensen