Ein magischer Moment

Eine Weihnachtsgeschichte

Gibt es die eine Liebe? Oder ist sie vielgestaltig, von jedem Menschen unterschiedlich stark empfunden – wie der Hass? Ist die Liebe absolut? Oder gibt es verschiedene Grade? Wer oder was kann ermessen, wie sehr ich liebe? Wie will ich es vergleichen? Jede Liebe ist einzigartig und gleichzeitig universell – über ein Leben hinaus. Was sie vermag, zeigte mir ein einziger Moment kurz vor Weihnachten. Ein magischer Moment.

Nein, auch ein großer Geist wie er war nicht übermächtig, er hatte sich ja schon lange vor seinem Tod verflüchtigt. Mein Vater starb sieben Tage vor Weihnachten im Alter von 82 Jahren, erlöste sich aus seiner geistigen Umnachtung und mich aus einer überaus zähen, zermürbenden Verpflichtung. Zehn Jahre lang war ich aus dem tiefsten Süden in den hohen Norden gefahren, hatte ihn besucht in seiner vornehmen Altersresidenz, einem wahren Schloss von Pflegeheim direkt am Meer. Stilvoll – stilgerecht. Mein feiner Herr Vater hatte seit seinem Umzug, der Haushaltsauflösung in Harvestehude, die andere für ihn erledigten, nicht sein unnützer Sohn, seinen Verstand langsam und unaufhaltsam verloren, doch zuvor hatte er sein Verschwinden minutiös geplant, hatte in einem langen, nach Paragraphen sortierten Brief all das bestimmt, was nach seinem geistigen, später körperlichen Tod geschehen müsse. So war er, der Herr Professor, der preisgekrönte Philosoph, dem nichts ferner lag als die Schwärmerei, nichts näher als die Vernunft nach den absoluten Prinzipien eines Immanuel Kant. Mit der gleichen rationalen Konsequenz hatte er schon vor zwanzig Jahren seine Frau, meine Mutter, »unter die Erde gebracht«, wie er sich ausdrückte, auf eine formvollendete wie disziplinierte, aber keine sichtbare Trauer duldende Weise, war diese doch nur ein Ausdruck von Schwäche, die keinesfalls über die Vernunft siegen konnte, entsprechend kühl, beinahe spöttisch beäugte er meine Tränen an Mamas Grab, sie hatte ich gemocht, wenn auch nicht recht respektiert, zu sehr war sie meinem Vater verpflichtet, heimlich ließ sie mir Geld zukommen – ein Almosen, ich war der missratene Sohn, unglücklicherweise ihr einziger.

Ich hatte lange gebraucht für alles, aber vor allem dafür, mich zu befreien. Nach dem Internat fädelte ich aus. Karl, einst hoffnungsvoll nach dem nicht minder verehrten Philosophen Karl Popper benannt, zog in den äußersten Süden, weit weg von Zuhause, das keines für mich war. Lange brachte ich nichts zustande, liebäugelte nur kurz mit der linken Szene, spielte ganz ordentlich Gitarre, schrieb Songs und wusste doch, dass ich etwas »Anständiges« machen musste, wollte ich mich ganz von meinen Eltern lossagen, den mütterlichen Geldzuwendungen, die stets auffliegen konnten, was einer Katastrophe gleichgekommen wäre, sie gingen mir auch zunehmend gegen den Strich. Irgendwie schlitterte ich in einen Ausbildungsberuf, wurde Finanzbeamter, leitete sogar eine Abteilung, schrieb nebenher weiter an Songs und Gedichten, meiner Herzenslyrik. Ja, ich hatte immer Liebe in mir, aber ich war allein mit ihr, unfähig, sie einem anderen Menschen zu geben. Es blieb bei vagen vaginalen Vorstößen, wie ich meine kurzen Beziehungen verspottete – ich hasste mich dafür. Irgendwann gab ich es auf, die eine Frau zu suchen, die meinen kalten Panzer sprengen, sich meines wunden Herzens annehmen würde, es schien sie nicht zu geben in dieser Welt, nicht für mich. Ich igelte mich ein, verbrachte Weihnachten und Silvester im Bett, nur einmal mietete ich mich in einer Pension in den Bergen ein, machte mich bei Eiseskälte auf in die vollkommene Stille der schneebedeckten Alpen. Der Fahrer einer Pistenraupe fand mich halb erfroren, in einem seelischen Ausnahmezustand. Was folgte, waren unangenehme, nichts bewirkende Therapiegespräche, Kollegen auf Distanz, der Verlust meiner Leitungsfunktion und ein Einzelbüro mit einem winzigen Fenster. Ich nahm das alles hin.

Erst durch einen Brief von einer Anwaltskanzlei erfuhr ich, dass mein Vater in ein Heim gezogen war. Alles sei erledigt, ich müsse ihn lediglich einmal pro Jahr besuchen, wollte ich überhaupt etwas erben, stand da, selbstverständlich in geschliffeneren Worten. Ich war so wütend, dass ich der Kanzlei umgehend per Mail antwortete, sie könnten sich das Erbe sonstwohin schieben, nein, ich hatte keine Nacht darüber geschlafen, auch am nächsten Morgen nichts bereut und am übernächsten einen weiteren Brief vorgefunden – natürlich hatte mein Vater meine Reaktion vorhergesehen. Auf Büttenpapier mit feinem, aber energischem Federstrich bat er mich zum Gespräch, die Angelegenheit dulde keinen Aufschub. Also reiste ich kurz vor Weihnachten 2013 in den hohen Norden, fand meinen Vater in einem monströsen Sessel an einem Kamin vor, wo er mir mit einem spröden Siegerlächeln den anderen, bescheideneren Platz zuwies. Ich weiß noch jedes Wort – so viele waren es nicht -, sehe ihn noch vor mir, sein asketisch-strenges Gesicht, seine schlohweiße Gelehrtenfrisur, seine kontrollierte Haltung, der vornehme Hausanzug, das Wasserglas, an dem er nippte mit seinen schmalen, blassen Lippen, und ich erinnere mich, dass ich für einen Moment versucht war zu fragen, ob er jemals einen Menschen geküsst habe. Aber wozu, ich war sein Sohn, nicht nur biologisch, war ich viel besser?

Hör genau zu, hatte er gesagt, es gibt nur eine Sache, um die ich dich bitte – bitten muss … Er erläuterte mir in wenigen präzisen Worten, um was es ging. Es lief darauf hinaus, dass ich als sein einziger Nachkomme, seine Lehre wachhalten sollte, damit er, der bald alles vergessen würde, nicht dem kollektiven Vergessen anheimfalle, sein Lebenswerk weiterzutreiben mit neuen, unveröffentlichten Gedanken. Er übergab mir ein schweres Buch mit Ledereinband, sein Vermächtnis, wie er es nannte, das nicht als Ganzes publiziert werden dürfe, sondern kapitelweise, in Form von jährlichen Aufsätzen, er bevollmächtige mich, zu jedem Wintersemester ein Traktat aus jenem handgeschriebenen Buch als Manuskript zu fassen und beim Verlag einzureichen, zuvor aber – das wäre die Bedingung – müsse ich ihm das entsprechende Kapitel vorlesen, hier an diesem Ort, ganz gleich, wieviel er noch verstünde. Warum er nicht seine Kanzlei beauftrage, wollte ich wissen, nicht ohne Zorn. Hier gehe es um kein Geschäft, war seine knappe Antwort, gefolgt von einem Seufzen. Und plötzlich war er mir verletzlich erschienen, zum ersten Mal und auch nur kurz, verdattert hatte ich das Buch genommen, er hatte sich abgewendet, und während ich mich erhob, sah ich, dass sich auf den weißen Sand noch weißerer Schnee legte, der in windverwirbelten Flocken aus dem grauen Himmel fiel. Der Moment kam mir noch lange unwirklich vor, selbst mit dem Buch vor Augen, das jetzt, nach seinem Tod, wohl als ganzes publiziert werden würde.

Ich tat, was er wollte, reiste immer im Frühsommer zu ihm, las ihm vor, distanziert und ohne die Texte zu durchdringen, irgendwann versiegte bei ihm jedes Erkennen. Es war mir egal. Nein, es war mir lästig. Doch ich widerstand der Versuchung, die Lesungen abzukürzen, brauchte sogar länger, weil mich der Strand lockte – der Anblick reichte mir, ich blieb nie länger, fuhr noch am selben Tag die lange Strecke zurück. Jedesmal zu Weihnachten schickte der wissenschaftliche Verlag die gesammelten Rezensionen und Diskussionen an meine Adresse, als wären sie ein Geschenk, aber auch das hatte mein Vater verfügt. Bis heute habe ich nichts davon gelesen.

Die Trauerfeier mit anschließender Beisetzung war auf den Nachmittag des 23.12. terminiert. Auch das eine Provokation. Zu allem Überfluss hatten die Meteorologen Schnee und Eisglätte vorhergesagt, die Medien jubelten über die Aussicht auf weiße Weihnachten, der Norden könne sich glücklich schätzen. Als ob. Ich musste ein Hotelzimmer nehmen, was zu den Feiertagen alles andere als einfach war, und als ich auch beim zwanzigsten Versuch keines fand, ließ ich es bleiben. Zur Not würde sich etwas finden – und wenn nicht, würde ich im Auto übernachten, dicke Decken hatte ich.

Was hatte ich erwartet? Ich kam noch gut an, gerade rechtzeitig, im Radio häuften sich die Wetterwarnungen, mein Smartphone leuchtete immer wieder auf. Ich stellte das Auto etwas außerhalb an der Promenade ab und begab mich in den kleinen Ort. Wo im Sommer Urlauber flanierten, boten kleine, mit Tannenreisig und Lichterketten geschmückte Hütten Glühwein, Gebäck und Gebasteltes an. Die wenigen Menschen genossen den beschaulichen Weihnachtsmarkt, wärmten sich an ihren Tassen und aneinander. Das Fest der Liebe – und ich wie ein Fremdkörper mittendrin. Die ersten Schneeflocken fielen, begleitet von einzelnen Windböen. Ich machte mich auf den Weg zur angegebenen Adresse, einer Kirche, größer als gedacht, und zu meiner Überraschung waren die meisten Bänke bereits besetzt. Schräg vor dem Altar stand ein dunkler Eichensarg mit einem weißen Blumengesteck darauf, Kränze und Gestecke umgaben den gesamten Altarraum, das normale Kirchenlicht erhellte die Szenerie, die Weihnachtsbeleuchtung war aus, der Weihnachtsbaum dunkel. Hatten wir zu Hause je einen Tannenbaum? Ich wusste es nicht mehr. Es war mir auch nicht wichtig. Vielleicht deshalb meine Amnesie.

Ein dicklicher Mann in Soutane, zweifellos der Pfarrer, eilte auf mich zu, noch ehe ich mich in eine der hinteren Bänke quetschen konnte. Ob ich der Sohn des Professors sei. Ich nickte knapp, hielt er doch ein Foto von mir in der Hand. Er werde mir alles erklären, sagte der Mann und zog mich am Ärmel meines Mantels mit. Rechts vom Altar machte er Halt, wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn, ich blickte auf die blinkenden Lichter eines Mischpults, sah eine Konzertgitarre und einen Mikrofonständer.
»Ihr Vater schreibt, dass Sie mal Musik gemacht haben.«
»Mein Vater …?« Ich brach ab, Fluchtreflex.
»Nein, bleiben Sie!«
Ich drehte mich um. »Das«, stammelte ich, »das kann er nicht verlangen.«
»Dann wenigstens das Requiem von CD, hier, Sie müssen nur diesen Knopf drücken, mehr nicht.« Hektisch zeigte er nach oben zur Empore, erklärte mir, dass die Hamburger Orchestermusiker das Risiko scheuten, die Straßen seien schon glatt und jetzt habe auch der Schneefall eingesetzt, man müsse improvisieren – ein Wunder, dass die Kirche schon so voll sei, beziehungsweise kein Wunder: etliche Trauergäste seien bereits am Vortag angereist, Philosophen, Theologen, alles, was Rang und Namen hat, sogar die Politik sei vertreten – »wobei …«
Während ich den Blick über die zumeist weißhaarigen Köpfe schweifen ließ, verstummte der Pfarrer, sank in sich zusammen. Er tat mir leid, und so schwer würde meine Aufgabe nicht sein, also ließ ich mir erklären, welchen Knopf ich wann zu drücken hatte, welcher Regler bei möglichen Rückkopplungen der richtige wäre. Nach der Predigt käme ich dran, vielmehr das Requiem von Mozart, nur die ersten drei Teile bis zum Tag des Gerichts, einschließlich, das sei wichtig, davor sei eine kleine Pause, nicht dass ich da stoppte, nein erst nach ziemlich genau neun Minuten.
»Sie schaffen das, Ihr Vater würde sich freuen.« Damit entfernte sich der Pfarrer, ich merkte ihm die Erleichterung an. Er war nett, fand ich, und doch war ich enttäuscht, dass er sich nicht bei mir gemeldet hatte, vielleicht hatte ihm das mein Vater in seinen Post-mortem-Anweisungen verboten.

Nervös sah ich auf die Uhr. Noch eine Stunde. Inzwischen war der Wind zu einem Sturm geworden, er übertönte das vereinzelte Räuspern und Husten, das Flüstern. Immer wieder knallten die beiden Kirchentüren ins Schloss, es erschreckte mich bald nicht mehr. Ich hatte am Mischpult Platz genommen, verbarg mich so gut es ging dahinter, spürte dennoch die bohrenden Blicke. Dass mein Vater auch nach Jahren der Demenz noch so viel Aufmerksamkeit erhielt, lag nicht zuletzt an seinen Aufsätzen, die ich jedes Jahr an den Verlag gab. Aber wer kennt mich schon, dachte ich. Auf mich als Person war nie jemand aufmerksam geworden. Warum auch? Mein Beitrag war nur eine Formalie, mit Inhalten hatte ich nichts zu tun. Schwerer wog, dass mein Vater die Familie immer außen vor gelassen hatte, zu Empfängen war er stets allein gegangen, auch schon, als meine Mutter noch lebte. Dabei hatte auch sie einen bildungsbürgerlichen Hintergrund, hatte Theologie studiert und in einem seiner Tutorien gesessen, hatte meinen Vater bewundert. Ich fragte mich oft, warum er sie zur Frau genommen hatte, aus purer Eitelkeit oder am Ende doch nur einer seelenlosen Konvention, der bürgerlichen Fassade wegen? Der hochverehrte, preisgekrönte Philosoph war menschlich nicht mehr als ein Kleingeist, ein herzloser, nicht nur materialistisch geiziger Mann – groß nur auf dem Papier. Aber sollte der Allmächtige über ihn richten, immerhin hatte der Philosoph Gott einen Platz in seiner Ethik eingeräumt, keineswegs aber in seinem Herzen.

Als bliese der Wind selbst in die glitzernden Pfeifen hob die Orgel an, sie würde dem stärksten Sturm trotzen, dachte ich, wie die alte Kirche selbst. Die schwermütige Melodie ergriff mich, rührte an einem Punkt tief in mir. Tränen schossen mir in die Augen, vernebelten meinen Blick, ich konnte nicht anders als weinen, jetzt doch, nicht um meinen Vater, um den zuletzt – da war sie wieder, diese abgrundtiefe Traurigkeit, mein Lebensblues.
»Verzeihen Sie, darf ich mich neben Sie setzen?«
Ich sah auf, wischte mir die Tränen aus den Augen. Ihr Blick war mitfühlend und fragend zugleich, ein liebes Gesicht.
»Ich werde Sie auch bestimmt nicht stören.«
Jetzt erst sah ich den Pfarrer vor dem Altar, sämtliche Bänke, auch auf der Empore, waren belegt, ganz hinten mussten bereits einige Trauergäste stehen.
»Bitte«, sagte ich, während die Orgel verklang. Die Frau setzte sich auf den Stuhl neben mir, bedankte sich mit einem Nicken und blickte zum Altar. Der Pfarrer begrüßte die Gemeinde.

Ich konnte seinen Worten nicht folgen. Immer wieder sah ich auf den Ablauf, auf das Mischpult, den grün leuchtenden Knopf mit dem Dreieck, PLAY, meine Aufgabe. Vor all diesen Leuten hatte ich nur diese zu erfüllen, ein letzter Dienst an meinem Vater, ein winziger, aber jetzt hing alles von mir ab, jetzt brauchte er mich, der große Gelehrte, über den die Trauerrede handelte, die Predigt – die Predigt! Der Pfarrer verharrte auf der Kanzel, sah auffordernd zu mir.

Stille. Selbst der Wind schien eine Pause zu machen. Jetzt! Du musst nur den Knopf drücken! Sohn? Die Stimme meines Vaters. Mein Finger zitterte, näherte sich dem grünen Knopf, der mir jetzt heller vorkam, mich fast blendete. Drück. Endlich. Den. Knopf!
Ich drückte, verfehlte ihn fast. Er gab nach, wechselte von grün zu weiß. Sonst geschah nichts. Keine Musik, nur Stille. Dann eine Hand. Ihre Hand. Warm und weich. Auf meiner. Sie führte sie zu dem Regler, den sie sanft nach oben zog. Jetzt hörte ich das Orchester, das Crescendo, von leise zu laut, als wüsste ich das nicht, schon drückte ihre Hand mit meiner den Regler wieder nach unten, bis zur Markierung, da war sie ja, ich Idiot, gerade noch rechtzeitig vor dem Einsetzen des Chors. Sie nahm meine Hand, legte sie auf mein Knie, behielt ihre darauf, so lauschten wir dem ergreifenden Requiem von Mozart. Doch mich ergriff etwas anderes.

Ich erinnerte mich nicht, wann ich jemals so ruhig gewesen war. Ich spürte, wie ich mich zum ersten Mal seit langem vollständig entspannte, auf eine hellwache, leichte und angenehme Weise, ähnlich wie damals in den Bergen, im Schnee, nur dass mich dort Schwärze umgab, weiße Kälte betäubte. Etwas tief in mir begann zu strahlen, warm, hell. Ich wollte lachen, da drückte die fremde Hand sanft meine. Ich öffnete die Augen und zur Kyrie, dem lebhaften Gesang, schlug mein Herz höher, als ich in das lächelnde Gesicht der Frau neben mir blickte, ihre feucht schimmernden Augen, die Fältchen einer Frohnatur, während der Chor zum Ende kam, die Stimmen verhallten und wieder Stille eintrat. Meine Hand wollte zum Knopf, doch ihre Hand ließ es nicht zu – richtig: die Pause! Und genau in diese Stille drang ein einziger Ton, ein Glockenton, hell und fröhlich, nicht wie der einer Totenglocke, die Turmuhr schlug zur Viertelstunde und mein Herz schien es ihr gleichzutun, ich konnte nicht anders, ich jauchzte, kein anderes Wort beschreibt besser meine Regung in diesem Moment, so zugetan, dieser Frau, die mir plötzlich so vertraut war und die mich jetzt umarmte. Dies irae erklang, umfing uns, schweißte uns zusammen, während die Welt unterging und das Jüngste Gericht begann, nein, wir zittern und bitten nicht, wir sind schon erlöst. Und wir lösten uns gerade rechtzeitig zum Ende der Sequenz. Zielsicher fand mein Finger den Knopf, und als ich zum Altar hinaufblickte, schritt der Pfarrer lächelnd zum Mikrofon, um die erste Trauerrede anzukündigen, zweifelsohne eine Laudatio.

Wir warteten nicht länger, stürzten wie Kinder Hand in Hand nach draußen, wo es bereits dämmerte. Der Sturm hatte sich gelegt, einige Tannen waren umgestürzt, ihre Lichter glommen noch durch den Schnee, der die Küste in eine verwehte, zauberhafte Winterlandschaft verwandelt hatte. Wir stapften lachend in Richtung Strand, in der Ferne blinkten die Lichter des Hafens wie Weihnachtsbaumkerzen, weiter vorne das gleichförmige Pulsen des Leuchtturmkegels gleich einem funkelnden Stern.
»Klara.«
Ich nahm ihre ausgestreckte Hand, wie albern, so formell.
»Ich heiße Karl, ich weiß der Name ist …«
Klara legte ihren Zeigefinger über meine Lippen. »Weißt du«, flüsterte sie, »in diesem einen Moment, als die Glocke die Stille erfüllte, da erkannte ich dich. Ein seltsames Wort, aus der Bibel, glaube ich, es passt so gut für das, was ich …«
»Ich weiß, was du meinst. Mir ging es genauso. Ein wahrhaft magischer Moment. Wie von einer höheren Macht gesteuert.«
»Und doch warst du es, Karl! Dein Zögern, Gott weiß, weshalb. Aber manchmal braucht es einen Moment. Er macht etwas möglich. Und er verändert alles.«

Der Trauerzug mit dem Sarg an der Spitze war längst verschwunden – ohne mich. Der Klang der Kirchenglocken wechselte von traurig-getragen zu feierlich-festlich und schließlich freudig. Jetzt war Zeit für das Leben. Und die Liebe. Für Weihnachten.

©Martin Bensen