Erst ganz hinten hob das Flugzeug ab, verschwand wie eine Geistererscheinung im Nebel des Novembermorgens. Hier, wo ich stand, hatte er, der jetzt mit meinem Ticket flog, jeden Tag ausgeharrt. Wie sehnsuchtsvoll er durch das Panoramafenster gestarrt hatte, zugleich geduldig, lange bevor die Maschine nach Laos an den Start gehen würde. Nur ihr galt sein Sehnen. Ich habe es beendet, jetzt war es an ihm, dass sich sein einziger Wunsch erfüllte, sein letzter in diesem Leben.
Ich hatte mich in das Fastfood-Restaurant begeben, der Aussicht wegen, hinter dem großen Fenster erstreckte sich der Besucherbalkon des Flughafens, der an diesem Morgen aber geschlossen war. Doch mit einem Kaffee konnte man sich nah genug heransetzen, um das Rollfeld zu überblicken, den Wechsel von Starts und Landungen zu beobachten. Mein Flieger ging erst am frühen Nachmittag, ich hatte noch viel Zeit. Besser so als gestresst, ich war gerne lange vor der Abreise am Flughafen, so oft flog ich nicht.
Den Mann am Fenster hatte ich erst gar nicht bemerkt. Er stand schräg vor mir, lehnte gegen die Säule, doch sein Körper wirkte seltsam angespannt – wie sein Blick, der den Horizont abzusuchen schien. Viel war nicht zu erkennen, der Nebel lichtete sich nur langsam, und wenn ein Flugzeug landete, war es erst kurz vor dem Aufsetzen zu sehen. Den Mann schien das nicht zu stören. Erst jetzt fiel mir auf, dass er kein Gepäck bei sich trug, überhaupt sah er aus wie ein Obdachloser, seine langen, gelblich-grauen Haare lagen kreuz und quer verklebt um seinen Kopf, als hätte er sich eine Mütze vom Kopf gezogen. Tatsächlich knetete er eine mit beiden Händen, die einzige Bewegung an diesem Mann mit dem schmuddeligen Mantel, den abgewetzten Hosen und den durchgetreten Sneakers.
»Ist armer Mann, aber guter Mann.« Ein osteuropäischer Akzent. Die Servicekraft schüttelte den Kopf, nahm meine leere Kaffeetasse vom Tisch.
»Was ist mit ihm?«, fragte ich schnell.
Die Frau winkte ab. »Vermisst sie sehr«, raunte sie mir zu. »Ist jeden Tag hier, jeden Tag.« Kopfschüttelnd wandte sie sich ab.
Ich hatte den Mann nicht aus den Augen gelassen. Er bemerkte es. Für eine Sekunde trafen sich unsere Blicke, seiner warf mich um. Nie zuvor hatte ich in einem Augenblick so viel Schmerz und zugleich ein solches Aufblitzen von Hoffnung gesehen, vereint zu einem Flehen, das mich völlig unvorbereitet traf. Es hielt mich nicht länger auf meinem Platz.
»Darf ich Sie zu einem Kaffee einladen?«, sprach ich ihn an.
»Dürfen Sie«, sagte der Mann, der jünger klang, als er aussah, und mich dankbar anlächelte.
Ohne zu zögern, setzte er sich auf meinen Platz. So habe er das Geschehen im Blick, sagte er mit einem Seufzer, die Augen unverwandt nach draußen gerichtet, die Mütze auf dem Schoß.
Ich bestellte zwei Kaffee und ein Croissant für den unbekannten Gast an meinem Tisch. Auch das nahm er dankbar an, aß es mit Appetit, den Kaffee laut schlürfend. Ich trank vorsichtig, blickte wie er nach draußen. Als sein Teller und seine Tasse leer waren, rieb er sich den Bauch und sah mich zum ersten Mal richtig an, ruhig, fast vertraut, als wäre ich ein alter Bekannter. Er hatte klare blaue Augen, als junger Mann war er wohl sehr hübsch gewesen. Sein Gesicht hatte eine symmetrische Form, Nase und Mund waren so ebenmäßig, dass selbst die Falten sie mehr umschmeichelten als entstellten, eine Rasur würde Wunder bewirken. Wie alt war er wirklich? Wahrscheinlich nicht älter als sechzig.
»Und? Wohin geht die Reise?«, fragte er, sein Blick wechselte rasch zwischen mir und dem Fenster. Es machte mich etwas nervös.
»Nach Laos«, sagte ich und augenblicklich verzog sich sein Gesicht zu einem breiten Grinsen.
»Lao, ach ja …« Wie weich seine Stimme klang. Liebevoll.
»Sie kennen Laos, scheint mir.«
»Kennen … ja.« Seine Miene verfinsterte sich unversehens. »Danke«, sagte er knapp und wollte schon aufstehen.
»Wollen Sie …« Ich berührte seine Hand, was ihn sichtlich irritierte, sodass ich sie schnell zurückzog, aber ich wollte ihn nicht gehen lassen. »Möchten Sie mir davon erzählen.«
Der Mann zögerte, sah fast panisch zum Fenster, als entginge ihm dort draußen etwas, als hielte ich ihn von etwas Wichtigem ab. Dann plötzlich ein bitterer Blick zu mir.
»Sie verpassen noch Ihre Maschine«, knurrte er.
»Oh, das glaube ich nicht. Ich habe noch fast drei Stunden Zeit.«
»Ich weiß«, sagte er, jetzt sanfter, beinahe resignativ, und setzte sich wieder.
Ich zögerte, sagte es dann doch: »Ihr Blick … Er hat mich berührt. Ist Laos so schmerzhaft für Sie?«
»Nicht Lao … Das Land ist mein Leben.« Der Mann sah mich durchdringend an. »Aber ich darf dort nicht sein. Nicht mehr.« Er wandte sich wieder zum Fenster. »Ich war so jung wie Sie, als ich sie fand.« Mit leiser Stimme begann er zu erzählen.
Mai haben sie ihn genannt, Mai für Mike, eigentlich Michael, Verschlusslaute am Ende eines Wortes lassen die Laoten gerne weg, vielleicht klingt die fremde Sprache zu hart in ihren Ohren, Trauma aus einer anderen, nicht vergessenen Zeit, Laute wie Schüsse, ein Zischen wie in Laos widersetzt sich wohl ihrem Sprachempfinden, der Harmonie ihrer Seele. So weich wie ihre Sprache ist ihr Gemüt, ihre ganze friedfertige Persönlichkeit. Mike fühlt sich schnell zuhause in »Lao«, den Menschen verbunden wie selten denen eines anderen Landes, und obwohl Laos ihm am Anfang erscheint wie ein Land mit Grauschleier, anders als das gefällige, touristisch schon erschlossene und dadurch auch teils verdorbene Thailand, so lernt Mike bald die eigenen Qualitäten des Nachbarlandes ohne Meer schätzen, das einfache, fast unschuldige Leben am Fluss. Er bleibt in Luang Prabang, der Stadt an zwei Flüssen, wohin sich Mitte der neunziger Jahre nur wenige Rucksacktouristen wie er verirren, wo er sie kennenlernt, seine erste, seine einzige Liebe.
Mike wollte nicht gleich durchstarten, nicht gleich in den Beruf einsteigen. Er, der angehende Lehrer für Deutsch und Geschichte, wollte zuvor die Welt bereisen. Ein kleines Erbe verschaffte ihm den finanziellen Spielraum. Dass er ausgerechnet in Laos hängenbleiben würde, hatte er sich nicht ausgemalt. Am Ende aber ist er aus Thailand geflüchtet, auch von Vientiane, der laotischen Hauptstadt an der Grenze, und weiter nördlich, in Luang Prabang, gelandet. Hier ist ihm alles recht, hier findet er schlagartig Ruhe. Die freundlichen Menschen begegnen ihm herzlich, verehren ihn beinahe, den hochgewachsenen Blonden mit den blauen Augen, selbst die buddhistischen Mönche lächeln ihn an, während er sich wundert, dass sie, obwohl es ihnen eigentlich verboten ist, Geld annehmen und dadurch mehr »in der Welt« als in ihrem Glauben leben, dafür aber eine heilsgewisse Gelassenheit verkörpern, einen ganz in sich selbst ruhenden Frieden – den Mike immer schon gesucht hat und hier in Laos, an diesem Abschnitt des Mekong, endlich findet.
Den »Siddhartha« lesend, hat er am Fluss gesessen, sich wie der Lernende Buddhas in seinem Fließen verloren, als er die junge Frau entdeckt, wie sie am Ufer Wäsche eintaucht und walkt, die nassen Bündel neben sich legt, um sie noch einmal zu spülen, triefend in einen Korb legt, den sie hebt – da ist er zur Stelle, er bietet ihr seine Hilfe an, darf den Korb tragen, aber nur an der einen Seite, die andere hält sie, sie zieht ihn samt Mike in ihre Richtung, während das Wasser unten herauspladdert, eine Spur in den rötlichen Staub legt, zu einem Haus mit einem weiß-gelb blühenden Baum davor, einem Frangipani, dessen Duft ihn augenblicklich betört. Umso härter der Aufprall, als sie den Korb loslässt, auf einer Steinplatte, von der ein Pfahl hochragt, an dem sich oben Wäscheleinen verzweigen. Er sieht die junge Frau fragend an, doch sie schüttelt den Kopf und jetzt erkennt er, wie schön sie ist, die Augen fast mandelförmig, ihr Mund wie ein Herz, rot zur hellen Haut, heller als die der meisten Menschen hier, und erst ihr Haar, seidig glänzend, tiefschwarz, mein Schneewittchen, denkt er und fühlt sich tatsächlich wie in einem Märchen.
»Please go!«, sagt sie. Er hört das Flehen in ihrer Stimme, sieht ihr Zittern, während sie sich ängstlich zu ihrem Haus umsieht.
»Luk Sao!« Eine männliche Stimme.
»My father. Please go. Go!« Sie schiebt ihn weg, eilt zum Haus.
Mike betrachtet den Korb mit der nassen Wäsche. Er weiß, dass er gehen muss.
In den folgenden Tagen ist er immer wieder am Fluss. Das Haus des Mädchens meidet er. Er hofft, dass sie kommt. Freiwillig. Es wäre ein Zeichen. Dass auch sie ihn mag. Wie er sie. Mehr noch: Er hat sich in sie verliebt. Keine Nacht vergeht ohne Träume von ihr, nicht alle sind schön. Die Realität bricht ein, die Stimmen in seinem kargen Guesthouse, der frühe Lärm von draußen, der beißende Gestank nach kokelndem Holz, das Stöhnen vom Paar nebenan, es treibt ihn noch in der Nacht hinaus, aber auch am Fluss stört ihn früh das Leben, das Dröhnen der Bootsmotoren, erst gegen Mittag wird es still. Und heiß. Auch Mike sucht Schatten, findet ihn in einer Garküche. Er bestellt sich ein großes Beerlao und Reis mit Gemüse. Seit er hier ist, hat er kein Fleisch mehr gegessen, aber er trinkt viel, bildet sich ein, dass Bier ihn beruhigt, ihn nicht betäubt wie der Reisschnaps aus den Plastikflaschen, dass es ihn durchströmt wie der Fluss, an dem Siddhartha sitzt, ein wenig auch seine Leidenschaft dämpft, seine Einsamkeit, die er jetzt umso härter empfindet. Mit wem soll er auch reden? Die wenigen Touristen bleiben unter sich, ziehen schnell weiter. Hier findet er keine Freunde, keinen Anschluss.
Sie kann Englisch, fällt ihm plötzlich ein. Ob sie das in der Schule gelernt hat? Überhaupt wirkt sie so anders, so wach und verständig unter den einfachen Menschen hier. Und ausnehmend schön, fast überirdisch. Er sehnt sich nach ihr, nach ihrer Nähe. Dann ist sie da.
Erst glaubt er an ein Trugbild. Aber sie ist es, serviert ihm das Bier, öffnet die Flasche, schenkt ihm sogar ein. Sie lächelt, blickt ihn an, vielsagend – oder täuscht er sich?
»Enjoy«, sagt sie und verschwindet im hinteren Teil des offenen Raumes.
Doch wenig später, als sie ihm den Teller mit dem Reisgemüse hinstellt, flüstert sie ihm etwas zu.
»Tonai, Mae Nam Khong, you know, where …«
Er versteht erst nicht, traut seinen Ohren nicht, dann ist er sich sicher: Sie wird am Mekong sein und auf ihn warten, heute Abend. Sein Herz beginnt wie wild zu schlagen, der Puls schnürt ihm den Hals zu, er kann nichts essen, nicht einmal von dem Bier trinkt er. Er legt ein paar Kip-Scheine auf den Tisch und verlässt das Lokal.
Der Nachmittag hängt fest wie Klebreis, die Zeit will nicht vergehen, ihm ist schlecht. Jetzt bloß nicht schlappmachen. Dann endlich geht die Sonne unter, da ist er schon am Fluss, er weiß ja, wo. Lange glüht der Himmel nach, bis sich endlich Dunkelheit über den Mekong, das Reisfeld und die bewaldeten Berge senkt und auch die Zikaden zur Ruhe kommen. Immerhin etwas Natur, er vermisst die Vögel, aber die fangen sie hier, essen sie oder verhökern sie auf dem Markt wie alle möglichen Tiere – schon tot oder gerade noch lebendig.
Es hat abgekühlt, doch Mike fühlt sich heiß, fast fiebrig. Er glüht, als sie erscheint, sich gleich neben ihn in die Böschung setzt, als kennten sie sich schon eine Ewigkeit, als läge gar nicht fern, dass sie noch in fünfzig Jahren hier säßen, sich still und einmütig erinnerten an ihre erste Begegnung, als sich ihre Hände fanden, an den Abenden darauf ihre Lippen und sich alles andere ergab, das Einswerden wie eine Bestimmung ihrer beider Leben.
»Louksao«, hat er geflüstert, an ihrem zweiten Abend. Hatte diese männliche Stimme im Haus sie nicht so gerufen?
Sie hat den Kopf geschüttelt. »No, no«, hat sie gelacht. »My father say. Louksao is daughter. I‘m Thipphachan …«, sie hat auf den hellen, fast vollen Mond gezeigt.
»Better say Pimai.«
»Mike«, hat er gesagt und auf sich gezeigt. »Only Mike. Or just Mai.«
»Mai«, hat sie gelacht. »Mai and Pimai.«
Da haben sie sich das erste Mal geküsst.
Sie bleiben vorsichtig und doch passiert es: Sie werden beobachtet. Das leise Plätschern, sicher nur ein Fisch, sagt er, oh no, sagt sie, oh no, rasch umhüllt sie ihren Körper, ist weg, bevor er sich auch nur aufrichten kann, sich anziehen, als das Boot zu ihm ans Ufer stößt, der Mann schreiend auf ihn zustürzt, ihn nicht zu packen kriegt, nur sein Hemd, sodass er flieht, rennt, mit bloßem Oberkörper sein Guesthouse erreicht, wo er seine Sachen zusammenrafft, panisch, nur weg von hier, irgendwohin, wo er in aller Ruhe nachdenken kann. Doch am Ausgang warten schon zwei Männer. Sie sehen nicht aus wie Polizisten, aber sie packen ihn so, zerren ihn zu einem Tuktuk, auf die Ladefläche, keilen ihn dort ein, ihre Griffe zeugen von Körperkraft, schon setzt sich das Fahrzeug in Bewegung.
Mike ist wie gelähmt. Er kann keinen klaren Gedanken fassen. Immer wieder sieht er den Schatten auf sich zuspringen, den Mann aus dem Boot, er spürt noch die Griffe der zwei Männer, die ihn zur Polizeistation geschleppt haben, die Fahrt über eine holprige Straße, wie die, über die er aus Vientiane hierher gekommen ist, eine halbe Weltreise, da ist noch alles gut gewesen. Und trotzdem bereut er nichts. Nie ist ihm etwas wertvoller erschienen, als diese Liebe.
»Nan lè! Pimai!« Obwohl sich die Stimme überschlägt, erkennt er sie. Sie gehört dem Mann in dem Haus, Pimais Vater. Er reißt die Tür auf, will sich auf Mike stürzen, doch zwei junge Polizisten halten ihn zurück, führen ihn hinaus. »Nan lè«, hört er wieder, bevor die Tür zugeschlagen wird.
Mike hat Durst, der Raum ist fensterlos, stickig und heiß. Immerhin hat man ihm keine Handschellen angelegt, ihn nicht am Stuhl fixiert – es hätte ihn nicht gewundert. Die Tür öffnet sich erneut. Die zwei Polizisten kommen herein, begleitet von einem dritten Mann, er sieht europäisch aus. Sein Blick ist nicht gerade freundlich, als er Mike eine Wasserflasche reicht und »Guten Tag« murmelt. Er könne froh sein, dass man ihm hier nicht den Prozess mache, sagt der Mann mit vorwurfsvoller Miene, er vermeidet es, Mike anzusehen, dafür starren ihn die zwei Polizisten umso hasserfüllter an.
»Wie idiotisch aber auch.« Der Mann räuspert sich. »Machen Sie bloß, dass Sie wegkommen, ich regel das hier.«
Mike will wissen was los ist, fällt aus allen Wolken, als er erfährt, dass seine liebe, schöne Pimai erst sechzehn Jahre alt ist. Doch das ist noch nicht alles. Er habe ihr Gewalt angetan, lautet der Vorwurf. Als Mike aufspringt, sich rechtfertigen will, greifen die Polizisten schon zu ihren Pistolen, doch der deutschsprechende Mann hebt die rechte Hand, legt den Zeigefinger der linken über seine Lippen, und Mike wird klar, dass er keine Chance hat. Dass ihm nur noch die Flucht bleibt.
»Thipphachan, Strahlender Mond … Wie oft habe ich ihren Namen gerufen, auch Pimai, was Neujahr heißt. Aber es half ja nichts.« Mikes Blick war längst nicht mehr auf das Rollfeld gerichtet, die Start- und Landebahn weiter hinten, heller jetzt, eine fahle Sonne vertrieb den Nebel nur langsam. Der Mann blickte wie abwesend durch mich hindurch. Der zweite Kaffee war über sein Erzählen kalt geworden. Inzwischen musste die Maschine nach Laos eingetroffen sein. Aber es schien Mike nicht mehr zu interessieren. Tränen glitzerten in seinen Augen.
Er hat sie nie wieder gesehen, nie wieder von ihr gehört, obwohl er über die Jahre auch im Internet nach ihr fahndet, in Foren Rat sucht, wo man ihm, wie anfangs auch ein Anwalt, dringend abrät, tätig zu werden oder gar noch einmal nach Laos zu reisen. Unterschwellig unterstellt man ihm das Gleiche wie die Einheimischen in Laos, und so wird Mike vorsichtiger, er meidet erst recht die sozialen Medien, hütet sich davor, etwas über sich und sein Schicksal preiszugeben – dort gibt es nur Hass. Wem kann Mike begreiflich machen, dass er kein Verbrecher ist, wohl nicht einmal nach laotischem Recht, dass der Vater nur seine Tochter schützen wollte, was Mike ja versteht, wie kann er ihn oder sonst jemanden nur überzeugen, dass es Liebe ist und dass Pimai sie doch auch empfindet? Oder etwa nicht?
Nach der Verzweiflung kommen die Zweifel. Irgendwann hat Mike zu trinken begonnen, es erscheint ihm folgerichtig, auch das, was der Alkohol anrichtet: die Entlassung, der soziale Abstieg, Obdachlosigkeit. Und doch lässt sie ihn nicht los, die Liebe zu dieser Frau, der er alles Glück wünscht, dort am Mekong, ihrem beider Fluss – dort, wo sie hätten glücklich werden können. Was hätte noch aus ihr werden können an seiner Seite – aus ihm an ihrer Seite. Er hätte ihr die Welt zu Füßen gelegt, hier in Deutschland oder in Laos, er hätte sich auch ihrer kleinen Welt gefügt – wenn sie doch nur hätten zusammenbleiben können.
Irgendwann hat Mike begonnen, wenigstens seine Gedanken auf die Reise zu schicken, wenn er sie schon nicht unternehmen kann, weil ihm nun schlicht die Mittel fehlen. Er wird Dauergast am Flughafen, man lässt ihn, hat Mitleid, gibt ihm, was übrig bleibt, auch wenn er ja nicht deswegen kommt. Wenigstens die Zeit ist gnädig, die Vorwürfe von damals verblassen, übrig bleibt seine Liebesgeschichte – und sie spricht sich herum. Ohne ihn zu fragen, hört sich jemand von den Behörden um, erfährt, dass nichts gegen Mike vorliegt, weder auf nationaler Ebene, noch in Luang Prabang, der Stadt, die kurz nach Mikes erzwungenem Weggang Unesco-Weltkulturerbe geworden war und seither ein touristischer Magnet ist. Auch das hat Mike mutlos gemacht, bestimmt hat sich dieses außergewöhnliche Mädchen, der strahlende Mond, zu einer Persönlichkeit in dem aufstrebendem Land entwickelt, er hofft es ja für sie – aber hat sie dann nicht die Möglichkeiten, ihn zu suchen? Ob sie überhaupt noch an ihn denkt? Mehr denn je zweifelt er – bei aller Liebe, die tief in ihm ist und ihn jeden Tag an den Flughafen zieht, in besonders hoffnungsvollen Momenten, nach manchem Wunschtraum, sogar in den Ankunftsbereich. Doch was denkt er sich? Inzwischen würde man ihn informieren, wenn eine Thipphachan auf der Passagierliste stünde. Alle sind auf seiner Seite. Mehr noch: Einmal, zu Weihnachten, hat das Flughafenpersonal zusammengelegt. Als er das Ticket nach Laos in Händen hält, rinnen dicke Tränen über seine Wangen, dann wird er blass, bricht zusammen. Im Krankenhaus findet man nichts – nichts Organisches. Sein Herz sei sogar besonders stark, heißt es.
Oh ja, denkt Mike, es schlägt ja auch für zwei.
»Überfordert war ich.« Der Mann senkte den Kopf. »Was soll’s, Chance verpasst.«
»Das glaube ich nicht.« Ich überlegte nicht lange, ging mit Mike hinunter zum Schalter. Bedauerlicherweise sei die Maschine komplett ausgebucht, doch als ich kurzerhand mein Ticket anbot, öffneten sich alle Türen, die Überschreibung auf Mike war reine Formsache, alle sahen mich dankbar an, selbst beim Sicherheitspersonal hob sich verstohlen mancher Daumen. Und Mike? Er lächelte dankbar, ließ sich von allen drücken und küssen und verschwand so beseelt hinter den Kontrollen, dass mir ganz warm ums Herz wurde.
Ich plante um, machte Urlaub an der Nordsee, traf dort alte Freunde und stieß mit ihnen auf das Leben und die Liebe an. Irgendwann würde auch ich sie finden, da war ich mir sicher. Schließlich war ich noch jung, hatte gerade einen neuen Job angetreten.
Ein Jahr später saß ich wieder mit einem Kaffee vor dem Panorama-Fenster des Flughafens. Ohne Mike. Ein gutes Zeichen. Der Flug über Hanoi nach Laos war lang, aber angenehm. In Luang Prabang buchte ich mir einen deutschsprechenden Reiseleiter und ging mit ihm zur Polizei, wo ich freimütig nach dem Vorkommnis von damals fragte. Ein älterer Beamte erinnerte sich daran, wollte aber nichts weiter dazu sagen, nein, etwas Schriftliches gebe es nicht. Ob das Mädchen, vielmehr die Frau, noch dort wohne, wollte ich wissen. Der Polizist blickte unsicher zu meinem Guide, die Beiden wechselten ein paar Worte, sahen immer wieder zu mir, etwas betreten, wie ich fand. Was war hier los? Mein Guide lächelte kurz, nahm sich einen Stift und ein Notizblatt von der Theke und schrieb mit konzentrierter Miene, reichte mir schließlich den Zettel mit den laotischen Schriftzeichen. Die Adresse solle ich ich dem Taxifahrer zeigen, alles Weitere würde sich ergeben. Ich sah ihn fragend an, er wich meinem Blick aus. Das alles kam mir seltsam vor, doch jetzt wollte ich nur noch weg und endlich Mike sehen – und sein Liebesglück. Deshalb war ich schließlich hier. Ich bezahlte meinen Reiseleiter noch auf der Wache, verabschiedete mich in aller Kürze und sah beim Hinausgehen noch, wie er dem Polizisten ein paar Scheine hinschob, ihre Blicke waren ernst.
Im Taxi hatte ich ein mulmiges Gefühl, aber das Leben auf der Straße lenkte mich ab, die fremden Eindrücke, moderne Läden wechselten sich mit einfachen Holzbauten ab, die Verkaufsstände reichten bis an den schmalen Gehweg, auf dem Autos kreuz und quer parkten, dazwischen Touristen und Einheimische, mehr hindurchwindend als flanierend, immer auf der Hut vor dem Verkehr der vielbefahrenen Straße. Mein Taxi fuhr stadtauswärts, hier ging es nur stockend voran, ab und zu kreuzten Kühe unseren Weg, dann waren wir durch und ich erblickte den Mekong. Wenig später hielt der Wagen.
Ich fand das Haus am Fluss, eine junge Frau erschien im Eingang, sie war wunderschön. So muss sie ausgesehen haben, Mikes große Liebe, aber sie konnte es nicht sein, es waren Jahre vergangen.
»Sabaidee, can I help you?«
»Sabaidee«, auch ich nahm die flachen Hände zusammen, verbeugte mich leicht, platze dann mit rauer Stimme heraus: «Yes … I’m searching for Pimai. And Mike …«
Die Frau musterte mich. Etwas in ihrem Blick kam mir bekannt vor, die Trauer darin. Dann schüttelte sie den Kopf, bedeutete mir, ihr zu folgen, und führte mich zu einer nahen Tempelanlage, wo sie zielstrebig auf ein Stupa mit goldener Spitze zuging und auf zwei Bilder am Denkmal wies – eines zeigte das Porträt einer älteren Frau, die unschwer als Mutter der jungen Frau zu erkennen war, das andere Mike, wie ich ihn kennengelernt hatte. Pimai und Mai. Beide tot. Sie wandte sich ab, überließ mich meinen Gefühlen und Gedanken.
Wir verließen die Tempelanlage, gelangten zu einer Stelle am Fluss. Wenn ich die Frau richtig verstand, hatte man die Beiden hier gefunden. Vor einem halben Jahr, ein halbes Jahr nach ihrem Wiedersehen und einer Zeit voller Liebe und Glück.
Ein heller Mond hätte geschienen, strahlend und voll, Thipphachan. Ihre Gesichter hätten glücklich ausgesehen.
Der betörende Duft der Frangipani-Blüten, ich pflückte zwei von dem Baum über uns, gab ihr eine. Schweigend setzten wir sie ins Wasser, wo die träge Strömung sie bald erfasste und davontrug. Wir sahen ihnen lange nach, dann trafen sich unsere Blicke.
©Martin Bensen
Vientiane, Laos, 2. Dezember 2025