Er war einen großen Umweg gegangen, unfreiwillig. Alles schien verändert. Eigentlich kein Wunder nach einem Vierteljahrhundert. So lange war er nicht mehr hier gewesen. Warum auch? Warum jetzt? Selbst als er sich dem Studentenwohnhaus näherte, war er sich nicht sicher, erst vor dem Eingang war er es. Aber noch immer war da das Gefühl, besser wieder zu gehen. Hätte er das nur getan, die Vergangenheit ruhen lassen.
Kein Zweifel, das war das Haus, sein Zuhause für vier Jahre, gute Jahre. Aber das Gebäude stand nicht mehr alleine. Wenn er sich umdrehte, fiel sein Blick auf ein weiteres Studenten-Wohnhaus direkt gegenüber. Zu seiner Zeit erstreckte sich von dort ein ausgedehntes Feld, eine Augenweide, besonders im Winter, eine schier endlose Weite, schneeweiß mit schwarzen Tupfern, Horden von Saatkrähen – sein Ausblick damals, meist für eine Zigarettenlänge, wenn auch die Buchstaben auf dem Papier zu Punkten wurden, wenn er dort kein Land mehr sah, der Horizont draußen so fern wie die Zukunft, für die er studierte. Die grauen Tage, von denen Münster so viele kennt, hätten ihn schwermütig machen können, vornehmlich an den Wochenenden, wenn alle ausgeflogen waren, die halbe Unistadt, aber er lebte ja nicht allein, die Wohnung hatte fünf Zimmer, eine reine Männer-WG und er, Marc Altmaier, glücklicher Mitbewohner, einer von fünf Freunden, die unter der Woche nichts anbrennen ließen. Saufen, Feiern, Küchenpartys – ein Sommersemester lang lief fast nichts anderes. „Forschungsfreisemester“ nannte er das später mit bittersüßer Ironie, das Physikum war eine ganz knappe Sache gewesen.
Nicht witzig, dachte er jetzt, wie oft saß ihm ein kotzreizender Kater im Nacken, noch verstärkt durch das schlechte Gewissen, vor allem seinem Vater gegenüber, dem »Doktorvater«, kleiner Wortwitz: sein Vater war der »Herr Doktor« nur für die Leute im Dorf, der Landarzt besaß gar keinen Doktortitel, dabei war die Doktorarbeit ein Klacks gewesen für Marc. Anders als das Medizinstudium selbst. Damals, in jenem verlorenen Sommersemester, lenkten ihn auch die warmen Frühsommertage ab, die vielstimmige, duftende Natur direkt vor der Tür. Ihre sinnliche, explodierende Fruchtbarkeit setzte ihm zu, reizte seine angespannte Triebe, wie sehr genoss er das Draußensein, wenn auch oft erst am späten Nachmittag, an milden Abenden, in lauen, unbeschwerten Nächten, auf Partys, die sich aneinanderreihten wie die bunten Birnen der Lichterketten – und frühmorgens im wilden Gezwitscher der Vögel, dem grellen, schon warmen Sonnenlicht … Nur schnell ins Bett, nicht immer ins eigene.
Hatte er es übertrieben? War er der Schlimmste von allen? Er, der ausgelaugt heimkam, in eine leere Wohnung und erst wieder aufwachte, als die anderen schon bei ihrem Feierabendbierchen saßen. Spätestens dann war ihm klar, dass seine Mitbewohner es besser machten, drei studierten Sport, vielleicht waren sie robuster. Fitter sowieso. Feiern und Studieren, vielleicht ging das in Lehramtsfächern, im lernintensiven Medizinstudium auf keinen Fall. Aber Marc lechzte nach Ausgleich, er trauerte um die Anfangszeit, als das Semester erst begann, die Nächte in der WG noch lang waren – und laut. Binnen kurzem hatten sie die gesamte Hausgemeinschaft gegen sich aufgebracht. „Die Chaoten von W13“ – es hagelte Beschwerden und sie standen vor dem Rauswurf. Ausgerechnet die Leiterin der Wohnheimverwaltung verhinderte Schlimmeres, sie stand auf sie, auf ihn.
Marc lächelte versonnen, während er zum dritten Stock hochblickte, zu seinem Fenster, der Tür, die zum kleinen Eckbalkon rausging, wo sie gar nicht so oft saßen, einmal aber im November an einem ungewöhnlich milden Abend, Mitte der Achtziger, mit 23, 24, unbeschwert, jedenfalls in solchen Momenten. Fast war es, als hörte er noch ihr Lachen, das laute von Freddie, ihrem ungekrönten Rudelführer, das glucksende, heisere, wiehernde der anderen. Seines hatte sich immer wieder verändert, sich dem Lachen neuer Freunde angepasst, dem von Kollegen, dem dröhnenden des Chefarztes, dabei hat er nie wieder so oft und herzhaft gelacht wie in seiner WG hier in Münster.
Sah er recht: Standen dort Bierkisten auf dem Balkon? Das wärs ja noch! Wie selbstverständlich war Marc davon ausgegangen, dass die nachfolgenden Bewohner ihnen nicht das Wasser reichen könnten, nicht so cool wären wie ihre Truppe, sondern brav und strebsam und pflichtbewusst, wie zuletzt auch er, notgedrungen, und wie die, die dem harten Kern nachfolgten, die WG aufweichten, besonders die erste Frau, eine Zäsur – und ein Fehler, der Tod der alten W13. Marc war der Letzte der Urbesatzung, ein angejahrter Veteran, reif für den Auszug, aus Münster, und dann ging alles ganz schnell – es war eine Flucht. Weit weg, nur weg aus Münster. All die Jahre, 25 an der Zahl, hatte er die Umstände seines Abgangs verdrängt. Bis heute.
Jetzt stand er hier – und haderte. Was wollte er hier? Seit seiner Flucht waren ganze Studiengenerationen gekommen und gegangen, die meisten, die jetzt hier wohnten, konnten seine Kinder sein, rein rechnerisch. Er wollte keine, wie auch, er hatte seit langem keine feste Beziehung mehr gehabt, die längste hatte drei Jahre gedauert und sie war lange her. Mit Frauen hatte er kein Glück. Seit ihn seine erste Liebe verlassen hatte, war sein Verhältnis zum anderen Geschlecht gestört, es war Lydia, eine seiner Verflossenen, die ihm den Spiegel vorhielt, einen von Rache am anderen Geschlecht, sie hatte ihm eine Therapie nahegelegt, auch sie enttäuscht, brüskiert wie fast alle, aber ohne Groll, sie war eine Gute, viel zu gut für ihn. Da hatte er schon anderes erlebt, Schlimmeres, allen voran das Desaster, das zu seiner Flucht geführt hatte.
Die Tür ging auf, ein Schwall warmer Luft entströmte dem Hausflur, er roch genauso wie damals, als das Haus noch ganz neu war – sie gehörten zu den ersten Bewohnern.
Ein junger Mann mit Vollbart und Wollmütze hielt ihm die Tür auf.
Will ich wirklich? Was will ich? Ein spontaner Gedanke: »Sie wohnen nicht zufällig in W13?«, fragte Marc, schon halb im Haus.
»Nein, wieso?« Der Bärtige sah ihn misstrauisch an. »Zu wem genau wollen Sie denn?«
»Zu …« Marc hatte die Liste gelesen, Namen aus W13, Vornamen abgekürzt. Irgendwas mit B, Bessler, jetzt fiel es ihm wieder ein. Er hatte eine Kollegin dieses Namens. Aber verbarg sich hier auch eine Frau dahinter? Fifty-fifty – schwarz oder weiß, er entschied sich: »Zu Frau Bessler. Kennen Sie sie?«
Der Bärtige grinste breit. »Na dann«, sagte er und sprang die Stufen hinunter, wandte sich den Fahrrädern zu, die hier wie eh und je im Hof standen, inmitten verwehter Haufen von Herbstlaub.
Marc hatte losgelassen, die Tür knallte ins Schloss, das Geräusch hallte durch den Flur, und als weckte es alle seine Erinnerungen auf einen Schlag, war Marc plötzlich wieder in seiner Zeit. Er wusste wieder, welcher ihr Briefkasten war, sah wieder das rote Plakat an der Pinnwand, die Anklage der Nachbarn gegen ihre WG, W13, ihre Wohnungsnummer fett unterstrichen, dahinter drei Ausrufezeichen. Damals war ihnen im Suff ein schrägstehender Rüttler umgekippt und Benzin ausgelaufen, aber am nächsten Tag klaffte an der Stelle eine Baugrube, die Erde von einem Bagger abgetragen, kein Schaden also. Sie hatten den Zettel von der Pinnwand gerissen, ihn in ihre Küche gehängt und darauf angestoßen, was waren sie doch für Helden …
Unschlüssig stand Marc vor der Wohnungstür im dritten Stock. Sie hatte inzwischen einige Kratzer, der Türspion fehlte, an seiner Stelle klebte ein Kreuz aus Isolierband, rot, als sollte es ihn abschrecken, ihn, den ungebetenen Besucher, was dachte er sich auch? Egal, er drückte die Klingel, wartete auf ein Geräusch – damals waren ihre Schritte gut zu hören, sie hatten keine Teppiche, nur den nackten PVC-Boden, auf dem sich jede ihre Eskapaden verewigte, Macken und Striemen, schwarze Kratzer, manche entstanden aus Versehen, manche mutwillig, er vergaß sie rasch, anders als das, was ihn in die Flucht geschlagen hatte.
Was wollte er hier? Noch einmal das Glück fühlen, der besten Zeit seines Lebens nachspüren? Aber so? Marc schüttelte den Kopf, sah, wie ein Lichtstrahl auf die braune Matte fiel, die Tür hatte sich einen Spalt geöffnet, ein scheues Augenpaar darin, fast auf seiner Augenhöhe, eine Frauenstimme: »Ja?«
Marc schluckte, krächzte etwas, das wie sein Name klingen sollte, hätte sich nicht gewundert, wenn die Tür gleich wieder zugegangen wäre, und so überraschte es ihn, als sie weiter aufging.
»Und Sie wünschen?« Die Frau war fast so groß wie Marc, sie sah ihn mit großen Augen an. Und ihm liefen seine fast über.
Sie war eine Schönheit, jung – er schätzte sie auf Mitte zwanzig – und sie blickte ihn bezaubernd offen an, mit warmen, braunen Augen, sie hatte die langen, dunklen Haare zu einem Zopf gebunden, war nur mit einem T-Shirt und einer Jogginghose bekleidet, auf ihren Armen schlängelten sich bunte Tattoos bis zu den Händen, dazu passten die Piercings an Nase und Ohren, bestimmt hatte sie auch eines auf der Zunge, ihre schönen Lippen hatten einen leicht spöttischen Zug angenommen. Tatsächlich machte die junge Frau Anstalten, die Tür wieder zu schließen.
»Nein, warten Sie«, stieß Marc hervor. »Unmöglich, mein Verhalten, aber …«
Sie zögerte, ihr Blick neugierig, fast erwartungsvoll. Keine Frage, selbstsicher war sie, er bemerkte erst jetzt ihre starken Arme, ihren durchtrainierten Oberkörper unter dem enganliegenden Sportshirt. Sie brauchte keinen Beschützer, auch wenn ein solcher in einem der fünf Zimmer sein mochte.
»Und?«, fragte sie, ihre Stirn kräuselte sich – etwas, das Marc plötzlich vertraut vorkam. »Ansonsten würde ich gerne mit Yoga weitermachen, okay?«
»Nein, nein! W13!« Marc schrie fast. Und leiser fügte er hinzu: »Ich hab hier mal gewohnt.«
»Ach was«, sagte die Frau und öffnete die Tür wieder weiter.
»Ja, ehrlich«, versicherte Marc, jetzt deutlich gefasster. »Lange her, 25 Jahre. Roundabout. War ne tolle Zeit hier.«
Die Frau lächelte. »Lassen Sie mich raten: Sie würden die Wohnung gern nochmal sehen, richtig?«
Marc nickte nur.
»Sie haben Glück, meine Leute sind alle noch unterwegs.«
»Nur ganz kurz, versprochen. Das ist supernett, Frau …«
»Kiara!«
»Marc.«
Ihr Händedruck war so fest, dass er sich förmlich in die Wohnung gezogen fühlte. Kiara schloss die Tür. Nichts hätte Marc an die damalige Wohnung erinnert, hätte er nicht gewusst, dass er tatsächlich im Flur von W13 stand, früher nur mit einer Bastmatte auf dem Boden, einer windschiefen Garderobe, fensterlos und dunkel, wenn keine der Zimmertüren geöffnet war. Statt des dürren Strahlers von damals hing jetzt eine Art Kronleuchter von der Decke, der den Raum angenehm erleuchtete. Anstelle einer Garderobe schmiegte sich ein restaurierter Kleiderschrank an die Wand. Die anderen Wände zierten Bilder, Gemälde, Fotogalerien, die Marc gerne näher betrachtet hätte, aber das stand ihm, dem Fremden, nicht zu.
»Kaffee? Tee?«
»Keine Umstände.«
»Jetzt sind Sie aber schon mal da, nicht wahr?«
»Dann gerne Kaffee«, sagte Marc und folgte der jungen Frau in die Küche, die viel gemütlicher war als ihre früher, wozu es keiner großen Kunstgriffe bedurfte.
Was waren sie nur für schlichte Gemüter gewesen, dachte er, richtige Barbaren im Vergleich zu den jetzigen Bewohnern, alles hier war mit Liebe eingerichtet, nichts fehlte, wie wohnlich selbst eine Küche sein konnte. Wie wohl erst die Zimmer. Ob er sie sehen durfte? Wenigstens seines? Welches bewohnte Kiara?
»Vor 25 Jahren, sagst du?« Kiara blies in ihren Tee.
Der Kaffee war dünn geraten, aber das war nebensächlich. Marc konnte immer noch nicht fassen, dass er in seiner ehemaligen Wohnung saß.
»Bis vor 25 Jahren, ja.« Er seufzte. »Vier Jahre habe ich hier gewohnt. War die beste Zeit meines Lebens.«
»Echt? So alt bist du doch noch nicht, oder?«
»Nun ja, ich könnte dein Vater sein.«
»Blöder Spruch«, sagten sie gleichzeitig und mussten lachen.
»Erzähl mal«, sagte Kiara, »wie war das damals?«
»Du meinst im Krieg? Soll Opa davon erzählen?«
Wieder ihr Lachen. Irgendwie vertraut, auch die Mimik. Vielleicht wegen der Umgebung, schon damals hatte er die Theorie gehabt, dass Wohnungen und Bewohner eine Symbiose eingehen, eine Art Seelenvernetzung. Marc spürte sie wieder, obwohl die Wohnung ganz anders aussah als früher. Selbst der Blick aus dem Fenster. Im Haus gegenüber gingen Lichter an. Kiara entzündete eine Kerze. Und Marc begann zu erzählen.
Andächtig lauschte die junge Frau seinen Worten, fragte ab und zu nach, lachte hier und da, und doch schien es ihm, als rührte er mit seinen Erzählungen etwas tief in ihr, so entrückt schien ihm ihr Blick, ein wenig traurig gar, was an seiner kaum verhohlenen Wehmut liegen mochte, die aus seinen Schilderungen drang wie ein grauer Nebel. Dabei musste ihm doch nichts leidtun, nur das hässliche Ende, aber das verschwieg er ihr, was ging es diese anmutige Frau auch an? Und doch war die Erinnerung wieder da, stieg in ihm auf wie bittere Galle, schnürte ihm die Kehle zu, ließ ihn schlagartig verstummen. Im nächsten Moment klingelte es an der Tür.
Das wohlbekannte Schrillen durchbrach die andächtige Stille, das Ticken der alten Wanduhr, das er erst jetzt wahrnahm, wohl weil es ihm vertraut war – die Uhr, ihre alte Uhr!
Kiara sprang auf. »Sorry, meine Güte, wie die Zeit vergeht. Das muss meine Mutter sein.«
»Oh, ich muss mich entschuldigen. Höchste Zeit zu gehen.« Marc stand auf, zu schnell, leichter Schwindel ließ ihn taumeln.
»Alles in Ordnung?« Kiara umfasste seinen Ellbogen, ein Gefühl wie ein Stromstoß.
»Alles gut«, flüsterte Marc. Nichts war gut. Zu gern hätte er noch die Zimmer gesehen. Aber wenn er einmal ins Erzählen kam – redegewandt war er, ein Charmeur und Frauenversteher, so dachte er, aber in klaren Momenten, meistens beim Aufwachen neben einer neuen Affäre, meldete sich sein schlechtes Gewissen, immerhin hatte er noch eines, dann dämmerte ihm, was für ein Egoist er war, dann wollte er ein ganz besonders guter Arzt sein. Vielleicht war er das auch. Hier und jetzt fühlte er sich wie ein Eindringling, er hatte hier nichts verloren. Nur seine Vergangenheit. Aber eben nur seine.
Kiara hatte auf den Türöffner gedrückt und die Wohnungstür geöffnet.
»Bin weg«, sagte Marc, schob sich an Kiara vorbei, roch ihren angenehmen Duft, »hat mich gefreut. Wirklich.«
»Mich auch. Alles Gute für Sie.«
Die Erleichterung war der jungen Frau anzumerken, und Marc war das recht. Er war schon bei der Glastür, als die Frau die Etage erreichte, Kiaras Mutter. Marc öffnete ihr die Tür – und erstarrte.
So wie sie.
»Das glaub ich jetzt nicht!« Ihre Worte durchschnitten die Stille.
Marc hatte die Frau sofort erkannt. Sie war es, kein Zweifel. Sie war der Grund für seine Flucht gewesen. Wie ein Dieb hatte er sich aus dem Staub gemacht. Damals die einzige Option.
Er hatte sie gern gehabt, aber sie hatte ihn geliebt, zu spät ihr Geständnis, das ihn in dem Moment überraschte, als er es schon ausgesprochen hatte: dass Schluss wäre, dass er sie nicht liebte und dass doch auch sie immer von einer »Affäre« gesprochen hätte, davon, dass sie noch so jung wären, frei, einander jederzeit loszulassen, den anderen zu lassen, sich zu trennen und trotzdem Freunde zu bleiben. Warum dann diese Wendung, ihr Sinneswandel, so emotional, dass sie ihn beschimpfte, zornig, rasend? Ihre Ohrfeige gab ihm den Rest. »Wenn du jetzt gehst, will ich dich nie wiedersehen!«, schrie sie unter Tränen, da war erschon bei der Tür, seine Tasche vergaß er, sie war ersetzbar.
»Ich verfluche dich! In alle Ewigkeit!«, hatte sie ihm mit tränenerstickter Stimme hinterhergerufen – letzte, verzweifelte, zugleich wütende Worte, sie blieben in seinem Kopf, waren nie daraus verschwunden, drangen auch nach Jahren noch wie Gift in seine Gedanken, in schwachen Momenten, in seinen Träumen, er wusste nur zu gut, wie sehr sein Verhalten sie verletzt haben musste. Aber damals gab es keinen Weg zurück, er musste alle Brücken abbrechen – damit leben.
Wie hätte er ahnen sollen, dass sie da schon schwanger gewesen war? Wahrscheinlich hatte sie es damals selbst noch nicht gewusst. Und später? Hatte sie ihn gesucht oder war die Enttäuschung so groß, war sie zu stolz und zu verbittert gewesen, ihn zur Verantwortung zu ziehen und wenn auch nur finanziell? Auch das wäre allenfalls ein Akt der Rache gewesen, sie kam aus gutem Hause, konnte sich schon im Studium eine Wohnung leisten.
Noch ehe Marc etwas sagen konnte, etwas, das die Härte vielleicht durchbrach, wenn auch nur für einen irritierenden Moment, gleich einem Schock, der kurz den Schmerz lähmt, für einen einzigen klaren Gedanken, einen Perspektivwechsel – noch ehe er auch nur ihren Namen aussprechen konnte, stieß ihn die Frau ins Treppenhaus.
»Verschwinde! Wehe, du näherst dich noch einmal meiner Tochter!«
Worte, die ihn erneut verfolgten, ihn bedrückten, als er längst im Zug saß. Grübelnd, fassungslos über das Geschehene. Wie um alles in der Welt kam es, dass es die eigene Tochter ausgerechnet dorthin verschlug, wo er gewohnt hatte, in dieselbe Wohnung, womöglich in sein ehemaliges Zimmer? Ihre Mutter war nie dort gewesen, nicht zu seiner Zeit, er hatte alle seine Affären ferngehalten von der WG, nicht verraten, wo er wohnte, so hielt er es heute noch mit seinem Penthouse bei München – purer Selbstschutz, Angst vor Stalking, Preis seines unsteten Liebeslebens. Einmal und nie wieder. Was für ein Zufall also, eine unglaubliche Fügung. Ohne seinen Impuls, die Rückreise aus Hamburg zu unterbrechen, das Taxi in den Horstmarer Landweg zu dirigieren, ein Spontanentschluss, ein plötzlicher Nostalgieschub – ohne diesen Impuls wäre alles im Verborgenen geblieben. Nun begann sich endlich der Grauschleier seines Lebens zu lichten und Marc sah staunend und immer klarer, was er wollte.
In Dortmund stieg er aus. Ohne zu zögern, eilte er zum Gleis mit dem nächsten Zug nach Münster. Die Flucht hatte ein Ende. Seit einem Vierteljahrhundert war er vor sich selbst weggelaufen. Er würde kämpfen müssen, das wusste er, aber nichts mehr als das hatte er vermisst.