We build this city

… on barriers. Kein Rock’n’Roll. Diese Stadt ist weit entfernt davon. Nicht aber vom Wahnsinn. Wie keine zweite scheint sie die Farben weiß und rot zu lieben, Schrankenfarben, die Farben der Absperrgitter. Überall stehen die Barrieren aus Kunststoff, vermehren sich auf gar wundersame Weise, besonders im Sommer. In diesem Wettlauf haben Autofahrer keine Chance. Sie treffen auf sie wie der Hase auf den Igel. Wie im Märchen der Brüder Grimm ist sie immer schon da: die Absperrung. No way.

Zugegeben: Stuttgart hat die Megabaustelle, das „Jahrhundertprojekt“, da hängt was dran. Aber die anderen: Ist es tumber Fatalismus, viral gehende Bautollwut oder gar schadenfroher Sadismus, dass fast täglich, so scheint es jedenfalls, neue Baustellen aus dem Asphalt gestampft werden? Wobei: Stampfen muss man gar nicht, es reicht ja, ein paar dieser leichten Gitterteile aufzustellen, das geht ganz fix, schon ist das Revier markiert – und die Straße zu. Umleitung? Manchmal eine ziemlich lange Leitung. Und mehr Abgase, belastete Wohngebiete? Ha, woisch, Kerle …

In meinen kühnsten Träumen stelle ich mir vor, da sitzt ein ganz kluger Mensch im Amt; an seiner Bürowand hängt ein überdimensionales Board, das digitale Relief der Stadt, Gotham-Style, noch mit den kleinsten Straßen darauf, mit lustig blinkenden Miniaturampeln – und einem Arsenal von frei verschiebbaren Absperrgittern. Früher hat dieser Mensch meiner Träume, es kann eigentlich nur ein Mann sein, mit seiner Modelleisenbahn gespielt, hat sich gefreut, wenn alles lief wie geschmiert, die kleinen Figuren haben winkend vor ihren schmucken Häusern gestanden, in einer Stadt ohne Autos, überall war Grün, sogar von echtem Moos aus dem Wald wie in der Weihnachtskrippe, ein sanfter Hügel, ein Tunnel, eine heile Welt. Schön wärs ja, aber in Stuttgart geht das nunmal nicht, hier ist so viel kaputt, ständig muss man ran – zack, Absperrgitter.

Aber wird dann auch gebaut? Als Auto- wie Bahnfahrer zweifle ich stark daran. Abgesperrt ist schnell, doch gebaut noch lange nicht. Mit viel Glück steht irgendwann ein kleiner Bagger da, mit noch mehr Glück heben drei Arbeiter in zwei Stunden eine Grube aus, doch dann klafft da nur ein Loch, man muss Warnleuchten anbringen, vielleicht auch mal die Batterien tauschen, so schnell schießen halt auch die Schwaben nicht, es sind ja meist auch keine …

Einmal habe ich gewagt, per „gelber Karte“ nach dem Stand der Bauarbeiten zu fragen, habe „Bedauern“ erfahren, etwas über „nicht verträgliche Fahrbeziehungen“, eine „Notmaßnahme“ und „Verkehrssicherheit“, aber nichts über den Grund der Bauuntätigkeit oder des „kleckerlesweisen“ Fortgangs. Unterdessen blickt der kluge Mensch, der in meinem Traum dem Captain Picard aus Star Trek ähnelt, auf sein Digiboard, instruiert seinen fast so klugen Stab von Planenden und diese hernach die Baufirmen. Die planen dann auch, brauchen aber einen ordentlichen Vorlauf. Auf jeden Fall mal absperren, auch wenn am Ende die Ausführenden fehlen, Fachkräfte genannt.

Neulich las ich bei der Tagesschau, dass inzwischen mehr Polen nach Hause zurückkehren als nach Deutschland kommen. Neben der wirtschaftlich höheren Attraktivität ihres Landes sticht ein Grund hervor: die deutsche Bürokratie, ironisch wird Deutschland sogar als „Failed State“ bezeichnet, als gescheitertes Land.*

Bevor ich aber das dystopische Ganze bemühe und ungerechterweise nur auf Polen gucke (just im Zentrum viel schlimmerer Entwicklungen) und bevor ich Positivbeispiele wie die Niederlande bemühe, beschließe ich meine kleine Betrachtung mit einem Appell: Bitte erst absperren, wenn gleich anschließend auch gebaut wird! Oder nur Bauabschnitte planen, nicht sofort ganze Straßen – und vielleicht nicht immer alles auf einmal absperren! „Notmaßnahmen“ und Gefahrenstellen natürlich ausgenommen.

Oder ist am Ende alles Not und Elend? Oder ist das Elend nur eine alte Bekannte – die deutsche Bürokratie?

©Martin Bensen

*Quelle: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/weltwirtschaft/polen-wirtschaft-arbeitnehmerfreizuegigkeit-100.html