Das Glockenseil von Tarragona

Glöckner zu sein, ist heutzutage nichts Besonderes mehr, vielleicht war es das nie, außer in Victor Hugos historischem Roman und den kitschigen Film- und Musical-Ablegern. Der Mann, der an diesem Freitag pünktlich um 12 Uhr in der Kathedrale von Tarragona die Glocke läutet, ist ein unscheinbarer Herr mittleren Alters von gepflegter Erscheinung und in Alltagskleidung. Er zieht nur zweimal an dem dünnen, langen Seil unterhalb der kleinen, aber hochgelegenen Kuppel nahe dem Altar, von unten eine luzide Rosette mit einem kleinen Loch in der Mitte. Noch während der dünnen Glockenschläge führt der Mann das Seil zur Linken des Hauptschiffs, befestigt das Ende unterhalb der Kanzel an einem Haken und entfernt sich auf den leisen Sohlen seiner Sneakers. Das kann ich eigentlich auch, denke ich, und strecke meine Hand nach der Kordel aus …
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Eigenartig

Eigenartig. Ein Begriff wie seltsam, halbwegs neutral betrachtet und nicht genauer interpretierend. Beide eigentlich nicht negativ, aber vom Gefühl und der häufigsten Verwendung her auch nicht positiv. Also doch eher negativ. Objektiv ist etwas eigenartig, wenn es von seiner Art her etwas Eigenes hat – so kann Vieles sein, es sei denn, es ist eher selten, dann passt besser das Pendant seltsam.
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Abschied

Und während mein Herz noch schmerzt über meinen Abschied, hält der Zug schon in der nächsten Stadt, sehe ich das junge Paar, sie lehnt den Kopf an seine Schulter, er hält sie, behutsam, nicht klammernd, eine Hand in ihrem Nacken, eine auf ihrem Rücken, sieht über ihren Kopf hinweg – ins Nichts. Eine Pietà des Abschiednehmens. Ein Bild durch alle Zeiten, an jedem Ort der Welt.

©Martin Bensen

Betrachtungen

Es dämmert, die Stadt ist voller Leute und er steht da, die besten Jahre hinter sich, die Jacke über dem rechten Arm, er hat sich leicht eingedreht, vornübergebeugt, ist eingerastet, starr wie eine Wachsfigur und betrachtet so drei junge Frauen, weit genug entfernt von ihm, dass sein Blick leicht abschweifen kann, nicht aufdringlich wirkt, voyeuristisch gar, während ich ihn, den von mir Abgewandten, ruhig betrachte, mich frage, ob er nur starrt, sinnlich, sehnend, oder ob er schon betrachtet, vergleicht, mit seinen Erinnerungen abgleicht, als er noch jünger war, als junge Frauen zurückgeblickt haben, als ein Lächeln ein anderes ergab, als die Wellenlängen noch stimmten und keine Funkstille herrschte wie jetzt, da die ganze Betrachtung einseitig, die Betrachtung der Betrachtung wehmütig ist, Mitleid aber fehl am Platz, wie auch mein Impuls – eine Umarmung -, weil Trost so alt macht. Und so schal das Bier.

©Martin Bensen

We build this city

… on barriers. Kein Rock’n’Roll. Diese Stadt ist weit entfernt davon. Nicht aber vom Wahnsinn. Wie keine zweite scheint sie die Farben weiß und rot zu lieben, Schrankenfarben, die Farben der Absperrgitter. Überall stehen die Barrieren aus Kunststoff, vermehren sich auf gar wundersame Weise, besonders im Sommer. In diesem Wettlauf haben Autofahrer keine Chance. Sie treffen auf sie wie der Hase auf den Igel. Wie im Märchen der Brüder Grimm ist sie immer schon da: die Absperrung. No way.
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Willkommen im Wartesaal

Sie ist eine notorische Zeitdiebin, eine Wiederholungstäterin, unverbesserlich. Ihre Beute ist Zeit. Lebenszeit, in Summe ganze Menschenleben – jeden Tag. Sie drangsaliert ihre Opfer mit dem Schlimmsten aller Foltern, sie zermürbt sie, durch Anlocken und Zuückweisen, ein manchmal stundenlanges Ringen und Vexieren; die Unberechenbarkeit ist ihr schärfster Dolch, tiefe Stiche in zarte Hoffnungen, das Brennen in den Wunden der Enttäuschung. Kollektives Leiden in zugigem Milieu, Viren haben leichtes Spiel. Wer ist diese Geißel der Menschheit oder besser: der Deutschen?
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