Liebe – warum?

Warum sollte ich dich lieben?
Unsere Begegnung im Wald so schattenhaft. Als wäre sie nicht wahr. Als wärest du nicht wahr. Dünn. Blass. Todesgleich. Lebst du überhaupt?
Doch. Du gehst ja, langsam zwar, schiebst sogar einen Kinderwagen, stützt dich gleichwohl auf, als gäbe er mehr dir Halt, als dass du ihn bewegtest. Mein Weg führt hinein, deiner hinaus, aus dem Wald in die Sonne. Du wirst dort vergehen, fürchte ich. Sollte ich mich sorgen? Ich kenne dich ja nicht, und trotzdem hast du eine Saite in mir angeschlagen, nein, mehrere. Einen Akkord. In Moll. Erwartbar. Bist du das? Oder meine Empfindung durch deinen Anblick.
Warum sollte ich dich lieben?
Deine Erscheinung, so mitleiderregend. Dein zierlicher Körper hebt sich kaum ab vom Unterholz, das hier besonders dicht ist, sonnendicht, bis auf ein paar hellgrüne Kuhflecken. Am liebsten würdest du im Wald verschwinden, richtig? Aber da ist der Kinderwagen. Dein Kind. Es müsste alles mit verschwinden. Willst du das? Deine Sonnenbrille, deine schwarze Mütze, aus der eine schwarze Locke lugt, kringelnd auf deiner Stirn, als wollte sie raus, eine winzige Schlange, raus aus deiner Erstarrung, der steinernen, wie gemeißelten, schwarzer Mamor, dein Mantel, obwohl Sommer ist, ein besonders heißer zudem, die viel zu große Sonnenbrille, größer als die Augenhöhlen in einem Totenschädel, wie Fliegenaugen, alienhaft.
Warum sollte ich dich lieben?
Dein Kopf dreht sich, kaum dass ich auf deiner Höhe bin, nun doch zu mir, kaum wahrnehmbar, während du langsam gehst, viel schneller ich mit meinen Stöcken, so dass ich fast den Augenblick verpasse. Der Lichtstrahl wie ein Blitz. Dein weißes Gesicht, Carrara, die Stirn mit der kleinen Mamba, die Schläfen wie Pergament, schwarzgeädert. Doch deine Lippen plötzlich rot, voll, als lebten sie auf, wie eine Rosenblüte, die sich schlagartig öffnet, und dann beginnen sie zu leuchten: deine Augen, wie Bernsteine hinter den schwarzen Gläsern, warm und wunderschön.
Der Blitz trifft nicht sie, er trifft mich.

Warum sollte ich dich lieben?
Schon von Weitem tackern deine Stöcke auf den ausgetrockneten, zementharten Waldboden. Du gehst schnell, als lockte dich der Schatten, mein kühler Wald, und doch gehst du nicht gut. Wahrscheinlich machst du das noch nicht lange, überhaupt wirkst du nicht sportlich. Oder es ist nur nicht dein Sport? Dein rechtes Bein schonst du. Schonhaltung, das gibt Rücken. Aber es ist das Knie. Ich kenne deine Sorte! Hab sie tagtäglich in meiner Praxis. Ja, Bewegung. Predige ich immer. Isst du gut, das Richtige? Dein Körper ist unförmig, die Sünden vieler Jahre, besonders auf den Hüften, die das Trikot nicht kaschiert. Deine Arme brauchen neue Herausforderungen, gerade jetzt, auch deine Beine, so stramm du auch gehst.
Warum sollte ich dich lieben?
Dieses Tackern. Nicht von Hufen, nicht von einem Pferd mit einem Traumprinzen darauf, nur ein in die Jahre gekommener Mann mit Stöcken. Dein Haar wie eine weiße Gloriole, wieso können so viele alte Säcke nicht davon lassen? Nicht loslassen. Deine Locken waren bestimmt mal schön. Noch ganz dunkel. Richtig schlank warst du da sicher noch, vielleicht ein Musiker, Gitarre vermutlich, so wie deine langen Finger die Griffe umspielen. Da hast du die Frauen beeindruckt, oh ja, das hast du. Ich sehe es in deinen Augen. Wie verräterisch, noch ganz schön zwar, aber immer noch auf der Jagd, wenn auch nur nach Trophäen, für deine Sammlung – mein Begriff von Egoshooter.
Warum sollte ich dich lieben?
Wie du mich anstarrst! Wie gut, dass wir hier sonntags nicht alleine sind. Die hechelnden Hipster mit ihren lächerlich großen Kopfhörern sind nie weit, wenn man sie bräuchte. Dein Gesicht hat was. Gut, es ist verlebt, die Pigmente werden größer, ersetzen die Bräune der Sonne, man muss sie beobachten in ihrem Drang. Deine Falten sind lesenswert, ich sehe Lebenslust, Lachen, wie schnell du aus der Haut fährst, deine Zornesfalte, nicht allein Abdruck fehlenden Sonnenschutzes. Aber meistens bist du lieb, bist es jetzt auch, dein Blick erstaunlich warm, so gütig wie gefährlich. Für mich. Braune Augen, ich liebe diese sanft blickenden Augen, deine sind besonders schön, hier in der Sonne. Und sie sind jung. Ein letztes Blitzen vor dem Schatten. Ich trete an dein Licht, du in meinen Schatten – wir bleiben stehen.

In dem einen Wort lag so viel, alle ungesagten Wünsche. Hallo – fünf Buchstaben, so viele Arten der Betonung, so viele Möglichkeiten einer Antwort. Jedenfalls waren diese beiden Menschen stehengeblieben, wie erstarrt, herausgetreten aus dem Schatten und aus dem Licht, aus ihrer beider Leben, in den Anfang eines neuen, gemeinsamen.
»Zauber«, sagt er immer wieder, »meinetwegen auch Schicksal, ein magischer Zufall.«
»Bestimmung«, sagt sie nüchtern, »wie alles in der Natur, in den Genen, determiniert.«
»Und wie diagnostiziert meine Ärztin Liebe, wenn nicht als Freiheit schlechthin, als ein göttliches Geschenk, das sich allem Gewollten, allem Geplanten, auch aller Arglist entzieht?«
»Mein Schwärmer«, sagt sie, »bleib so, bleib immer so jung.«
»Du auch.«
In solchen Momenten hält es sie nicht mehr. Wo auch immer sie sind, drängt es sie zur Vereinigung, in einem Kuss, wenn die Umstände so sind, oder eben als vollkommene körperliche, nie hätten sie das für möglich gehalten.
»Sag, wieso sollte ich dich lieben? Ein Schattenwesen, noch dazu mit Kinderwagen.«
»Den ich ja nur von einer Freundin abgeholt habe, für eine andere Freundin. Verbunden mit einem Spaziergang.«
»Das konnte ich nicht wissen. Aber vieles andere. Dass wir vor allem überhaupt nicht zueinander passen. Du könntest meine Tochter sein. Zwei Menschen im Wald, die sich nicht einmal grüßen sollten.«
»Aber tut man das nicht im Wald? Schon, um keine Angst zu haben vor dem Unbekannten, einer möglichen Gefahr – und damit sich das Fremde etwas weniger fremd anfühlt. Durch einen freundlichen Blick, eine Stimme …«
»Es traf mich wie ein Blitz.«
»Uns beide. Warum sollte ich dich lieben? So dachte ich auch. Und dann konnte ich dich plötzlich nicht weitergehen lassen. Es war unmöglich. Wir hätten uns nie wiedergesehen.«
»Ich bin gleich am nächsten Tag gekommen. Obwohl ich sonst Ärzte meide wie die Pest. Und trotz meines bald nagenden Zweifels, ob dein Interesse an mir nicht doch rein fachlich wäre.«
»Deswegen der Abendtermin. Außerhalb des Plans. Das Personal geht pünktlich, wie du bemerkt hast.«
»Du hast so anders ausgesehen als im Wald. So … Jedenfalls reichte nur eine Berührung von dir.«
»Du machst mich glücklich. Dass es so bleibt, dafür sorge ich. Auch als Ärztin.«
»Die mag ich auch, aber dich liebe ich.«
»Und ich dich.«

©Martin Bensen