Die weiße Lady

Ein Afrika-Märchen

An jenem Abend, als ihr Mann auf den Berg stieg, blickte sie ihm vom Dorfplatz aus lange nach. Über seinem Pfad ging ein blutroter Mond auf, da wusste sie, dass nichts mehr so sein würde wie zuvor.

Anders als ihre Altersgenossinnen im Ort hatte sie noch immer keine Kinder. Doch sie war ja noch jung, sagte sie sich, trotzig ob der Blicke der anderen Frauen. Sie waren ohne Mitleid, beinahe schadenfroh. Will wohl was Besseres sein, hörte sie sie flüstern, nichts kann sie ihm geben, ein Trockengewächs, schön zwar, aber dornig. Die älteren Frauen erbarmten sich ihrer, machten Pulver, verabreichten ihr Kräuter und Samen, einen Sud aus geheimen Zutaten, der habe auch ihnen geholfen. Doch bei ihr versagte all das. Sie musste aufpassen, sie bei Laune, sie konnte sie zum Lachen bringen, aber sie fürchtete zugleich, dass Mitleid und Verachtung in Zorn umschlagen – dass sie eines Tages sogar verstoßen werden könnte. So kümmerte sie sich, half, wo sie konnte, doch nichts war den anderen recht, im Gegenteil: Sie solle lieber für ihren Mann sorgen, ihm zu Diensten sein, ihm vor allem Nachwuchs schenken. Nichts anderes versuchte sie, umsorgte, streichelte, lockte ihn, gab sich ihm mit großer Hoffnung hin. Er genoss das sehr. Ein guter Mann war er. Stark, aufrecht, trotzdem zärtlich. Zu gut für sie, dachten viele. Die Mädchen flirteten mit ihm, doch er hatte nur Augen für seine Frau. Anders als die meisten jungen Männer empfand er Liebe, er liebte seine Frau von ganzem Herzen. Auch das spürten die anderen, doch sie betrachteten es als etwas Schlechtes. Liebe? Was war das anderes als ein Hirngespinst, wenn nicht ein Fluch – wie das ausging, war doch für alle zu sehen.

Ihre Liebe war stark, aber das war auch der Granit der Gebirgsgegend, in der sie lebten. Nirgendwo ausreichend Wasser, kaum genug Nahrung zum Leben, Mais als Brei, Ziegenmilch, ab und zu Fleisch. Mehr überleben als leben. Tag um Tag wurde er trauriger. In der Nacht weinte er leise, sein abgewandter Körper bebte, sie tat, als schliefe sie, doch auch ihr Herz war schwer. Es sollte noch schwerer werden. Tagsüber ging er in den Busch, wo er seinen Gedanken nachhing, die Ziegen fanden ihren Weg allein und selbst in der Halbwüste genug zu fressen, er staunte immer wieder darüber. Das Abendessen rührte er nicht an. Ihm gehe es nicht gut, sagte er, lächelte sie an, wollte zuversichtlich erscheinen, doch seine Augen strahlten nicht. Als die Sonne unterging, nahm er seinen Stock. 

Geh nicht!

Ich muss.

Sie spürte und roch seine Haut noch, als seine Gestalt längst zwischen den Steinen verschwunden war, die jetzt wie die Glut ihres Feuers leuchteten, und wie der Himmel darüber. Stille senkte sich über das Dorf, die Grillen verstummten, später auch das Gemurmel in den Hütten, Kinderweinen, und endlich auch ihr Schluchzen auf dem Lager, das ohne ihn so leer war. 

Er erklomm Stein um Stein, ließ die letzten Dornensträucher hinter sich. Er fühlte sich stark, er war stark. Als Fremder war er in das Dorf gekommen, in seinem gefiel ihm keine Frau. Er hatte nur kurz bleiben wollen, hatte nicht damit gerechnet, jemanden zu finden. Die Liebe erwischte ihn kalt. Das Mädchen hatte im Eingang ihrer Hütte gestanden, als wollte es sich hinter den anderen jungen Frauen verbergen, die sich ihm zeigten, ihn neckten und umgarnten. Anders als diese anmutige Frau dort hinten. Ihre Blicke trafen sich, ein Funke sprang über. 

Sie heirateten im Dorf. Seine Braut weinte anschließend in ihrer Hütte. Ein lästiges Fest sei es gewesen, lustlos sei getanzt und gesungen worden und viel zu früh seien alle gegangen, ihre Ehe stehe unter keinem guten Stern. Sie redete sich in Rage, er ließ sie, sprach ruhig auf sie ein, davon, dass er sie mitnähme, schon morgen könnten sie sich auf die Reise machen. Vielleicht sogar nach Windhoek, er habe eine gute Bildung, könne Englisch und Afrikaans. Da wurde sie noch wütender. Nein, sie wolle hier glücklich werden, mit ihm. Sie sei so stolz, den besten Mann auf Erden zu haben, aber wenn er sie nur als Trophäe wolle, könne er gleich gehen. Zärtlich legte er seinen Finger über ihre Lippen, ich will sein, wo du bist. Dann küsste er sie lange. Die Hochzeitsnacht wurde wunderschön.

Er hat nie bereut, geblieben zu sein. Obwohl auch er gehadert hatte, unzählige Male wach lag und bangte, dass aus dem, was er ihr so lustvoll gab, ein Kind wuchs, sich der sehnlichste Wunsch des Paares endlich erfüllte. Sein Verstand war gebildet genug, dass er dem Aberglauben und den Traditionen zum Trotz die Möglichkeit in Betracht zog, es könne an ihm liegen. Der Gedanke bedrückte ihn und, einmal geboren, saß er ihm im Nacken wie ein Leopard. Beiß endlich zu, dachte er, beende diesen unwürdigen Zustand – oder gib mir das, was mir zum Glücklichsein fehlt. Dann hörte er von der weißen Lady.

Geologen hatten sie vor anderthalb Jahren in einer unzugänglichen Gesteinsspalte zwischen mächtigen Granitblöcken entdeckt: eine Steinzeichnung, die sich von allen anderen unterschied – statt in brauner Farbe und handtellergroß, sollte die Zeichnung strahlend weiß sein und sich über die gesamte Wand erstrecken. Wie zu hören war, zeigte sich das Bildnis nur einen kurzen Moment um die Mittagszeit, wenn die Sonne in die Spalte drang. Drei Tage dauerte das Spektakel, dann passte der Einfallswinkel nicht mehr. Lachend hatte ein Stammesbruder berichtet, wie Wissenschaftler mit Spezialausrüstung kamen, um in die Spalte zu leuchten. Was sie auch unternahmen: die weiße Lady kam nicht mehr zum Vorschein. Sie war auf einen Schlag erschienen und genauso wieder verschwunden. So sehr sich die Entdecker auch bemüht hatten, so wenig war ihnen ein Foto der Erscheinung vergönnt. Es war wie verhext, sie ließ sich nicht abbilden. So kursierten nur vage Schilderungen darüber, wie sonderbar die weiße Lady – niemand sagte Frau – wirkte, auf unwirkliche Weise lebendig, aber nicht wie ein Mensch, sondern so atemberaubend und übermenschlich schön wie eine Göttin. Im darauffolgenden Jahr zur gleichen Zeit machte sich eine wahre Völkerwanderung auf, um die weiße Lady zu sehen. In der Zwischenzeit hatte das Phänomen den Weg von Fachzeitschriften in Boulevardblätter und in die neuesten Reiseführer gefunden – und auch wenn die weiße Lady seither nicht mehr erschien, gehörte ein Stopp bei der Granitspalte inzwischen zu den touristischen Programmen. Die Behörden hatten schnell reagiert und einen massiven Zaun mit Eingangstor um die Stelle errichten lassen – hunderte Arbeiter waren unter widrigsten Bedingungen und in kräftezehrender Handarbeit damit beschäftigt. Auch eine neue Schotterstraße führte Richtung Gebirge, allerdings war das Gebiet dann immer noch zwei Kilometer entfernt. Ein schweißtreibender Pfad voller Felsblöcke war bis zum Eingang zu nehmen. 200 namibische Dollar kostete der Eintritt, das Geld verschwand vollständig im allgemeinen Staatsseckel, nichts davon floss in den Erhalt der alten Kulturen oder auch der einzigartigen Naturlandschaft.

Nichts kommt bei uns an, sagten zornig die jungen Männer im Dorf. Die Alten schüttelten nur gleichmütig ihre Köpfe, man wolle kein schmutziges Geld, das habe man früher auch nicht nötig gehabt. Solche Diskussionen ermüdeten ihn, sie führten zu nichts. Im Grunde lebten sie immer noch gut, auch wenn es immer schwerer wurde, die Menschen zu versorgen.

Nun keuchte er doch beim Aufstieg. Manche Hürde musste er kletternd überwinden, große Steinblöcke mühsam erklimmen. Aber er war geschickt und ausdauernd. Außerdem konnte er sich auf seinen Instinkt verlassen, er roch Wasser schon auf einen Kilometer und mehr. Und er wusste, dass es hier Wasserbecken gab, die fast ganztägig im Schatten lagen und nicht so leicht austrockneten. Erst vor zehn Tagen hatte es geregnet, sehr sogar – nach Monaten der Dürre. Sein Dorf hatte das ausgelassen gefeiert. Auch seine Frau und er hatten sich gefreut. Zugleich fragte er sich, warum alle noch so naturergeben waren, statt über moderne Techniken nachzudenken, die es ermöglichten, Wasser zu transportieren und zu sammeln. Für die Minen im Land wurde das ja gemacht, das hatte er in der Schule gelernt. Aber was hatte er schon zu sagen? Als der Morgen graute und der wunderschöne, reiche Sternenhimmel mit zartem Blau übermalt wurde, hatte er den Berg erklommen. Obwohl er durstig war, setzte er sich auf einen der glatten Steine, um die Sonne zu begrüßen, so wie die Vögel, die umherschwirrten. Wo sie in größerer Zahl zusammenfanden, musste Wasser sein. Doch jetzt genoss er das Farbenspiel im Osten: Hinter den rötlichen Felsen leuchtete es erst blau, dann gelb und schließlich wie pures Gold. Im Westen erstrahlten schon die Berggipfel, noch bevor die Sonne auch ihn in ihr warmes Morgenlicht tauchte. Es würde nicht allzu heiß werden, schließlich war noch lange nicht Sommer. Nur die Steine speicherten so viel Wärme, dass er sich möglichst schattige Pfade würde suchen müssen. Beim Abstieg ins nächste Tal wiesen ihm die Vögel den Weg, sie stürzten hinab zu einer flachen Stelle, auf der es glitzerte, hoben gleich wieder ab, mit einem Schnabel voll Wasser. Er frohlockte. Das da unten war ein wahrer See mit mehr als genug Wasser für alle Lebewesen, zumindest solchen, die hierher kommen konnten. Hier und heute war er mit den Vögeln allein. Er trank ausgiebig, wusch sich und setzte seinen Weg fort. 

Wenn er den Beschreibungen glauben durfte, würde er bis zum Abend am eingezäunten Gelände ankommen. Wieso zog es ihn dorthin, wo er doch fast sicher sein konnte, dass auch ihm die weiße Lady nicht erscheint? Und wenn doch: Was erwartete er davon? Er hatte geträumt, alles schien so realistisch. Es war dunkel gewesen, er war eingeklemmt, schwere Steine drückten auf seinen Brustkorb, nahmen ihm die Luft. Dann geschah etwas Seltsames: Er erwachte und sah an seiner Schlafstatt eine helle Gestalt stehen, eine Frauengestalt von so hellem Licht, dass er geblendet wurde. Refexartig schloss er die Augen. Als er sie gleich wieder öffnete, war die Gestalt verschwunden. Seine Frau erwachte neben ihm. Ich glaube, stammelte er, ich habe die weiße Lady gesehen. Er war nach draußen gegangen, doch da war nichts mehr. Das Dorf lag still im Mondlicht. Er erinnerte sich, dass er sehr hell geschienen hatte. Ein Vollmond. Kommende Nacht würde wieder ein voller Mond scheinen … Er hatte die Nächte gezählt, seiner Frau nichts gesagt – zu persönlich schien ihm alles, zu wertvoll und fragil, solange er keine Gewissheit hatte. 

Das Gebirge wurde unzugänglicher. Er kam langsamer voran als erwartet. Seine Kräfte schwanden, er musste häufiger verschnaufen. Als die Sonne schon sehr tief stand, begannen die Steine zu leuchten, und so nahm er zunächst nicht wahr, wie es inmitten der Gold- und Rubintöne silbrig glitzerte. Erst als ein Reflex direkt in sein linkes Auge fiel, realisierte er, dass er fast da war. Diese Aussicht verlieh ihm neue Kraft und während er behende über Steine kletterte, wurde der Zaun immer markanter. Er bestand aus einer soliden Gitterstruktur, die Pfähle waren in Gesteinslücken getrieben und zusätzlich mit Zement versiegelt worden. Oben war der Zaun mit Stacheldrahtrollen gesichert. Ein Bollwerk. Uneinnehmbar.

Panik stieg in ihm auf. War am Ende alles vergebens, all die Mühe umsonst? Der Mut verließ ihn, er umkletterte müde und ohne große Hoffnung den Zaun. Ein letzter Sonnenstrahl durchdrang die Felsen hinter ihm, der rötliche Strahl durchbohrte die Steine wie ein Laser. So etwas hatte er irgendwo schon einmal gesehen und fast war er geneigt zu glauben, der Strahl könne den Zaun zerschneiden. Nichts dergleichen geschah und doch entdeckte er jetzt etwas, das ihm wie ein Wunder erschien. Genau dort, wo das Licht jetzt verblasste, befand sich unterhalb des Gitters ein loser Felsblock. In diesem Moment war er davon überzeugt, alles richtig zu machen. Mit letzter Kraft schaffte er es, den Stein zur Seite zu rollen. Wie er vermutet hatte, befand sich dahinter ein Loch. Er war schon durch kleinere Öffnungen geschlüpft. Bist du am Ende eine Schlange?, hatte seine Frau einmal gesagt und lauthals gelacht. Du wirst wieder so lachen, dachte er, wir beide werden lachen und vollkommen glücklich sein.

Er steckte fest. Das Loch verjüngte sich nach innen wie ein Trichter. So sehr er sich auch mühte: er kam weder vor noch zurück. Ihm blieb die Luft weg. Wie in seinem Traum. Panik ergriff ihn.

Du schaffst das! Halluzinierte er oder war das die Stimme seiner lieben Frau? Sieh mich an! Ihr Gesicht erschien vor seinem. Küss mich! Er spürte, wie sich ihre Lippen an seine hefteten, an seinen saugten. Der Sog wurde stärker, so stark, dass sein Körper weiter in den Trichter gepresst wurde und jetzt vollends kollabierte. Er spürte nichts mehr von sich, nichts tat ihm mehr weh. Dann glitt er hindurch. Augenblicklich drang Luft in seine Lungen. Von Ferne ein Lachen. Das Lachen seiner Frau. Sag ich doch: Schlange …

Etwas weckte ihn. Ein roter Mond ging auf, gab dem Stein eine entrückte Röte. Träumte er noch? Er besah sich das Loch hinter ihm, konnte es kaum fassen. Nicht einmal eine Ratte wäre hier durchgekommen. Und doch war er hier, innerhalb der Umzäunung. Keine Zeit zum Grübeln, er musste die Spalte finden. Obwohl das Gelände touristisch genutzt wurde, befand sich nirgendwo ein Schild, geschweige denn ein Weg. Ohnehin musste ja jeder, der zur Spalte wollte, gut bei Kräften und einigermaßen geschickt im Klettern sein. Erstaunlich also, dass so viele Menschen den langen Weg durch die Felsen auf sich nahmen. Er hatte die Straßen gemieden, niemand sollte ihm begegnen, ihm unangenehme Fragen stellen. Es reichte schon, dass sich das Dorf die Mäuler über sein heimliches Verschwinden zerriss.

Das musste sie sein! Die Spalte bildete das Zentrum der Einzäunung. Er erschrak vor den massiven Granitblöcken, die parallel zueinander schräg aus dem Boden ragten und nach innen hin einen vollständig schwarzen Schlund bildeten, dessen Tiefe schwer abzuschätzen war. Er war zu ergriffen, vor diesem berühmten Monument zu stehen, dass er nicht wagte einen Stein hineinzuwerfen. Was, wenn die Spalte bis ins Erdinnere führte? Der Gedanke machte ihm eine Gänsehaut. Wenn überhaupt, konnte Licht nur auf eine der beiden Innenseiten fallen, also suchte er sich eine Position, von der aus er diese eine Fläche beobachten konnte. Abwechselnd blickte er zum Himmel und in den Schlund. Schließlich lag er bäuchlings auf einem glatten Fels direkt oberhalb der Spalte. Jetzt nur nicht einschlafen. Er zwang sich wachzubleiben, was nicht leicht war, weil er müde von den Strapazen und die Felsplatte noch wohlig warm von der Sonne war. 

Der Schrei eines Vogels weckte ihn erneut. Er fuhr hoch, sah die schmale Spalte unter sich, den knochenbleichen Vollmond direkt über sich. War er zu spät? Hatte er alles verdorben? Hart schlug er mit beiden Fäusten auf den Stein. Eine hilflose Aktion, Tränen stiegen ihm in die Augen. Durch den Schleier entging ihm nicht, dass die Schwärze einem Grauton wich. Auf einen Schlag war sie da. Gleißend hell, strahlend weiß und doch durchscheinend wie ein Geist – ein körperloser Körper, zweifellos eine Frau, schöner als alle, die er je gesehen hatte. Wie schaffte es die Sonne selbst über den Mondschein die weiße Lady erscheinen zu lassen?

Nur dir, hörte er sie sagen, nein, nicht sagen, er las es in ihren Augen, die so lebendig schienen, so gütig, dass er wieder weinen musste.

Geh! Alles wird gut.

Aus dem Nichts verhüllten Wolken den Mond. Ein warmer Regen fiel, schwere Tropfen, die sich rasch verdichteten. Blitze zuckten über den Himmel, Donnergrollen rollte über die Berge. Wie gelähmt blieb er liegen, sein letzter Gedanke galt ihr – seiner großen Liebe, daheim in seinem Dorf.

Man fand ihn am Fuß des Berges, den er vor zwei Tagen bestiegen hatte. Starke Mönner schleppten ihn ins Dorf, wo seine Frau die Hände über den Kopf zusammenschlug. Drei Tage und drei Nächte pflegte sie ihren Liebsten, bangte um ihn, weil er nicht aufwachte und das Fieber nicht sank. Am Morgen des vierten Tages schlug er die Augen auf und blickte sie klar an. Hunger wie ein Löwe, sagte er und lächelte.

Die Gesteinsspalte gibt es heute nicht mehr. Dort, wo sie war, hatte sich zunächst ein großes Loch gebildet, feuerrot, wie ein Krater. Die Umzäunung war wie vom Erdboden verschluckt. Nicht allein vom Regen füllte sich das riesige Becken, das Wasser schien zugleich aus der Tiefe zu kommen, staute sich zu einem blau-grün glitzernden See mit klarstem Wasser. Wieder rätselte die Fachwelt, wieder stand die Region im Mittelpunkt des Interesses. Die Regierung ließ einen Wanderweg anlegen. Der ist zwar gangbarer, aber immer noch anspruchsvoll. Viel wichtiger aber: Vom See führt heute eine Wasserleitung zu den Dörfern und selbst in entlegendere Ortschaften – hauptsächlich aber zu der neuen Fabrik, die Granit abbaut und  zu transportablen Blöcken verarbeitet. 

Mit der Geburt ihres ersten Kindes hat die Familie das Dorf verlassen. Er arbeitet jetzt in der Granitfabrik, bekommt einen guten Lohn, weil man ihm schnell verantwortungsvollere Aufgaben übertragen hat. Sie bewohnen eine bescheidene Unterkunft, sparen ihr Geld, das sich trotz ihrer drei Kinder stetig mehrt. Von seiner Begegnung mit der weißen Lady hat er nie erzählt. Seine Frau hat ihn auch nie gefragt, doch so manches Mal wissend gelächelt.

©Martin Bensen