Nirgendwomensch

»Wer hat dir das befohlen? Rede endlich, du Ratte!«
Er weiß es nicht. Er weiß nichts mehr. Er sieht. Immer wieder sieht er dieses Gesicht, sieht die Angst in den Augen des Mannes, sieht ihn fallen und unter der S-Bahn verschwinden. Ein Schrei und der Film reißt. Nein, er reißt nicht, nur etwas in ihm, nichts wird hell, es ist kein Film. Es beginnt von vorne. In seinem Kopf pfeift es wieder. Und damit fängt alles an. Nichts wird sich ändern. Es endet, wie es endet. Am Ende ist nichts.

Da ist diese Stimme. Klar, messerscharf. Sie schneidet sich durch das Pfeifen, macht es schmerzhaft. Er hält sich die Ohren, aber es ist in seinem Kopf. Flieh! Er rennt los, taumelnd, blind. Flieh! Wohin? Er prallt auf etwas Weiches. Der Geruch von Rasierwasser. Stille. Kein Pfeifen mehr, keine Stimme. Vor ihm der alte Mann, er sieht ihn ungläubig an, ängstlich, fallend, in das Kreischen der Bremsen. Ein Schrei. Er schließt die Augen, hält sich wieder die Ohren. Dann der Schlag. Er prallt auf hartes Pflaster. Jemand drückt ihn zu Boden, verdreht seine Arme, ihm bleibt die Luft weg. Die Welt versinkt, da reißt man ihn hoch, stößt ihn vor sich her. Durch ein Meer geweiteter Augen.

Er hat sie gesehen. Die leeren Blicke. Die Toten im Schutt. Hat die eine, die Seine, nicht mehr gefunden, hat sie verloren in der wundgeschlagenen, wüsten Stadt. Vor den Bomben ist er sicher jetzt. Doch er ist allein. Hat ein wundes Herz. Erinnerungen im Kopf. Die schrecklichen schieben sich vor die schönen, er kann sie nicht beiseite wischen, er wird sie nicht los. Sie haben Widerhaken. Er lebt, ist tot – irgendwo dazwischen. Was ist er noch, was das Leben? Was hat er hier verloren? Er ist sicher jetzt. Ist er sicher? Vertraue niemandem – der pochende Finger des Vaters auf seiner Brust. Niemandem! Nicht einmal ihm. Der Vater hat seinen Sohn geopfert.

Wieder steht er an diesem Bahnsteig. Jahre später, ewige Momente, in jedem einzelnen wäre er lieber tot gewesen. Der Richter war gütig gewesen. Viel zu gütig. Güte hilft ihm nicht. Gewiss, er hat die Geschlossene gehasst, die hohen, kahlen Mauern mit dem Stacheldraht als Krone. Die Zacken strahlen in der Sonne wie gebleckte Raubtierzähne. Der rostet nie, selbst bei dem vielen Regen nicht. Er weiß das. Sie haben es ihm trotzdem gesagt, immer wieder, triumphierend. Siegerlächeln. Manche flohen trotzdem. Er blieb. Er war schließlich schuldig, wird es immer bleiben.

Er ist müde. Wie sein Herz. Er spürt die Narben. Sollbruchstellen. Verhärtungen. Dazwischen verbirgt sich Gefühl. Man muss nur recht ins Weiche treffen. Mit was? Er besitzt kein Messer. Nichts hat er. Wofür auch? Was will er noch hier? Wo soll er aber hin? Niemand wartet auf ihn. Und er auf niemanden. Nirgendwo. Nirgends.

Die Bahnen wie Schlangen. Sie spucken graue Masse aus, saugen neue Masse ein, U-Bahn-Geruch wie schlechter Atem, stinkender Odem der Röhren, klaffende Mäuler. Er geht dorthin, ans Ende des Bahnsteigs, steigt hinter die Begrenzung, sieht die Lichter kommen, zwei Augen aus dunklem Schlund, sie verschwimmen. Durch den Schleier seiner Tränen erstrahlt das Gesicht seiner Frau. Ihre Stimme, sanft. Komm! Er kommt zu sich. Komm! Er wird kommen. Heimkommen!

Er wird sie finden – und wenn er jeden kaputten Stein umdrehen muss.

©Martin Bensen