Das Glockenseil von Tarragona

Glöckner zu sein, ist heutzutage nichts Besonderes mehr, vielleicht war es das nie, außer in Victor Hugos historischem Roman und den kitschigen Film- und Musical-Ablegern. Der Mann, der an diesem Freitag pünktlich um 12 Uhr in der Kathedrale von Tarragona die Glocke läutet, ist ein unscheinbarer Herr mittleren Alters von gepflegter Erscheinung und in Alltagskleidung. Er zieht nur zweimal an dem dünnen, langen Seil unterhalb der kleinen, aber hochgelegenen Kuppel nahe dem Altar, von unten eine luzide Rosette mit einem kleinen Loch in der Mitte. Noch während der dünnen Glockenschläge führt der Mann das Seil zur Linken des Hauptschiffs, befestigt das Ende unterhalb der Kanzel an einem Haken und entfernt sich auf den leisen Sohlen seiner Sneakers. Das kann ich eigentlich auch, denke ich, und strecke meine Hand nach der Kordel aus …
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Requiem „Im Dorfe“

Zusammengesunken sitzen sie
Und bestatten wieder einen
Aus ihren Reihen

Zwei Kirchenbänke reichen aus
Es sind nicht mehr so viele
Zum Trauern da

In der Luft ein Hauch von Leben
Im Stoff der Nachklang süßen Dufts
Aus besseren Zeiten

Aus dem Holz der alten Bänke
Weicht Muff von schwerem Balsam
Wie manche Flatulenz

Zum Himmel stinken tiefe Seufzer
Von halb verwestem Bratenfleisch
In fauligen Gebissen

Asche zu Asche Staub zu Staub
Sehet nur ihr alle seid des Todes
Wie der im Sarg

Blutleer aber voll von Ehrfurcht
Stehen sie schwankend vor dem Grab
Dem schwarzen Loch des Lebens

©Martin Bensen