Der Balkon

Es geht bergan, mein Wanderweg macht einen großen Bogen nach links. Da sehe ich den Baum und denke, was für ein schönes schattiges Plätzchen das ist. Und erst die Aussicht auf die grüne Ebene! Jetzt erst entdecke ich die Bank unter dem Baum, dann die elegante Dame, die darauf sitzt. Sie zieht ihr abgestelltes Fahrrad etwas zur Seite und bietet mir den noch freien Platz auf der Bank an. Ich grüße freundlich, gehe aber weiter, da sagt sie fast enttäuscht: „Möchten Sie denn nicht auf den Balkon? Ach, den kennen Sie wohl schon… ?“ Ich stutze, doch dann lehne ich höflich ab, verweise auf den Weg, der noch vor mir liegt. Die Dame lächelt milde und wendet sich wieder der Aussicht zu. Später fährt sie frisch und leichtfüßig radelnd an mir vorbei, ein Lied summend. Ich wische mir den Schweiß aus dem Nacken und bin noch lange nicht am Ziel.

©Martin Bensen, 14. Juni 2017 – Wanderung zum Ammersee

High Five

„No, thanks!“ Das ist ja wohl eindeutig und gerade noch so höflich, wie es sich gehört. Oder doch nicht? Der Afrikaner weicht nicht von meiner Seite. Was denn noch? Lass mich in Ruhe, belästige die anderen hier am Strand. Ist dein armseliger Job. Ich kann nichts dafür und ich will auch nicht wissen, was dich hierher getrieben hat. Solche Strandverkäufer wie dich gibt es schon lange. Scheint ja zu laufen. Bei mir gerade nicht so. Meine Firma geht den Bach runter, mein Geld ist futsch. Ein schwacher Moment, eine falsche Entscheidung gegen hundert richtige. Egal, nicht mehr zu ändern. Das ist sicher der letzte Familienurlaub hier in Italien. Er gehört schon zu den bescheideneren in den letzten Jahren. Und das ist gut so. Haben wir uns je ein Urlaubsfoto noch einmal angeschaut? Machen wir überhaupt noch Fotos? Klar, wenn das Smartphone gerade griffbereit ist. Dabei sind die Dinger perfekt, um jeder Unterhaltung auszuweichen, sich nicht mehr als nötig am Familienleben zu beteiligen. Ist mir auch egal. Ich weiß schon lange nicht mehr, wo sie alle unterwegs sind. Bin es ja selber genug. Ich werde mich trennen…

„No, thanks!“ Hat er mich gerade nachgeäfft? Wie er die zwei Worte ausspricht, mit hoher Stimme, muss ich unwillkürlich an Filme mit Eddie Murphy denken. Der Afrikaner schaut mich freundlich an, zwinkert mir zu. So beladen, sieht er unfreiwillig komisch aus: Auf seinem Kopf stapeln sich bestimmt zehn Sonnenhüte, sein ganzer muskulöser Oberkörper ist über und über behängt mit bunten Körben. Billig-Ware aus China. Ich sehe Schweißperlen auf seiner Stirn. „Are you sure?“, fragt er. Plötzlich muss ich lachen. Über das ironische Echo meiner Abweisung, über mich Weichei. Darüber, wie ich hier in der Strandliege kauere, käsig weiß bis rot verbrannt, gelangweilt vom Leben.

„Yes, I’m sure!“, lache ich. Er streckt die Hand aus zum High Five. Ich schlage ein. Er geht. Lebt sein Leben weiter. Ich meines. Nicht mehr sicher, welches armseliger ist…

©Martin Bensen

Schrittmacher

Mit einem tiefen Seufzer legt der Rentner seinen Gehstock vor den Ergometer. Erste Runde: Aufwärmtraining. Er braucht eine Weile, um auf dem Sattel Platz zu nehmen, seine Füße in die Pedale einzufädeln. Dann schlägt eine Glocke. Das markante Riff ertönt. Die ersten zähen Umdrehungen bekommen langsam Fahrt. Ganz allmählich münden seine Bewegungen in den Rhythmus der Musik. Immer geschmeidiger tritt er den Takt. Jetzt schwingt sein Kopf, sein ganzer Oberkörper, hin und her. Ein Lächeln, dann ein Schrei.

Hells Bells, ihr Säcke! Ich kann’s noch.

©Martin Bensen

Sharing is caring

Neulich in der Straßenbahn: Ein junger Mann, gepflegte Erscheinung, niest zweimal diskret zur Seite. Zwei Sitzreihen dahinter erhebt sich eine ältere Dame, reicht ihm ein Tempo und weist ihn streng an, das nächste Mal doch bitte ein Taschentuch zu benutzen. Ein verlegenes Lächeln, amüsierte Gesichter, eine Zeitung mit Ebola-Schlagzeile…

©Martin Bensen, Oktober 2014