»Ich saß da gerade auf dem Klo.«
»Oh bitte, so genau brauchen wir es nicht.«
Die Beamtin blickte mich leicht angewidert an. Gut, ich war nicht mehr ganz taufrisch, aber mein Körper konnte sich immer noch sehen lassen, ich hielt mich fit.
Jetzt verirrte sich doch noch ein Lächeln in das Gesicht meines Gegenübers. Immerhin war ich wohl eine willkommene Abwechslung um drei Uhr nachts auf der Wache.
»Das im Badezimmer ist wichtig! Da war was …«, versuchte ich es nochmal.
Dieser Blick! Ich verstummte.
Sie seufzte. »Jeder Hinweis ist wichtig. Also noch einmal: Hat Ihre Frau vor ihrem Verschwinden irgendwelche Andeutungen gemacht, hat sie sich anders verhalten? Haben Sie sich gestritten?«
»Wie oft denn noch?« Verzweiflung ließ meine Stimme überschnappen. »Nichts! Überhaupt nichts! Wir haben uns sogar noch geliebt. Auf dem Sofa! Das erste Mal, wenn ich es mir recht überlege …«
Die Polizistin wehrte mit den Händen ab, aber sie schmunzelte. Ihr routiniert prüfender Blick bekam etwas, das ich nicht deuten konnte, es ließ sie augenblicklich menschlicher erscheinen, beinahe anziehend. Sie war etwas jünger als ich, um die vierzig schätzte ich, aber was dachte ich da nur. Meine Frau war weg. Nur darum ging es. Ich hatte keine Erklärung, hatte all das schon zu Protokoll gegeben. Der Beamtin entging meine Verzweiflung nicht.
»Hören Sie, Herr …, machen Sie sich keine Sorgen. In vielen Fällen klärt sich alles ganz schnell auf. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich die Abgängige aus eigenem Entschluss und aus persönlichen Beweggründen an einen unbekannten Aufenthaltsort begeben hat.«
»Na toll! Wie das klingt.«
»Ich kann Sie aber beruhigen, auch unter dieser Annahme werden wir dem nachgehen.«
»Muss ich also nicht erst warten?«
»Wieso warten? Ach so, ne, das gibt es nur in Krimis, das hat mit unserer Arbeit nichts zu tun.« Ihr Blick wurde ernst. »Nein, wir müssen dem nachgehen und das werden wir. Ich fordere eine Streife an, wir werden in Krankenhäusern nachfragen, ihre Kontakte, sofern das heute Nacht Sinn ergibt.« Jetzt sah sie mich besorgt an. »Bitte bleiben Sie ruhig – so gut es eben geht. Unternehmen Sie nichts! Gehen Sie nach Hause und warten Sie auf weitere Nachricht. Vielleicht meldet sich Ihre Frau ja auch oder sie ist schon wieder da.«
»Schön wär’s«, flüsterte ich und merkte, dass auch sie nicht daran glaubte.
Natürlich war Lisa nicht da. All ihre Sachen schon, selbst ihr Handy, das vergaß sie nie. Und das hatte ich zuerst untersucht, ihre Social-Media-Accounts, den Kalender, ihre Notizen, die Mails und zuletzt ihre Kontakte. Die wichtigsten hat sich die Polizei notiert, auch was sie anhatte. Ihre beste Freundin hatte ich noch erreicht, dort war sie auch nicht, und wo sie sein könnte, wüsste sie nicht, hatte sie gähnend gesagt. Mir fiel nichts mehr ein. Hatte ich irgendetwas übersehen? Konnte sie mir aus irgendeinem Grund böse sein, so sehr, dass sie nur noch abhauen wollte? Was könnte sie mir verheimlicht haben? Ein Doppelleben? Wir haben uns alles erzählt, alles geteilt, auch das Bankkonto. Da schaute ich auch noch nach – nichts. Aber selbst wenn sie oder ich eine Affäre gehabt hätten, wir hätten sie schonungslos offenbart. Nein, wir waren ein Traumpaar, auch jetzt noch, zwanzig Jahre nach unserer Traumhochzeit. Was also war geschehen? Warum war sie weg?
Denk nach, Jo! Du warst zuletzt im Bad. Das war wichtig, fällt dir noch was dazu ein, hast du was übersehen?
Okay, noch einmal: Lisa war noch oben, ich saß schon unten im Bad auf der Toilette, wie immer vor dem Zähneputzen. Das Schlafzimmer schloss sich direkt an, das Bett lockte wie jeden Abend, aber diesmal war ich so müde, dass mir noch auf dem Klo die Augen zufielen, vielleicht wirkte auch der Alkohol nach, der rasante Liebesakt auf dem Sofa oder schlichtweg beides.
Es traf mich wie ein Blitz. Nicht rein physikalisch, eher wie ein überraschender Gedanke, eine Erleuchtung, aber unangenehm wie ein Stromschlag, und für Sekundenbruchteile war es, als geriete die Welt, das vertraute Badezimmer, aus den Fugen. Ein Handtuch glitt von allein zu Boden, dorthin, wo mein gestresstes Hirn eine Spalte zu erkennen glaubte, ein Riss, der sich wie eine Schlange durch den Raum wand, woraufhin sich beide Seiten überlappten, als wollte sich der geteilte Raum übereinander schieben, mit einem Knacken und einem Knall, dann war alles still, stiller als still, als befände ich mich in einem Vakuum. Benommen stürzte ich hinauf ins Wohngeschoss, trat in vollkommene Dunkelheit. Sofort hatte ich ein seltsames Gefühl.
Lisa! Noch bevor ich den Lichtschalter fand, rief ich ihren Namen, bekam keine Antwort. Noch immer diese unheimliche Stille, die meine Geräusche zu absorbieren schienen, meinen Körper. Den von Lisa spürte ich nicht, auf einer tieferen Ebene wusste ich, dass sie nicht mehr da war. Nur eine Spur ihres Geruchs wie ein Geist. Je mehr Lichter ich einschaltete, desto gewisser wurde, dass sie nicht mehr im Haus war.
Ich suchte überall, in jedem Winkel der Wohnung, in unserem Garten, rief ihren Namen, lachte wie blöd, schrie, dass das nicht witzig sei und dass sie endlich mit dem Versteckspiel aufhören sollte. Ich riss die Haustür auf, lief die Straße rauf und runter, setzte mich schließlich ins Auto, fuhr kreuz und quer durch die Siedlung, dann durch die Stadt, versuchte unablässig, unsere Freunde zu erreichen, niemand nahm ab, bis auf Lisas Freundin. Ob sie mich angelogen hatte? Trieben sie und Lisa ein hinterhältiges Spiel mit mir. Ich mochte Inka nicht besonders, aber so weit würde sie nicht gehen. Lisa erst recht nicht. Außerdem würde jetzt eine Streife bei ihren Freundinnen vorbeischauen. Warum beruhigte mich das nicht?
Mein Blick fiel auf das Sofa, der Anblick tat weh. Die Decke lag zu einem Knäuel gestaucht auf dem schwarzen Leder, Zeugnis einer »heißen Nacht«. So hatten wir es noch nie gemacht, so spontan, fast zügellos – warum gestern Abend? Ging das Verlangen von ihr aus? Nein, ich hatte angefangen. Der Film war langweilig gewesen, Lisa hatte gedöst, als ich zur Fernbedienung greifen wollte, sie entglitt mir, rutschte tiefer in ihren Schoß, meine Hand hinterher. Lisa hatte aufgestöhnt, ich war sofort geil gewesen.
Wir kamen gleichzeitig. Wie viel Glück kann man empfinden? Wie viel Liebe? Um sie gleich darauf wegzuschmeißen? Das passte nicht zusammen.
Mir kamen die Tränen, als wäre ein Damm gebrochen. Durch den Schleier wirkte die zerknüllte Decke wie ein Körper. Ihrer. Ich vergrub mein Gesicht darin, schmiegte mich an das Bündel heran, spürte fast noch unsere Wärme darin, sog ihren Duft ein, atmete in Krämpfen aus, bis ich mich langsam beruhigte. Gegen Morgen schlief ich ein, die Sonne weckte mich, ließ mich niesen. Im nächsten Moment war alles wieder da.
Lisa! Wo bist du?
Ich sprang auf, taumelte in einem Anfall von Schwindel zurück aufs Sofa, ein stechender Schmerz durchfuhr meinen Kopf. Im nächsten Moment erfasste mich wieder diese Unschärfe, als würde ich ohnmächtig werden, doch ich war hellwach, es war eher die Umgebung, die sich aufzulösen schien wie etwas Irreales. Ich schloss die Augen, öffnete sie gleich wieder – alles war wie zuvor.
Wankend ging ich zur Terrassentür, riss sie auf. Ein Schwall heißer Luft drückte mich zurück in die Wohnung. Wie seltsam, hatten sie nicht Regen vorhergesagt? Und hatte ich nicht gefroren, als ich nachts durch den Garten geirrt war. Es war doch erst Anfang Mai, er hatte kühl und nass begonnen, sodass wir davon abgesehen hatten, die Gartenmöbel aufzustellen. Doch da standen sie! Jedoch ganz andere. Was zur Hölle …
Ich stürzte die Treppe hinunter ins Untergeschoss, in den Garten – und traute meinen Augen nicht. Über Nacht war der Rasen gewachsen, das Gras so hoch, das ich schwerlich mit dem Mäher durchkommen würde, den Roboter hatte ich noch gar nicht ausgepackt. Ich blickte mich um, erschrak über den Anblick: Das hier war nicht unser Garten. Hektisch blickte ich mich um. Eindeutig unser Haus. Aber der Garten! Was um Himmels willen war mit ihm geschehen? Und wieso war es über Nacht so heiß geworden? Ich suchte das Wandthermometer – da war keins. Das fragwürdige Geschenk eines Bekannten – das war im vergangenen Juli gewesen, an einem ähnlich schönen Tag wie heute. Alles hatte geblüht, der Oleander, die Hortensien, die Hibiskus-Sträucher und die Kartoffelrosenhecke, unser ganzer Stolz. Wir hatten sie aus unserem Urlaub auf dem Darß mitgebracht und über Jahre aufgepäppelt. Ich mochte den intensiven, süßen Duft – er roch nach Kindheit. Ich war im Norden aufgewachsen. Manchmal vermisste ich das nahe Meer, auch nach Jahrzehnten hier im Süden. Schon im ersten Jahr hatten Lisa und ich uns kennengelernt, hatten zunächst in der Stadt gewohnt. Bis sich durch den Tod ihres Vaters alles änderte. Wir zogen in sein Haus, Lisas Elternhaus. Der große Garten war von Anfang an ihr Projekt, ein willkommener Ausgleich zu ihrem harten Job als Managerin. Mir blieb das Mähen der Wiese, das Zurückschneiden der Sträucher – und es war mir lästig, obwohl ich mir meine Zeit als selbständiger Versicherungsmakler einteilen konnte.
So früh im Mai wären die Blätter erst zartgrün, die höheren Bäume noch kahl, die Blühpflanzen noch lange nicht an der Reihe. Doch erstens stand ich in praller Hitze, zweitens in einem fremden Garten. Blühpflanzen? Beete? Wo? Ich sah nur Wiese und Bäume, sie erschienen mir höher. Das hier war kein Garten, nicht unser Garten, es war ein kleiner Park. Das Gartenhaus! Da stand keines. Wieder hastete mein Blick über die Fassade, es war unser Haus, doch jetzt erkannte ich ein paar Risse, die Farbe blätterte ab. Wie konnte das sein? Wir hatten es vor fünf Jahren aufwändig renovieren lassen. Auch das Dach. Ganz andere Schindeln! Ich nahm die Außentreppe zur Terrasse, blickte zum Nachbargrundstück hinüber – und sah nichts, das mir vertraut vorkam.
Meine Knie wurden weich, ich setzte mich in einen Gartenstuhl. Hatten wir nicht neue besorgt? Lisa mochte Korbgeflecht. Die Möbel hier waren aus Teakholz.
»Hilfe«, flüsterte ich.
Die Welt hatte sich verändert. Über Nacht. Einfach so. Wirklich?
Nein, ich träumte. Aufwachen, Jo! Das ist alles nur ein mieser, hinterhältiger Albtraum. Irgendwann würde ich aufwachen und alles wäre wie zuvor. Lisa würde mit mir lachen, vielleicht aber auch besorgt gucken, so wie sie es immer tat, nachdem sie mich mit aller Gewalt wachgerüttelt hatte, wenn ich so tief träumte, dass mir alles so realistisch erschien, doch meistens auch unheimlich, weswegen ich zu schreien versuchte, was sich für Lisa wie das Winseln eines Hundes anhörte, das sie weckte, aus ihrem friedlichen Schlaf, sie schlief immer ruhig und fest. Überhaupt war sie mein Ruhepol, mein Fels in der Brandung, mein Ein-und-alles. Und das zeigte ich ihr jeden Tag mit kleinen Aufmerksamkeiten, die sie erfreuten, und wenn es nur ein Kuss war. Wieso sollte sie mich verlassen? Einfach verschwinden?
Ich blickte noch einmal umher, erschauerte. Das hier war größer. Wenn ich nicht träumte, was mir immer unwahrscheinlicher vorkam – das Kneifen schmerzte, ich nahm Gerüche wahr –, dann geschahen hier Dinge, die alles Erkennen und Verstehen überstiegen. Alles Vertraute war weg. Aber ich war doch noch da. Nur: War ich noch ich?
Ich sprang auf, stürzte durch die offene Terrassentür, stieß mich an dem Wohnzimmertisch, weil er auch ein anderer war, sah im Augenwinkel ein rotes Sofa, wieso rot?, hastete durch die Diele zur Gästetoilette, blickte in den Spiegel und seufzte erleichtert. Das war ich. Wieder wurden mir die Knie weich, ich setzte mich auf die geschlossene Kloschüssel, moosgrüne Klobrille? Die Kacheln chromgrün? Wer hatte denn so einen Scheiß?
Moment mal, die Haare! Ich sprang wieder auf, betrachtete mein Spiegelbild. Nicht nur, dass mein Gesicht bleich, fast grün erschien, auch meine Haare waren anders, die Frisur kürzer, viel kürzer – und grau. Und die Warze im Gesicht. Die hatte ich mir Anfang des Jahres weglasern lassen.
Hey Jo, das kann doch alles nicht sein. Hieß ich noch Jo? Gute Idee, dachte ich, ich war ja noch komplett angezogen, und in meiner Hosentasche befand sich das Portemonnaie. Oh, nein! So ein Altherren-Ding, kackbraun mit Emblem auf dem Knopf. Ich öffnete es mit schwitznassen Fingern, fand Karten einer anderen Bank und schon verzweifelnd endlich den Personalausweis. Er war recht neu, im vergangenen Jahr ausgestellt, in Stuttgart.
Jetzt lenk nicht ab! Das Foto!
Puh. Na gut, das Bild hatte ich nie machen lassen, aber die Person darauf war ich, nein, es war die Person im Spiegel, nicht gealtert, aber mit grauerem Haar – und schlanker. Mein Blick wanderte den Körper hinab. Wo war der Bauchansatz hin? Den Body nehme ich! Vor lauter Verwirrung musste ich lachen. Es klang schrill, fast hysterisch. Ich verließ das hässliche Bad und während ich unvermindert weiterwieherte, sprang das Gedankenkarussell an.
Wenn sich alles verändert hat, sogar ich mich selbst, wieso erinnerte ich mich an alles vor der Veränderung, an alles, was noch in der Nacht anders, was noch mein vertrautes Leben war? Ein Leben mit Lisa. Ein Gedanke wie ein Leberhaken. Unwillkürlich krümmte ich mich, alle Luft wich aus meiner Lunge, Lachen Ende. Ich musste einen kühlen Kopf bewahren. Denk nach, Jo!
Mit Lisas Verschwinden hatte alles angefangen, genauer gesagt mit dem seltsamen Blitz im Bad. Was war das gewesen? Was geschah immer noch? Die Dinge veränderten sich weiter, alles Vertraute verschwand wie in einem Prozess permanenter Metamorphosen. Oder kam es mir nur so vor? Träumte ich doch immer noch? Hatte ich nur einen besonders tiefen Traum. Alles erschien so irreal, aber es fühlte sich zugleich äußerst real an. Angst stieg in mir hoch wie Sodbrennen. Was, wenn ich mich auch weiter veränderte, wenn auch meine Gedanken und mein Gedächtnis davon erfasst würden. Bisher waren es die stofflichen Dinge, so gesehen auch Lisa. Verdammt, Lisa! Komm zurück! Weck mich endlich!
Mit hängendem Kopf schlich ich durch die Wohnung, die ich nicht wiedererkennen würde, wenn ich aufblickte, was ich nicht wollte, nahm, schon resignierend, das Muster des dunkelblauen Teppichbodens wahr, wir hatten Parkett gehabt, Lisa fand den edler, außerdem litt sie unter einer Hausstaub-Allergie. Ach, Mensch, so viele Details, so viel Lisa ohne Lisa, nur in meinem Kopf. Würde ich sie je wiedersehen? Was nützte all mein Hadern? Ich musste weiter suchen. Nach Bekanntem und Vertrautem, mir Nahem, nach jedem noch so kleinen Hinweis. Mein Handy! Das hatte ich völlig vergessen, es steckte noch in meiner Hosentasche. Idiot!
Hastig zog ich es hervor. Langsam konnte ich darauf vertrauen: natürlich nicht mein iPhone, sondern ein Android-Gerät. Na, super. Bestimmt mit einer anderen PIN, hoffentlich mit Gesichtserkennung oder Fingerprint. Da hätte ich noch eine Chance. Doch der Akku war augenscheinlich leer, das Display blieb dunkel. Und jetzt? Wo in dieser fremden Wohnung würde ich ein Ladekabel finden? Das Arbeitszimmer!
Fehlanzeige. Es war ein Fitnessraum. Deshalb war ich so schlank. Wieder musste ich lachen. Wie absurd das alles doch war. In der Küche war auch alles anders, aber neben dem Wassersprudler hing tatsächlich ein Ladegerät in der Steckdose. Das Kabel passte. Ich schaltete das angeschlossene Handy ein. Die Face-ID funktionierte nicht, klar nach dem Neustart. Was machen? Ich probierte mein Passwort. Fehlanzeige. Ich versuchte ein paar andere. Dann war das Gerät gesperrt, Zwangspause. Mist! Dann eben nochmal zur Polizei.
Zur Dienststelle war es nicht weit, nur eine Viertelstunde zu Fuß. Zum Glück. Ich wollte das Auto nehmen, doch in dieser veränderten Welt besaß ich offenbar keines, in der Garage stapelten sich nur alte Möbel und anderes Gerümpel.
Oh Lisa, wo bist du nur? Vielleicht wusste die Polizei inzwischen mehr. So recht glaubte ich nicht daran. Andererseits: Sie konnten sich auch nicht bei mir melden. Die nette Beamtin würde ich sicher nicht antreffen, ob sie wieder Nachtschicht haben würde, ob ich noch warten sollte?
Wenigstens die Dienststelle hatte sich, entgegen einer leisen Befürchtung, nicht verändert, sie sah so aus, wie ich sie in Erinnerung hatte, selbst der Geruch am Schalter kam mir vertraut vor – auch ein Anhaltspunkt dafür, dass ich nicht träumte. Ich schöpfte Hoffnung.
Wie erwartet war die Diensthabende der vergangenen Nacht nicht da. Ein gemütlicher Polizist mit Bäuchlein, ein typischer Bürohengst, sah mich mit großen Augen an.
»Verzeihung«, sagte ich schnell. »Ich war heute Nacht schon mal hier. Ich vermisse meine Frau.«
»So, so«, brummte der Beamte und verlangte meinen Ausweis.
Hatte sich das Bild schon wieder verändert? Quatsch, langsam sah ich Gespenster.
Der Beamte setzte sich weiter hinten an einen Computer, tippte etwas mit zwei Fingern in die Tastatur, schüttelte mehrmals den Kopf – hoffentlich über sich selbst, dachte ich, ein Computerfreak war er wohl nicht. Doch als er endlich aufstand und auf mich zukam, verriet seine Miene nichts Gutes.
»Herr, äh …« Er sah mich bedauernd an. »Weder habe ich eine Anzeige vorliegen, noch ist eine Person dieses Namens gemeldet.«
»Das kann doch nicht sein!«, rief ich so laut, dass ein anderer Beamter den Kopf hob.
»Beruhigen Sie sich«, beschwichtigte der Polizist am Schalter.
»Wie denn?« Mir wurde schwindelig. »Ich war doch hier. Ihre Beamtin hat alles aufgenommen.«
Mein Gegenüber schüttelte den Kopf, sein Blick drückte nicht mehr Bedauern, sondern Befremden aus. Nun erhob sich auch sein Kollege und kam an den Schalter, er wollte wissen, was das Problem sei.
»Das Problem? Das fragen Sie allen Ernstes? Meine Frau ist weg! Und Sie wollen sie nicht mal kennen!«
Ich musste mich festhalten, um nicht umzufallen. Ein weiterer Beamter kam gerade zur Tür herein, reagierte blitzschnell und hielt mich fest. Umstellt von drei Polizisten fasste ich mich, aber ich bekam kein Wort mehr heraus.
»Hören Sie, Herr, äh …«
Ich wollte meinen Namen nennen, doch ich konnte nur krächzen. Mein Name? Verdammt! Bestimmt nur der Stress, beruhigte ich mich, was schon nicht gelang, weil mich die Polizisten wie einen Geisteskranken musterten. Hatten sie recht? War ich dabei, verrückt zu werden.
»Sie sind offensichtlich verwirrt. Gestern Nacht war ein Kollege hier, keine Kollegin.« Der Gemütliche sah mich durchdringend an. »Wir werden jetzt einen Notarzt rufen. Haben Sie das verstanden? Nehmen Sie bitte dort Platz.«
»Nein, ich …« Meine Gegenwehr erlahmte sofort, als mich der bei mir stehende Beamte am rechten Arm packte und mich zu der Sitzbank führte, wo wir beide Platz nahmen.
Wie ein Verbrecher, dachte ich. Fehlten nur noch Handschellen.
Der Gemütliche nahm den Hörer ab.
Nein! Bloß kein Arzt! Warum nicht? Weil das immer scheiße ist, nachher komme ich in die Klapse.
»Nein!« schrie ich jetzt. Der Beamte zögerte.
»Bitte, kein Notarzt! Mir geht es schon viel besser.« Und wie einer Eingebung folgend setzte ich hinzu: »Es ist alles ein Irrtum. Meine Frau hat mich verlassen. Sie haben recht: Ich stehe gerade total neben mir.«
Der Gemütliche legte auf, sein Blick blieb argwöhnisch. Ich hatte mich ein wenig gefasst. Wie zum Beweis stand ich auf, machte eine entschuldigende Geste.
»War ne dumme Idee, wirklich. Ich bin halt total gestresst, hab die ganze Nacht kein Auge zugetan. Ich weiß auch nicht, was mich da geritten hat.«
»Machen Sie sowas nicht noch einmal.« Der Gemütliche stand wieder am Tresen, gab den anderen beiden Beamten ein Zeichen. Kopfschüttelnd zogen sie sich zurück.
»Dann gehen Sie jetzt mal nach Hause, ruhen Sie sich aus. Und sollten Sie sich schlechter fühlen, rufen sie bitte gleich einen Notarzt Da ist nichts dabei.«
Mit einem gutmütigen Brummen reichte er mir den Ausweis. Doch gerade, als ich danach greifen wollte, zog er ihn zurück und sah mich forschend an.
»Sagen Sie mir doch bitte mal Ihre Adresse, nur zum Abgleich.«
»Was soll das? Ich wohne in der, ähm, ja, in der …« Jetzt fiel mir die Straße nicht mehr ein. »Aber die Hausnummer weiß ich: 33!«
»Stimmt«, sagte der Polizist. »Und die Straße?«
»Verdammt!« Tränen schossen mir in die Augen, rannen sofort die Wangen herunter.
»Sicher, dass Sie keine Hilfe brauchen?« Der Blick des Gemütlichen war jetzt mitleidig. »Eine Streife, wird Sie nach Hause fahren. Fabi, kannst du den Herrn absetzen? Ist nicht weit.«
Während der kurzen Fahrt im Streifenwagen, in dem ich mir wieder wie ein Verbrecher vorkam, nutzte ich das eiserne Schweigen zum Nachdenken. Noch einmal ging ich die vergangene Nacht im Schnelldurchlauf durch, da war der langweilige Film, unser heißer Liebesakt, die Leere, die ich so unmittelbar empfand, noch bevor ich sicher wusste, dass Lisa nicht mehr da war.
Halt! Wieso blendest du ihn immer aus: diesen Moment auf der Toilette? Er war der Schlüssel, das wurde mir augenblicklich bewusst. Ich hatte ihn ja sogar der Polizistin beschreiben wollen, sehe noch, wie irritiert und ablehnend sie darauf reagierte. Wusste ich nicht da schon, dass ich diesen Schlüsselmoment niemals würde beschreiben können, jedenfalls nicht glaubwürdig und so, dass ich die Wichtigkeit klarmachen wollte. Sah ich sie denn selbst noch klar? Ich konnte es ja selbst kaum fassen und je mehr Zeit verstrich, desto unfasslicher erschien es mir. Und absurd. Und trotzdem: Da war etwas gewesen – und es war übernatürlich, jawohl!
Ein Sprung im Raum-Zeit-Kontinuum, hörte ich Captain Picard von Star Trek sagen, meiner Lieblingsserie.
»Haben Sie gehört?« Die Stimme vom Fahrersitz klang ähnlich, hatte er das etwa gesagt? Wohl kaum. »Wir sind da. Wenn’s denn stimmt.«
Nein, die Stimme muss in meinem Kopf gewesen sein. Der Polizeibeamte sah dem Schauspieler Patrick Stewart keineswegs ähnlich, war auch deutlich jünger. Er ließ mich aussteigen und begleitete mich zur Tür. Ich zog den Schlüssel hervor, den ich vor dem Verlassen des Hauses geistesgegenwärtig von der fremden Kommode genommen hatte, er baumelte an einem kleinen, rosafarbenen Elefanten, der über beide Backen grinste. Und er passte! Mein innerer Jubel wich einem Schreck: Ich sah in einen fremden Flur.
Der Polizist merkte davon nichts. Er verabschiedete sich, tippte sich dabei etwas albern an den Schirm der Mütze. Du Möchtegern! Zum Glück lachte ich nicht gleich los, was er missverstanden hätte. Denn erleichtert war ich auch nicht. Ich war zu Hause – aber in einem fremden Haus. Falsch: In einem Haus, in dem ich lebte, nur eben in einer anderen Welt. Aus welchem Gedächtniswinkel auch immer ich ihn herausgekramt hatte, Picard hatte mich darauf gebracht: Ich war in eine Parallelwelt gerutscht, womöglich sogar in ein paralleles Universum. Eine Weile hatte ich mich für Philosophie interessiert, auch eine Folge meiner Star Trek-Begeisterung. Der Theorie nach konnte in einer anderen Welt alles so sein wie in meiner, selbst die Zeit, doch wer sagte, dass sich auch alles gleich entwickelt? Ähnlich vielleicht. Welche Rolle spielte der Zufall, der freie Wille jedes Menschen, wichtig oder unwichtig. Entscheide ich mich an einer Weggabelung anders, entwickelt sich alles Weitere anders. Und wenn das alle tun, mindestens fifty-fifty, ergibt sich dann nicht eine ganze andere Welt?
Ich hatte mich auf das rote Sofa gesetzt. Bequem war es ja. So eines gefiel mir also in dieser Welt. Oder einer anderen Frau, die ich nicht kannte. Lisa hasste so ein grelles Rot. Und sie liebte Bücher. Doch ein Regal, geschweige denn ein Buch fehlten, dafür standen da ein riesiger Fernseher, eine fette, teure Musikanlage, alles Dinge, aus denen weder ich noch Lisa sich etwas machten. Ihr war ich hier also nie begegnet. Oder sie hatte mich in dieser Welt verlassen, vielleicht weil ich ein Arsch war. Wie konnte es sein, dass ich hier noch immer die Person aus der anderen Welt war, jedoch mit der Erinnerung aus der alten und keiner einzigen aus der neuen Welt? Hatte ich mein Ich ersetzt? Oder verdoppelt? Würde ich mir selbst begegnen? Nichts sprach dafür, zuletzt war ja der veränderte Ausweis in meiner Hosentasche, und ich sah etwas anders aus. Körperlich. Würde sich auch mein Geist anpassen? Wenn es mich hier gab, dann sicher auch eine Parallel-Lisa – nur dass wir uns nie kennengelernt hatten. Aber wieso war ich dann hier im Süden? In der alten Welt wäre ich ohne Lisa nicht dort gewesen? Und wem gehörte dieses Haus – etwa mir? Das alles erschien mir so verrückt, dass ich wieder schwankte.
Doch da war immer noch Captain Picard. Ich wusste, dass die Macher von Star Trek ihre Ideen aus den Wissenschaften und der Philosophie nahmen. Wenn es diese Theorien auch in dieser Welt gab, könnte ich mich damit beschäftigen. Was wusste ich noch? Das Erinnern kostete Kraft. Ich begann zu schwitzen. Sah mich plötzlich selbst in meinem Jugendzimmer. Ich war ein Bücherwurm, verschlang alles über Science-Fiction und Philosophie. Dann ging alles ganz einfach. Wie ein Mosaik setzte ich mir die Gedanken zusammen.
Leibniz tauchte auf, der Philosoph, der einmal behauptet hatte, wir lebten in der besten aller möglichen Welten – Gottes Abwägung nach allem, was er sonst hätte erschaffen können. Ein Allmächtiger, Schöpfer einer solch unzulänglichen Welt, an so einen sollte ich glauben? Fasziniert hatte mich allerdings der Gedanke, dass es die anderen Welten vielleicht wirklich gab, alle auf einmal, nebeneinander. Harmonisch, wie ein Akkord. Oder divergierend, weil jede Entscheidung, jedes Entweder-oder, eine neue abspaltet: In einer Welt biege ich links ab, in der anderen rechts, und von da an entwickeln sich beide anders. Oder sie sind von Anfang an verschieden, fremdartig, mit anderen Gesetzen. Ich klammerte mich an die mittlere Variante. Das meiste wirkte vertraut. Die Menschen ähnlich. Vieles schien so passiert zu sein wie drüben. Aber eben nicht alles.
Trauer erfasste mich. Die würde ich bekämpfen müssen, wollte ich mich zurechtfinden und diese neue Welt verstehen. Ich würde vergleichen, solange ich es noch konnte, denn ich befürchtete, dass sich mit jeder neuen Erkenntnis eine alte Gewissheit verabschiedete, und sukzessive auch meine Erinnerungen. Zu irgendetwas mussten sie doch gut sein, wenn sie den Sprung überstanden hatten. Vielleicht würde ich einiges herüberretten, etwas, das mir in meinem alten Leben gefiel. Das meiste konnte ich getrost vergessen. Würde es diese Welt besser machen oder schlechter, sie womöglich vergiften? War diese Welt besser als die, aus der ich kam? Ich wollte es gerne annehmen, machte mir aber keine Illusionen. Ich stand noch ganz am Anfang von etwas Großem, zu groß für einen Menschen, ein Leben. Fürs Erste wollte ich alles aufschreiben, so wie jetzt gerade.
Im Küchenregal hatte ich einen Block und mehrere Buntstifte gefunden, zeichnete ich hier etwa? Jedenfalls waren die Farben nicht anders als in meiner Welt. Doch so sicher war ich mir plötzlich nicht mehr. Auch „meine Welt“ fühlte sich als Begriff nicht mehr selbstverständlich an. Aufschreiben, Jo! In meinem Ausweis stand übrigens ein anderer Name, wieso berührt mich das kaum noch? Aufschreiben! Ach, lass doch, ich bin müde.
Ich erwache in voller Montur auf dem Sofa. Ein schönes Sofa – und so bequem selbst für einen Mann meiner Statur. Die Sonne scheint hell ins Wohnzimmer, wann bin ich eingeschlafen? Und warum hier? Ich fühle mich bestens erholt. Ich sehe auf mein Handy. Ich werde zu spät zur Arbeit kommen!
Der Zeichenblock und die Buntstifte irritieren mich. Wer hat das geschrieben? Die Schrift kenne ich nicht. Ich überfliege den Text. Was für ein wirres Zeug! Weg damit und bloß nicht drüber nachdenken! Es reicht mir schon, dass ich schlecht schlafe und nachts seltsame Geräusche höre.
Ich reiße die Blätter ab, werfe sie in der Küche in den Müllschlucker, lege den Block und die Stifte, wo sie hingehören. Dann hechte ich ins Bad, nur für eine Katzenwäsche, ziehe mir frische Sachen an. Schon bin ich draußen. Ich muss rennen.
Die Bahn fährt schon, als ich gerade noch die Stange zu fassen kriege. Ich hieve mich auf die Plattform, halte mein Handy an den Scanner, der Beleg leuchtet auf. Noch etwas außer Atem lasse ich mich auf einen freien Sitzplatz fallen, blicke in das Gesicht der Frau gegenüber. Sie lächelt mich an.
»Kennen wir uns irgendwoher?«, frage ich, beiße mir auf die Unterlippe, noch nie war ich so direkt.
Aber sie lacht nur. »Was nicht ist, kann ja noch werden.«
Wir steigen zusammen aus, aber unsere Wege trennen sich gleich. Ich sehe ihr nach.
Am nächsten Tag sitzt sie wieder in der Bahn. Und lächelt.
Woher sollten wir uns auch kennen, denke ich.
»Heiß heute, nicht wahr?«, sage ich.
Sie nickt und hält mir einen kleinen Akkuventilator hin. »Möchten Sie?«
Heute Abend treffen wir uns.
Sie heißt Lisa.