Der wahre Wolf

Heute, am 1. April, schicke ich meine Lesenden nicht in den wetterlaunischen Monat, sondern in die Sechziger zurück, das Jahrzehnt meiner Kindheit. Was habe ich in der Zwischenzeit nicht alles verloren, meinen naiven Glauben an Märchen, den Osterhasen, Weihnachten, ja, auch den lieben Gott, dessen kleine Welt mir als Kind vollkommen schien. An einem 1. April gegen Ende der Sechziger verirrte sich sogar ein Wolf darin.

An meinen Aprilscherz erinnere ich mich genau, er war durchschlagend, meine beiden jüngeren Brüder fielen voll drauf rein. An jenem 1. April war ich als erster wach, so schlich ich mich zum Dachfenster, sah hinaus in unseren frühlingshaften Garten und rief: »Es hat geschneit! Alles weiß!« Augenblicklich wach, stürzten meine Brüder zum Fenster, während ich gleichzeitig »April, April!« schmetterte und lauthals lachte. Ihre enttäuschten Blicke, dann Wut. »Hey, hey, nicht schlagen, heute ist der 1. April, da darf man lügen.« Ich sah ihnen an, wie sie Rache schworen. Dem Jüngsten fiel allerdings nichts ein, er war ja erst dreieinhalb, doch der »Mittlere«, immerhin schon vierdreiviertel, wollte seinem ältesten Bruder, gerade sechs geworden, in nichts nachstehen, wenn er schon seine abgelegten Klamotten auftragen musste, weil er eben noch kleiner war (das änderte sich irgendwann).

Noch während des familiären Frühstücks sprang mein Bruder auf, stürzte filmreif ans Fenster und rief: »Kommt schnell! Im Garten ist ein Wolf!«
Mein jüngster Bruder machte große Augen, meine Eltern grinsten, ich schüttelte den Kopf, und schließlich lachten alle am Tisch, als vom Fenster her der Aufschrei »Ihr seid gemein!« kam, gefolgt von einem Heulen, das dem eines Wolfes nicht unähnlich war. Nichts konnte meinen Bruder trösten, der noch lange schluchzend auf dem Schoß unserer Mutter saß, immerhin, sagte sie schwach, habe sich »unser Küken« wohl etwas erschrocken. Den Wolf kannten wir bis dahin nur aus Märchen, da hat er uns beeindruckt, ein bisschen Angst gemacht, da ist er das verführerische Böse, eine heimtückische, menschenverschlingende Bestie. Aber in der Märchenwelt besiegt der Rechtschaffene oder die von Herzen Gute, selbst die sieben jungen Geißlein, den bösen, arglistigen Wolf. In der wirklichen Welt folgen Menschen dem wölfisch grinsenden Autokraten wie Schafe, sie fallen auf seine Lügen (kein Aprilscherz) rein und enden als (Kanonen-)Futter seines nimmersatten Kriegshungers. Homo homini lupus est – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Und seit Thomas Hobbes, fast 500 Jahre später, kein bisschen klüger.

Und unser Leben? Viele Jahre später, als wir vom naiven Glauben, längst zur Vernunft, sogar zur Wissenschaft gekommen waren, mehr oder weniger kurz vor dem Sechzigsten standen, hat mein Bruder tatsächlich eine Bestie gesichtet, vielmehr hat man sie bei ihm gesichtet: Krebs, zu spät entdeckt, nicht mehr heilbar. Seither denke ich immer wieder an unsere Kindheit, an seinen Aprilscherz mit dem Wolf, unsere kleinliche Reaktion, die ihm als Kind wahrscheinlich so wehtat wie sein viel schlimmeres Unglück heute, das existenziell ist, ihn zu Tode quält und uns Macht- und Hilflose über die Maßen schmerzt.

Der wahre Wolf dieser gottverlassenen Welt ist ein Kriegstreiber, auch im Körper. Er ist arglistig und menschenvernichtend. Kein Aprilscherz, kein Märchen, so gern ich das auch träumte.

Flash Fiction mit Motiven aus dem wirklichen, traurigen Leben …

©Martin Bensen