Wie lange er im Morast gelegen hat, kann er nur vermuten, und selbst das liegt ihm fern, er erwacht wieder, starr vor Kälte, es muss noch Wärme in ihm sein, auch wenn es sich nicht so anfühlt und immerhin hat sie den eisigen Boden unter ihm aufgeweicht. Um Mattes herum ist die Wiese gefroren, durch einen Schleier erkennt er Grasbüschel, eine in der Abendsonne schimmernde Eisfläche unweit von ihm, er kann sich nicht bewegen, alles ist taub, aber er spürt die Nässe unter sich, riecht die feuchte Erde, modrig, moorig und immer mit diesem Hauch Gülle, während ihm die Augen zufallen, ohne dass er das Bild dieser Landschaft verliert.
So oft düster war Westfalen, das Münsterland, seine Heimatscholle, was aus diesem Boden wächst, selbst jetzt im Winter, unter kahlen Bäumen, die aus dem Bodennebel ragen, bizarre Gerippe in der von Raureif überzogenen Weite, trägt Vergängnis in sich, ein Boden wie gemacht für den Tod, schwer wie die bereits verfüllte Erde auf dem Grab seines Vaters, schwarz, rabenschwarz, darauf ein einziges Gesteck mit Schleifen, nur das von ihm, ein erbärmlicher letzter Gruß auf dem schmalen Hügel, das Grab war schon zu, als er endlich ankam, am Ende fast schon froh, das Begräbnis verpasst zu haben, ein überschaubares Szenario, die klaffende Gruft, der einfache Sarg, eine Hand voll Erde und er als einziger Trauergast, der sich nach einer Scham-Minute abwendet, den Totengräbern das Feld überlässt. Das war wohl nichts, denkt Mattes jetzt, so einfach, so profan, so falsch – als ob er nicht verzweifelt gewesen war, enttäuscht, warum ist er schließlich hier, das Zweifeln muss aufhören. Es wird aufhören, ein Flüstern an seinem Ohr, nur ein eisiger Luftzug, seine Gedanken erstarren wie alles hier draußen, wie der kalte Boden unter ihm.
Im Münsterland machen sie keine halben Sachen, die Dinge werden zu Ende gebracht, nüchtern, schnell und effizient, auch ohne den Auftraggeber. Dabei hatten die Männer noch auf Mattes gewartet, wenn auch nur kurz, weil schon das nächste Begräbnis anstand. Warum er zu spät kam? Am liebsten würde er es verdrängen. Nicht die Bahn war schuld, nicht eine falsche Zeitplanung – er hatte genug Puffer einkalkuliert -, nein, er selbst war es, einer seiner völlig idiotischen Impulse, Folge seiner Ungeduld kurz nach dem Ausstieg am Bahnhof der Kleinstadt. Er trug nur einen Rucksack, hätte den Aufzug also nicht benötigt, anders als die sechsköpfige Familie mit ihren schweren Koffern, die, weiß der Geier, warum, die Treppe nach oben zum Übergang über die Gleise vollständig versperrte, dahinter eine Schülergruppe, albern, mit sich selbst beschäftigt und deshalb geduldig. Das war Mattes eben nicht. Er hatte sich noch gewundert, dass niemand den Bahnaufzug nehmen wollte wie ausgerechnet die kofferbeladene Familie oder hatte sie ihn nur nicht gesehen? Kopfschüttelnd steuerte Mattes auf die offene Türe seitlich der Treppe zu, drückte mit Genugtuung auf den Knopf, grinsend, auch noch, als er oben die gläserne Zelle verließ, die Familie erst auf der Hälfte der Treppe, die Schüler dagegen nicht mehr sah. Sicher, er hätte helfen können, aber er hatte es ja eilig. Der kleine Bahnhof hatte nur zwei Gleise, darüber eine geschlossene Brücke aus Glas und Metall von zwanzig, vielleicht dreißig Metern Länge, und alles wäre gut gewesen, wenn Mattes den anderen Aufzug runter zu Gleis 1 und zum Ausgang gemieden hätte. Was auch immer er der Welt oder dieser Familie beweisen wollte, er nahm ihn. Nur Sekunden später ein Ruckeln und der Fahrstuhl blieb auf halber Höhe stehen, und er blieb es, aller Knopfdrückerei, allen Stampfens und Hüpfens zum Trotz. Alarmknopf lange drücken, oh ja, das tat er, selbst dann noch, als die Familie mit den Koffern den Gefangenen im Glaskasten eigentlich recht zügig passierte. Ohne Triumph, ohne Schadenfreude, niemand nahm Notiz von ihm. Sicher, er hätte rufen können, aber das ließ die Situation nicht zu, genau genommen sein Stolz.
Junge, du wirst alt, ein Misanthrop, starrsinnig und intolerant – wo war die Leichtigkeit geblieben, leben und leben lassen, das war doch sein Mantra, gerne mit einem zarten I ausgesprochen, ein Schweben zwischen leben und lieben, die meisten Frauen verstanden den Wink, ihre Pupillen weiteten sich, flirten konnte er, lieben auch, doch die Falten, besonders solche, die seinem Mund mit den beneidenswert vollen Lippen neuerdings einen verkniffenen Zug gaben, die er nur auf Kosten erotischer Souveränität, beinahe dümmlich weglächeln konnte – jede einzelne Falte zerschnitt ein Stück seines Selbstbewusstseins.
Mattes Pletting, der coole, auch von Männern begehrte Mattes verlor den Anschluss – und jetzt die Geduld. Er traktierte die Plexiglaswände mit seinen Fäusten, trat mit dem Fuß gegen die Knöpfe, schrie abwechselnd Hallo und Hilfe, erst wütend, dann immer kläglicher. Denn es gab niemanden mehr, der davon Notiz genommen hätte. Bis zum nächsten Zug, der planmäßig erst in zwei Stunden kam, würde niemand den zugigen Bahnsteig betreten, das einstige Bahnhofsgebäude war schon lange einer Eventgaststätte gewichen, das Lokal öffnete erst abends und war abgelegen genug, damit laute Musik und das Grölen der Gäste niemanden störte.
Dann das Knistern, eine dünne Stimme, Mattes verstand nur die Hälfte, hörte so etwas wie Ruhe bewahren und Hilfe kommt, das Wichtigste also, er hatte sein Handy schon in der Hand, fest entschlossen, den Notruf zu wählen. Das hatte sich vorerst erledigt. Lange würde er nicht warten – wie lange war er schon eingesperrt? Wenigstens ist mir warm, dachte Mattes, fast schon zu warm, die fahle Wintersonne schien jetzt genau auf die gläserne Fahrstuhlkabine, er öffnete seinen Mantel, zog den Schal aus dem Nacken und stopfte ihn in die Manteltasche. Er hatte Hunger, vor allem aber Durst. In seinem Rucksack befand sich kein Proviant, nur etwas Wechselkleidung und sein Kulturbeutel, eigentlich hatte er vorgehabt, noch am Abend den Heimweg anzutreten, zumindest die Richtung. In Dortmund würde er schon wieder aussteigen, das wurde angesichts der fortschreitenden Zeit immer wahrscheinlicher.
Dabei wollte er sich die ganze Sache eigentlich offen halten, er hatte sich vage mit einer Freundin aus alten Münsterlandtagen verabredet, sie waren gute Freunde, aber nie ein Paar gewesen, hatten sich eine Weile per E-Mail, später auch per Messenger geschrieben, immer mal wieder, er zwischen zwei Liebschaften, sie in einer dauerkriselnden Ehe, jedenfalls deutete sie so etwas an, sie fanden einander immer noch attraktiv, zumindest wie sie auf Fotos wirkten, die sie austauschten und mit Herzchen versahen – auf Unbeteiligte hätte ihr Chat wie ein einziges Werben um den jeweils anderen gewirkt, gipfelnd in der Frage, wann kriegen sie sich denn endlich, wie in dem Roman Gut gegen Nordwind, den sie beide mochten und den sie mit ihren Nachrichten auch etwas kopierten. Am Ende war es mehr eine Art Rückversicherung, wenn alles zerbricht, gibt es immer noch dich, ein Stellen und Nachfragen ohne Festhalten oder Klammern. Das dachte er zumindest. Doch als Mattes ihr freimütig und eine Spur zu übermütig schrieb, dass es ihn voll erwischt, er wohl die große Liebe gefunden habe, was er im Mai 2017 vorübergehend auch so empfand, reagierte Britta unerwartet schroff. In der Folge schrieben sie sich kaum noch, wenn überhaupt, dann nur zu Geburts- und Feiertagen. Nun hatte er sie kontaktiert, er müsse ins Münsterland, den Anlass verschwieg er, dabei deutete ihre Antwort an, dass sie auch etwas bewegte, dass sie sich offenkundig freute, ihn zu sehen, endlich nach all der Zeit, mancher Veränderung, im Haus sei Platz, ob er Station in Dortmund machen wolle. Er war sich nicht mehr sicher, würde Mut aufbringen müssen, aber dazu musste er erstmal aus diesem verfluchten Aufzug rauskommen.
Die Ladung seines Smartphone-Akkus ging zur Neige, was trieb er sich auch in der KI rum und was erwartete er davon, dämliche Prompts ergeben wenig intelligente Antworten, und rausholen würde ihn das hier auch nicht. Er hatte sich eine angenehm klingende Frauenstimme eingestellt, die ihm schon oft seine einsamen Momente mit Wärme, ja sogar etwas Erotik erfüllt hatte, auch wenn die Software verhinderte, dass das Wechselspiel allzu durchtrieben wurde, jetzt allerdings schien sie ihn auszulachen, der Anklang jeder Antwort nachsichtig-spöttisch, jedenfalls kam ihm das so vor und es reizte ihn, was die Stimme ihrerseits zu reizen schien, so kalt erschien sie ihm jetzt, offen sarkastisch, im Ton, nicht im Inhalt, da war die KI professionell, ihm überlegen, so wäre seine Ehe gewesen, dachte er, aber dafür hatte keine seiner Beziehungen gereicht, zum Glück, ihm fehlte die Bereitschaft, sich einem anderen Menschen auszuliefern, so hatte er das immer empfunden und deshalb hatte er wohl auch nie Männerfreundschaften gehabt.
»Ach, leck mich doch!«, schrie er in sein Handy, hätte die Antwort vielleicht noch abgewartet, wenn nicht endlich Hilfe gekommen wäre.
Zeitgleich mit dem ersten Fahrgast rollte ein gelber Kombi mit Warnleuchten auf den Bahnsteig. Seelenruhig entstieg ihm ein weißhaariger Mann in rotem Overall. Ihre Blicke trafen sich, Mattes hob erleichtert die Hand, der Monteur nickte nur und verschwand aus seinem Sichtfeld. Inzwischen kamen auch die ersten Fahrgäste, einige blickten zu ihm hoch, mehr aber auch nicht, Blicke wie Achselzucken. Und endlich setzte sich die Kabine in Bewegung. Als er ihr gerade entstiegen war, rollte der Zug aus Holland in den Bahnhof. Endstation Dortmund, las er. Die musste noch warten.
»Die Sicherung, wohl die Kälte«, sagte jemand neben ihm, der Monteur in seinem roten Overall, er sah nett aus.
»Warten Sie!« Mattes kramte in seiner Hosentasche, brachte einen Zwanziger zum Vorschein, den der Mann gerne annahm.
Der Zug fuhr ab und der Handwerker saß schon in seinem Auto, als Mattes fragte, ob er zufällig in Richtung Friedhof führe.
»Steigen Sie ein«, sagte der Mann. »Eigentlich nicht erlaubt, aber ich mach mal ne Ausnahme. Trifft ja nicht den Falschen.«
Sein »Danke« hing lange in der Luft, die Wärme aus den Lüftungsschlitzen lullte ihn ein wie ihr Schweigen, die leise Musik aus dem Radio. Dabei hätte Mattes jede Menge Fragen gehabt, eigentlich sogar Grund zur Beschwerde, doch was konnte der Helfer dafür, außerdem gab es jetzt Wichtigeres zu tun. Dass er das Grab noch offen vorfinden würde oder jemanden vom Friedhof, glaubte Mattes nicht. Er hatte dem Beerdigungsinstitut auch nicht den Eindruck vermittelt, dass ihm viel an einer Zeremonie liegt, sogar gefragt, ob seine Anwesenheit überhaupt vonnöten wäre. Schließlich konnte er alles aus der Ferne regeln, wenn auch nur telefonisch. Das Basispaket, kein Pfarrer, ein stilles Begräbnis und bloß kein Leichenschmaus, was hatte er mit den Leuten im Ort zu tun? Selbst sein Vater hatte immer zurückgezogen gelebt, die letzten Jahre im Heim, schon ohne Verstand, viel hatte er damit nicht verloren, dachte Mattes, sein einziger Sohn, der das schlichte Gemüt des Alten erst gehasst, dann belächelt und als davon nur noch ein Rest übrig geblieben war, zum Anlass genommen hatte, ihn ins Pflegeheim zu stecken. Da war seine Frau, Mattes‘ Mutter, schon lange tot, da war das Leben nichts mehr wert gewesen, so sein Vater, ein einfacher Finanzbeamter, der nie über die Stränge geschlagen hatte, ein frommes Erdulden, ein guter Katholik, nicht zum Trost oder fürs Seelenheil, sondern weil es sich so gehörte. Im Zweifel habe er immer noch seinen Sohn, hatte Mattes gesagt, zu leise für den schwerhörigen Alten, beide wussten, dass es eine glatte Lüge war, zu weit wohnte der Sohn weg, so weit, dass alle Züge von der süddeutschen Großstadt in die westfälische Provinz stets Zeit verloren, das hatte er auf seinen wenigen Reisen immer bedacht, auch diesmal, nur nicht sein törichtes Verhalten am Kleinstadtbahnhof, nur zwei Bahnsteige schon damals, als er der Heimat, die ihm nie ein Zuhause gewesen war, den Rücken gekehrt hatte.
Keine fünf Minuten hatte er am Grabhaufen gestanden, sich gleich ein Taxi bestellt, er wollte so schnell wie möglich zum Bahnhof zurück, vielleicht schaffte er ja doch noch den kompletten Heimweg oder er würde woanders übernachten, nicht in Dortmund, nicht bei ihr, wie schon einmal, als sie sich verabredet hatten und er im letzten Moment gekniffen hatte. Du bist ein Feigling, dachte Mattes, als das Taxi die Kreuzung erreichte, und da war er wieder, dieser unberechenbare Impuls.
»Bitte hier nach rechts«, hatte er gesagt, da gehe es aber nicht zum Bahnhof, das sei ihm klar, er habe sich umentschieden, der Blick des Taxifahrers im Rückspiegel, sein Kopfschütteln noch beim Wegfahren, als Mattes dastand, mitten in der eisigen münsterländischen Bauernschaft, seinen Rucksack schulterte und einfach drauflosging.
Maximal einsam wollte er sein, irgendwo im nirgendwo, dazu musste er die Straße verlassen, auch den Wirtschaftsweg, den er zunächst einschlug, auf eine kleine Baumgruppe zu. Hinter der Kurve öffnete sich Land in Form von Wiesen und Feldern, hier und da begrenzt durch niedriges Gestrüpp, windschiefe Zäune oder einen Entwässerungsgraben. Mattes blieb stehen, nahm das Panorama in sich auf, der Frost hatte sich über alles gelegt, ein eiskalter Dunst jede Pflanze glasiert, die feinsten Halme, das kurze Gras grauweiß verschleiert, auch über Tag blieben die Temperaturen im Minusbereich. Er ging weiter in die Wiese hinein, genoss das Geräusch unter den Sohlen, wie Blätterkrokant zwischen den Zähnen, dachte er, wann hatte er das zuletzt gegessen, als Kind? Weihnachten war auch schon wieder einen Monat her, das Wetter hätte jetzt gepasst, auch so eine Prägung: weiße Weihnacht, Lichterglanz, Kerzenschein, Kindheit. Die Erinnerung wärmte ihn nicht, wie auch? Unpassender hätte sein Schuhwerk nicht sein können, als ob es auf schwarze Schuhe angekommen wäre, so trug er Sneaker statt seine gefütterten ockergelben Outdoorschuhe, immerhin keine Lederschuhe. Überhaupt seine Kleidung: trauerfein, schwarz, elegant der Wollmantel, er betonte seine schmale Figur und war gut für die Stadt, aber nichts für den Winter hier draußen. Aber jetzt war er schon zu weit gegangen, um den Mut zu verlieren. Und selbst wenn, hätte er kein Taxi mehr rufen können, der Akku seines Smartphones war leer.
Dort, wo sich von dem vielen Regen ein kleiner, flacher See gebildet hatte und jetzt eine spiegelnde Eisfläche, blieb er stehen. Erst stieß er nur Dunstwolken aus, drei, viermal, dann sog er so viel kalte Luft ein, dass er husten musste, im dritten Anlauf klappte es. Er bog sich durch, breitete die Arme aus und schrie so laut er konnte, mehrmals, sich überschlagend, dann heulte er wie ein Wolf, Tränen rannen warm, wohltuend, über seine eisigen Wangen, doch nichts tröstete ihn, er weinte und schrie, bis ihm schwarz vor Augen wurde. Jetzt und hier, an einem Nachmittag Ende Januar im tiefsten, einsamsten Westfalen lag er auf dem weiten Feld und war dabei zu erfrieren.
Das erste Kapitel meines neuen Romanprojekts. Stay tuned!