Kennt ihr das? Ein Sportwagen beschleunigt, kommt schnell voran, aber beim Blick auf die Alufelgen scheinen sich die Räder rückwärts zu drehen. Eine ähnliche optische Täuschung hatte ich ausgerechnet im Wald, beim Walken.
Weiter hinten auf dem Waldweg sah ich eine Gestalt den abschüssigen Weg voll nassen Herbstlaubs hinunterwanken. Sie streckte die Arme im spitzen Winkel vom Körper weg, als wollte sie sich vor einem Sturz wappnen oder einfach nur das Gleichgewicht halten. Es schien, als tastete sie sich in kleinen Schritten vorwärts. Eine alte, gebrechliche Frau, so weit weg von jeder Straße, jedem Parkplatz, musste das sein? Ich würde sie ansprechen, sie fragen, ob sie Hilfe bräuchte. Lästig, ich wollte Strecke machen.
Doch je näher ich kam, desto klarer wurde das Bild: Die Frau ging rückwärts, langsam zwar, aber es ging ja auch bergan. Und sie war gar nicht alt, viel jünger als ich, sie trug große Kopfhörer. Als ich sie passierte, sah ich ihr zufriedenes Lächeln, ihre konzentrierte Miene. Ich konnte meine Überraschung nicht verbergen. Sie grinste, hob den linken Lautsprecher leicht an und rief mir hinterher: »Das ist gesund, aber ich muss noch üben.«
Hinter der nächsten Kurve probierte ich es selbst, erinnerte ich mich an einen Artikel über junge Menschen, die nicht mehr rückwärtsgehen können. Ich kann das. Aber warum sollte ich? »Vorwärts immer, rückwärts nimmer«, hatte ich plötzlich den alten Honecker im Ohr. Ja, die Zeit kennt nur eine Richtung, sie schreitet voran, lässt ständig Gegenwart zurück, im Geschehen schon Vergangenheit. Was kümmert es die Zeit, ob ich vor- oder rückwärtsgehe?