Endlich am Gardasee. Die Strecke nach Torri del Benaco zog sich hin, zuletzt wollte er nur noch ankommen, in der Sonne, im Sommer, nach Tagen des Regens zu Hause. Doch er kommt nicht an, nicht mit dem Herzen, es ist, als bliebe es auf Abstand, das alte Städtchen mit den vielen Lokalen, vom kleinen Bootshafen bis weit nach Norden, wo das Ufer einen Knick macht, sich für Boote und Badende öffnet, die Gassen voller Menschen und Musik, die Düfte, das Licht und die Wärme des Südens. Darauf hat er sich gefreut. Und all das ist da – nur nicht für ihn. Zwölf Stunden ist er gefahren, per Bahn und Bus, er wollte es so, dachte, das ist noch wie früher per Interrail, aber das ist es nicht, es fordert ihn mehr als damals, vielleicht hätte er sich auch erholt bis zum Abend, doch sie beschäftigt ihn weiter, betäubt ihn regelrecht: die Sache im Zug.
Mit seiner Frau wäre das nicht passiert. Wie lange ist er nicht mehr allein gereist? 35 Jahre? So lange sind sie zusammen. Auch sie ist jetzt am See, einem anderen, näher der Heimat, am Starnberger See. Im Kloster Bernried gibt es Yoga – und Dauerregen. Tauschen möchte er nicht.
Behringer ist nicht zur Erholung in Torri. Der Gitarrenbaukurs ist ein Geschenk, er hat den Gutschein aber erst jetzt, mit 63, eingelöst, zu seinem Sechzigsten hatten die Freunde zusammengelegt. Gut gemeint, dass er Gitarre spielt, heißt allerdings nicht, dass er das Instrument auch bauen will. Hoffentlich bleibt wenigstens genug Zeit für anderes: gutes Essen, einen Lugana, Baden im Lago di Garda. Fast beneidet er die Touristen. Weit vor Sonnenuntergang kommen sie erfrischt aus ihren Hotels, besetzen schnell die begehrten Plätze direkt am Ufer. Wie im Nebel geht er die Promenade auf und ab, unentschlossen, müde. Die Kellner beachten ihn nicht, dabei hätte er sich jetzt gern in ein Lokal lotsen lassen. Am Ende sitzt er ganz hinten, wie verbannt, am Tisch vor ihm der breite Rücken eines tätowierten Mannes, schweigend über sein Handy gebeugt wie seine ganze stumme Familie, mit Ausnahme eines zappelnden Kindes neben dem Tätowierten, die Stuhlbeine trommeln unablässig auf die Bretter, das Personal schaut trotzdem freundlich.
Mir wäre vielleicht die Hand ausgerutscht. Ein Gedanke wie Gift, und doch von ihm, so kennt er sich nicht, nie hat er seine Kinder geschlagen. Damals war er noch nicht so dünnhäutig, so reizbar, oft beim Autofahren – und jetzt die Sache im Zug.
Zunächst war alles nach Plan verlaufen. Der Eurocity stand lange vor Abfahrt am Gleis, dafür war Behringer dankbar, ein kühler Morgen, der Münchener Hauptbahnhof ungastlich, lange Schlangen vor den Bäckerbuden, wartende Schulklassen, junge Leute, die auf dem Betonboden lagen wie um ein Lagerfeuer, ihre Gesichter so übernächtigt wie seines.
Erleichtert ließ er sich im Abteil nieder, links am Fenster, die Sitznummer stimmte, das Kärtchen München-Verona. Aber hatte er nicht im Großraumwagen reserviert und mied er nicht immer den Fensterplatz, um nicht eingepfercht zu werden mit seinen langen Beinen? Wenig später die Durchsage, die Wagen seien falsch nummeriert, die Reservierungen vertauscht, von der Lok an seien die Wagennummern neu durchzuzählen, alle gebuchten Fahrgäste eins weiter nach hinten bitte. Noch vor der Abfahrt kam Bewegung in den Zug. Menschen mit großen Koffern und schreienden Kindern auf dem Arm drängelten aneinander vorbei, kopfschüttelnd, fluchend, in sein Abteil wollte niemand, also blieb er sitzen, ließ die alpine Landschaft vorbeiziehen, Berge, die im Regengrau verschwammen wie seine müden Gedanken.
Das Drama begann in Innsbruck. Das Gleis von Wartenden überfüllt, nur wenige stiegen aus. Unruhe erfasste den Zug, die Schiebetür wurde aufgerissen, eine Familie hatte das Abteil gebucht. Einen Wagen weiter, im Großraumwagen, musste sein eigentlicher Platz sein, automatisch reserviert vom System, doch dort hinzugelangen, schien unmöglich, Fahrräder versperrten die Durchgänge, ein großer Tierkäfig die einzige Ausweichstelle, der Gang voller Menschen.
Ersticken, Ertrinken, Erdrückt werden – seine Beklemmungen kommen oft aus dem Nichts, meist in nächtlichen Albträumen nach stressigen Tagen. Er atmet ein paar Mal tief durch, riecht den Lago, Seewasser, leicht brackig hier am Ufer, obwohl es in Bewegung ist, Wellen an die Befestigungsmauer schlägt, vielleicht die Algen auf den Steinen davor. Raumgreifen, den Blick weiten, die Brust dehnen, tief ein- und ausatmen – auch jetzt das beste Mittel. Er betrachtet die Berge auf der anderen Seeseite, diffus in der tiefstehenden Sonne, die er mit einer Hand abschirmt. Dörfer, einzelne Häuser liegen schon im Schatten, abends ist man also besser im Osten, auf der Sonnenseite.
Ein schwarzer Kellner kommt mit pinkfarbenen Kunstblumen, beginnt sie am Gestänge des Sonnenschirms über ihm zu befestigen, so wie bei den anderen. Über die Farbe hat sich Behringer schon gewundert: Im Ort ist eine ganze Gasse, die Hauptgasse Torris, in pink getaucht, von Haus zu Haus gespannte Tücher, Kleider in den Boutiquen, T-Shirts, eine Rose im Knopfloch. Ich know this from France, sagt Behringer unvermittelt. Der Kellner lächelt, ein weiterer lacht und reicht ihm das bestellte Bier.
»Are you from France?«
»No, no, mais …«
Behringer schüttelt über sich selbst den Kopf: Jahre von Familienurlauben in der Toskana haben sprachlich keine Spuren hinterlassen, allenfalls bei seinen bescheidenen Kochkünsten, seiner Zuneigung zu den Menschen seit seinem ersten Eis aus der Hand von Ugo, dem Besitzer der ersten italienischen Eisdiele in seiner westfälischen Geburtsstadt.
»Where I come from, the women give flowers to their beloved people …« Ein Pfiff aus dem Lokal, der Kellner reagiert sofort. »Sorry Sir«, sagt er hastig und ist schon weg, die Plastikblume liegt auf dem Tisch. Behringer nimmt sie, riecht daran, was keinen Sinn macht, was aber auch egal ist, denn in seinen Gedanken ist er schon wieder weit weg.
Der Zug fuhr, aber nichts ging mehr an Bord, alles war falsch, die Wagen zum Bersten voll. Für Behringer der worst case. Schweiß drang ihm aus allen Poren, das Atmen fiel ihm zusehends schwerer.
»Bitte weitergehen!«, rief jemand, und als brauchte es diesen Impuls, riss er seinen Koffer hoch, hielt ihn über dem Kopf, durchaus drohend, Menschen duckten sich, wichen aus, so gut es ging. Er arbeitete sich vor, mühsam, stieß etliche Male an, ausgerechnet jetzt schwankte der Wagen stark, dann stand Behringer vor dem Sitz, den er reserviert hatte – der natürlich besetzt war.
»Entschuldigung?«, sagte er laut, er wankte und um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, nahm er den Koffer so abrupt herunter, dass er ihm halb entglitt und auf den Boden schlug, nur knapp neben die Füße der Frau, die auf seinem Platz saß. Sie sah auf, ein aufgeschlagenes Buch auf den Knien, ihr Blick wie aus großer Ferne oder lag es an ihren wasserblauen Augen? Er blieb kurz an ihnen hängen, riss sich zusammen.
»Es tut mir leid, aber das ist mein Platz.«
Sie blickte ihn nur an, nicht fragend, nur seltsam leer. Verstand sie ihn nicht? Er sah zu ihrer Nebensitzerin, die nur abwinkte, sich abwandte und aus dem Fenster starrte. Behringer hätte es ihr gerne gleichgetan, er mied Konflikte, so gut er konnte, aber jetzt stand er vor der Frau, vor seinem Platz, auf den er schließlich ein Anrecht hatte.
Er zeigte auf die Sitznummer über dem Kopf der Frau. »Sie sitzen auf meinem Platz.«
»Oh«, sagte sie, blickte kurz hoch, dann zu ihm und wieder nach unten auf das aufgeschlagene Buch. Las sie etwa weiter?
»Gute Frau«, Behringer stöhnte, »es ist mein Platz! Da, schauen Sie«, ein leichtes Beben in seiner Stimme, er hielt ihr sein Handy hin, das Display mit der Bahn-App.
»Hier am Sitz steht aber nichts«, sagte die Frau ruhig, »keine Reservierung zu sehen.«
»Na, hören Sie mal. Natürlich steht da nichts, ein Fehler der Bahn, die Durchsage, haben Sie die nicht gehört?«
Die Frau schüttelte den Kopf. Mehr brauchte es nicht, Behringer platzte.
»Zum letzten Mal, Sie sitzen auf meinem Platz!«
Für einen Moment schien es ihm, als würde sie in Tränen ausbrechen. Mit trauriger Miene schloss sie das Buch, behutsam, als handelte es sich um etwas Zerbrechliches, und so war der Titel nicht zu übersehen – „Die Kunst des Liebens“. Kaum zu fassen. Behringer hat das Buch von Erich Fromm mit siebzehn gelesen, alle haben das, aber heute? Er schätzte sie um die fünfzig, eine sympathische Frau, gutaussehend, er steht auf hennarotes Haar, erste Liebe prägt. Und doch hatte er die Frau angeschrien. Schlagartig die Stille im Zug, sie legte sich sogar über das Fahrgeräusch, nicht aber über sein hartes Schlucken.
Und während Behringer wieder schwankte, nicht vom Zug, sondern innerlich, sprang die Frau auf, griff nach einem Rucksack aus der Ablage, rammte ihren Fromm hinein, zwängte sich an seinem Koffer vorbei in den Gang, wo sie sich, müheloser als er, ihren Weg bahnte, nur weg, so schien es, weg von dem Mann, der nun wie benommen seinen Koffer ablegte, sich setzte, die Blicke spürte, ihnen auswich, indem er einen Fleck auf dem Boden vor ihm fixierte, sich schlankmachte in seinem Sitz, die Arme nicht auf den Lehnen, schon gar nicht außen, wo die Menschen im Gang standen, sich wieder unterhielten, lachten – über ihn? – und auf seinen Kopf sehen konnten, auch spucken, er hielt es nicht für unmöglich.
So what? Wie er es auch wendete. Er war im Recht.
Du wirst noch mal wie Ove aus diesem Roman, den du nicht lesen willst, ein alter Zausel und Rechthaber, pass nur auf – Worte seiner Frau, sie hatte es mal im Spaß gesagt und doch einen wunden Punkt getroffen.
Den Rest der Fahrt verbrachte er in dumpfer Starre, lesend, zumindest tat er so. Das war jetzt nichts, das er einfach abschütteln konnte, mochte er auch nach außen wie ein sturer Bock wirken, inmitten freundlicher Menschen, die nach und nach Plätze fanden.
Der Sonntagmorgen fühlt sich etwas versöhnlicher an, frischer, aber die Hitze lauert, überdauert wohl nachts in den alten Mauern von Torri, auch seine Gedanken laufen sich warm, werden schnell lauter, wie die Zikaden, das fast zeitgleich anhebende Glockenläuten, für Behringer nur noch Folklore, der sandfarbene Zwiebelturm vor dem blauen See, den jetzt schon Boote durchkreuzen, Streifen ziehend, wie die am Himmel, die vielleicht von Regen künden.
Warum dieser Ausbruch? Sein Job in der Nachrichtenredaktion stresst ihn nicht mehr, die Freistellung steht kurz bevor. Er fühlt sich fit, ernährt sich gesund, macht Sport. Und doch ist da diese Unruhe, schon eine Weile, die Sehnsucht nach einer neuen Bestimmung, nur welcher? In der Gasse hin zum See der Duft nach Braten, anders als der Sonntagsbraten in seiner alten Heimat, hier mit Rotwein, mehr Gemüse, Knoblauch, Rosmarin, riecht er Zimt? Drüben am Anleger sitzen Männer auf Bänken, einander zugewandt, gestikulierende Schattenfiguren vor glitzerndem Wasser. Wenn die Mütter kochten, standen die Väter mit Bierflaschen auf der Straße. Frühschoppen. Die Lässigkeit der Sechziger sonntags in Deutschland. Aber beim Mittagsläuten zu Tisch. Die Glocken hier klingen schöner. Ähnlich vielleicht dem Läuten im Kloster Bernried, wo seine Frau im Regen sitzt. Sie fehlt ihm, aber heute weniger als gestern. Vor ihm auf dem Tisch am Ufer nur ein Espresso, mehr braucht er morgens nicht. Inzwischen freut er sich auf den Workshop, vielleicht kann er sich darin verlieren, leichter werden, zu sich selbst kommen, zu Dingen, die bald seine Zeit füllen und vielleicht sogar Spaß machen. Er wird Zeit haben. So viel Zeit.
Er lässt sich treiben, setzt sich zum Mittag in ein Lokal an der Ecke zwischen See und Hafen, an den einzigen freien Tisch zwischen Haus und Promenade. Dort hat er mehr im Blick als weiter hinten, in den Restaurants direkt am Ufer, wo nur noch der See selbst und in der Ferne die sonnenbeschienenen Berge kommen. Außerdem liebt er das Urbane, mag es, Menschen zu beobachten, schöne Frauen, das Leben eben, Piazza statt Spiaggia, Natur pur langweilt ihn.
Er ist nicht allzu hungrig, bestellt sich Antipasti, Oliven, Artischocken, etwas Käse, die Grissini kommen einzeln verpackt auf den Tisch. Dazu trinkt er Weißwein, einen von hier, den Lugana kennt er von zu Hause, schätzt besonders den Cà dei Frati, nimmt jetzt aber lieber den Custoza, einen leichten Wein, der auch seine Stimmung leichter machen soll, wie unbeschwert es sich doch leben lässt an einem so schönen, friedlichen Ort am Wasser, ganz gleich, ob See oder Meer, alles hier ist lässig, er selbst muss es noch werden. Behringer macht sich nichts vor, es braucht nicht viel, nur zwei, drei Gläser Wein und er ist gut drauf, sagt man das heute noch? Doch jetzt ist er sich nicht mehr so sicher, diese Geschichte im Zug – das war nicht er. So etwas darf nicht passieren. Oder ist das schon ein Stück Altersstarrsinn, der von ihm Besitz ergreift wie ein Leiden, vielleicht nur Symptom von etwas Schlimmerem, ein sich anbahnender Infarkt, womöglich Demenz, was weiß er schon? Der Körper wurschtelt in jeder Sekunde vor sich hin, im Alter unzuverlässiger, da entgleisen schon mal Prozesse. Er verdrängt das, aber bei Freunden, in der Familie, ist die Gesundheit Dauerthema geworden, und es häufen sich die Einschläge. So falsch findet er das Geschenk der Freunde nicht mehr, womöglich kommt die Auszeit hier in Torri gerade recht – zum Sortieren, sich finden und um sich schon auf seinen nahen Ruhestand vorzubereiten. Dafür brauche es Struktur, sagen ihm die, die das Arbeitsleben schon hinter sich haben – nicht alle machen einen glücklichen Eindruck.
»Altro?« Der junge Kellner sieht auf die Uhr.
Behringer ist inzwischen der einzige Gast, also bleibt ihm nur »No, grazie« zu sagen.
Schon liegt die Rechnung auf dem Tisch. Er zahlt, überlegt, ob er sich noch hinlegen soll, bis zum Abend ist es noch eine Weile. Apropos Abend.
»Das ist ein schöner Platz dort drüben … un bello … Dingsbums. Der Zweiertisch da direkt am Haus, könnte ich den für heute Abend reservieren?«
»Un momento, per favore.«
Behringer blickt am Sonnenschirmrand vorbei an der Fassade hoch. Der Eckbalkon aus gebeiztem Holz wirkt altehrwürdig wie das ganze Haus. Er hat davon gelesen, als er sich über Torri informiert hat, irgendein berühmter Schriftsteller hat in dem Eckbalkonzimmer gewohnt, ein anderer darüber geschrieben, in dem Roman war das Zimmer wohl ein Liebesnest. Er ist schlecht vorbereitet, andererseits ist er kein Tourist, er hat hier zu tun.
Der Kellner kommt zurück, breitet bedauernd die Arme aus. »Purtroppo questo tavolo è già riservato.« Dann ein breites Grinsen. »Ma se desidera, posso riservarle questo tavolo, proprio qui dove è seduto.«
Behringer versteht nicht, der Kellner zeigt auf seinen Platz, sieht ihn erwartungsvoll an.
»Ah, okay. Bene. Dann gerne um 19 Uhr. Auf den Namen Behringer. Nur eine Person.«
»Per una persona, certamente. Signor Beringo. Alle diciannove.«
Am frühen Abend steht die Sonne noch hoch über den Bergen. Und noch bietet der Sonnenschirm Schutz, aber für eine halbe Stunde wird er wohl damit leben müssen, dass sie ihn blendet, bevor sie hinter den Bergen untergeht. Er hat seine Sonnenbrille im Hotel vergessen.
Wie betrunken ist er am Mittag gewesen, dass er gar nicht bemerkt hat, wie unverstellt die Sicht hier ist? Geradeaus die Piazza wie ein breiter Steg im Wasser mit Bänken unter Platanen, links auf der kleine Hafen, von wo Musik erklingt, eine Band spielt Popsongs, und rechts die Weite des Sees, das andere Ufer im Schatten. Gut, er sitzt auf dem Präsentierteller, Menschen gehen direkt an ihm vorbei, Wortfetzen verduften so schnell wie die Fahnen von Rasierwasser und Parfum. Immer wieder betrachtet er das Hotel, sieht, wie nach und nach ein gehobenes Publikum Platz nimmt, hier an der Promenade, aber auch unter den Arkaden, die Frauen in leichten, modischen Sommerkleidern, die Strickjacken für später über den Stuhllehnen, die Männer in weißen Hemden, braungebrannt, mit ebenso teuren Uhren wie Sonnenbrillen, der Duft nach herbem Parfum, der Behringer oft begegnet, besonders auf Geschäftsreisen, doch selbst in Duty Free Shops hat er ein solches Parfum nie gefunden. Seine Frau mag ohnehin nur Zino an ihm, alles andere steche in der Nase. Er tut ihr den Gefallen, mag es eigentlich auch, hat hier auch kein anderes dabei.
Er bestellt sich ein kleines Menü, eine Portion Risotto al tartufo, Lavarello alla griglia, ein Fisch aus dem See, später lieber Käse als Dolce. Dazu nun endlich den Lugana, den er kennt und mag, und der hier trotzdem anders schmeckt, nicht schlechter, aber ungewohnt. Diese Erfahrung hat er einige Male gemacht und er hat den Wein am liebsten verschenkt, wenn er ihm, anders als noch vor Ort, zu Hause nicht mehr schmeckte.
Das Restaurant ist inzwischen voll, bis auf einen Tisch, schräg hinter ihm, es ist der Tisch, den er gern gehabt hätte, das Riservato-Schild glitzert wie ein Goldbarren in der tiefstehenden Sonne, kein Schatz für ihn, doch für wen? Kurz bevor sie hinter den Bergen verschwindet, nun schon mild und rötlich, kommen die Gäste, ein Paar nimmt Platz, beide sehen, kaum dass sie sich gesetzt haben, zum See, heften ihre Blicke hinter Sonnenbrillen rechts an ihm vorbei auf den Sonnenuntergang, der das Wasser schon bläulich färbt, während die Berggipfel glühen wie magmarote Vulkanspitzen. Auch Behringer genießt den Blick, wenn auch nicht unverstellt, vernachlässigt den Fisch, er ist köstlich, aber nur, solange er heiß ist. Das Felchen kam schon filetiert auf den Tisch, entsprechend schnell ist sein Teller leer und schon wieder davongetragen, die Weinflasche geht auch zur Neige, und so genießt er das letzte kühle Glas, während überall die Lichter angehen. Schade, gerne hätte er noch die Abendstimmung genossen. Das Paar zwei Tische weiter womöglich auch, wenngleich die Speisekarten jetzt besser zu lesen sind. Verstohlen beobachtet er es, muss sich dazu leicht umdrehen, die Frau hat sich eine Lesebrille aufgesetzt, aber sie sieht nicht in die Karte, sondern darüber hinweg zu ihrem Partner, schüttelt heftig den Kopf, sagt etwas, für Behringer über zwei Tische hinweg nicht zu verstehen, legt die Karte beiseite, lehnt sich zurück und verschränkt die Arme wie ein trotziges Kind, oder eher traurig, so kommt es ihm vor und so hat er es schon einmal gesehen, als sich ihre Blicke treffen – die Erkenntnis wie jähes Erwachen.
Er dreht sich um, greift reflexartig zum Glas, verschluckt sich, muss husten. Sie ist es – sie ist die Frau aus dem Zug! Ohne jeden Zweifel. Das hennarote Haar, eben noch wie farbgleich zu den Berggipfeln, jetzt im Kunstlicht leuchtend. Sie ist die Frau aus dem Zug. Er kann es nicht fassen, das ist so random, würden seine Söhne sagen, so grenzenlos peinlich für ihn. Bestimmt beobachtet sie ihn, nachdem er kein Schatten mehr ist, keine Silhouette, sondern ein sich in Krämpfen windender Gast. Ein Kellner will wissen, ob er helfen könne, ob etwas mit dem Essen gewesen sei, eine Gräte im Fisch, inzwischen merkt wohl schon das halbe Restaurant auf.
Behringer winkt ab, krächzt ein Grazie, der Kellner geht, er hätte ihm gleich folgen sollen. Er muss hier weg, links zum Hafen, um die Ecke, bezahlen kann er unter den Arkaden, dort ist er geschützt vor den Blicken der Frau, ein Gast wie alle anderen dort, eben einer, der zahlt und dann geht, zur anderen Seite, zur Hauptgasse, die heute weniger pink ist, das Fest wohl vorbei.
Und er tut es, die Serviette als Maske vor dem Gesicht, noch immer hustend.
Der Kellner sieht ihn halb verwundert, halb herablassend an, nimmt seine Kreditkarte mit spitzen Fingern, wird freundlicher angesichts des großzügigen Trinkgelds, nimmt dem nervösen Gast noch die Serviette ab, als eine Frau laut schluchzend herantritt, etwas wie Banjo sagt.
»Bagno, Toilette, venga, venga«, sagt der Kellner, fasst sie am Arm und führt sie ins Innere, wo für einen Moment ihr rotes Haar aufleuchtet. Die Frau aus dem Zug. Verwirrt geht Behringer zurück, bleibt am Arkadenbogen stehen, keine fünf Meter vom Platz des Paares entfernt, sieht noch wie der Begleiter der Frau aufsteht und einen Geldschein auf den Tisch legt. Für einen Moment treffen sich ihre Blicke, ausdruckslos der des Mannes, augenscheinlich Italiener, kleiner als Behringer, gedrungener, aber auch kräftiger, etwa in seinem Alter, der Schädel kahlrasiert, darauf eine Sonnenbrille, die er nun mit zwei Fingern auf die Nase rutschen lässt. Ein Moment wie eingefroren, im nächsten ist der Mann schon weg.
Was immer auch zwischen den Beiden passiert ist, es ändert die Situation, macht Behringers Fluchtplan lächerlich, so empfindet er es, wenn nicht feige. Er steht da, grübelnd, während die Kellner Teller abräumen, Rechnungen bringen. Die Frau tut ihm leid, wieder fühlt er sich schuldig, sogar für das eben Geschehene, was natürlich Unsinn ist, aber nach einer Flasche Wein ist er weder nüchtern, noch kann er die Sache nüchtern betrachten. Er schwankt. Einerseits möchte er der Frau helfen, wenigstens mit ihr sprechen, sein Versagen im Zug entschuldigen, einen Teil ihrer Widerfahrnis, seinen Anteil, wenn nicht ungeschehen, so doch unwichtig werden lassen, als Trost und Wiedergutmachung für sie – andererseits fragt er sich, wer er ist, sich so wichtig zu nehmen, sie jetzt noch um Verzeihung zu bitten – und weshalb wirklich? Auch sie könnte denken, es gehe am Ende nur um sein Seelenheil, nicht um ein Wiedergutmachen an ihr, der Verjagten, ein Stück Sühne, wenn überhaupt möglich und verlangt.
»Männer.« Eine Stimme direkt hinter ihm. Ihre Stimme.
Er dreht sich um, erwartet ein verheultes Gesicht, doch die Frau lächelt ihn freundlich an, mit einem leicht spöttischen Zug um den Mund. Ihre Augen funkeln, schöne Augen, nichts an ihnen ließe vermuten, dass sie geweint hat, vielleicht hat sie auch nicht. Behringer ist verblüfft von ihrer Erscheinung, sie nimmt ihn gefangen, wie die seiner ersten Liebe, der erste Kuss, das Versprechen von Unendlichkeit, so lange ist das her, und doch flammt das Gefühl von damals immer wieder auf, in einem Augenblick ist es da, unmittelbar, so wie in diesem, im nächsten nur noch blass, wie etwas Erzähltes, das nicht erzählbar ist. Aber da ist auch Angst. Er fürchtet ihre Reaktion, eine nachtragende wie berechtigte Wut auf ihn. Männer, hat sie gesagt, nicht verärgert, eher sanft.
»Wie bitte?«
»Wollen wir noch was trinken?« Schon ist sie an ihm vorbei, steuert auf den Tisch an der Promenade zu, seinen Tisch, nimmt seinen Stuhl von eben und setzt sich.
»Sie machen das wohl immer so mit den Plätzen«, scherzt Behringer.
Ihr Gesicht friert kurz ein, dann lacht sie lauthals, schüttelt den Kopf, hat er sie wohl richtig eingeschätzt, erleichtert fällt er in ihr Lachen ein. Ein befreiendes Lachen, wohl auch für sie. Sie will Bier, Moretti, alla spina, also bestellt er zwei Gläser, die der Kellner wenig später bringt, nicht ohne demonstrativ auf seine Armbanduhr zu blicken. Etliche Tische sind bereits abgeräumt, die Promenade leert sich, auf der anderen Seeseite funkeln Lichter wie Sterne, umso heller, je mehr Lichter an ihrem Ufer erlöschen.
Sie betrachtet ihn, lacht wieder. »Im Zug wirktest du anders. Nein, anders: Hier wirkst du anders. Torri tut dir wohl gut.«
»Ja, aber wir haben die blaue Stunde verpasst«, sagt er und prostet ihr zu, versöhnlich, und doch noch ein wenig wachsam. Er kann sie nicht einschätzen. Sie duzt ihn, ist freundlich, trotz der Sache im Zug. Er muss sich dafür entschuldigen, das muss einfach sein, auch wenn der Stachel bleibt, er will so nicht sein, nicht werden. Sie wischt seine Gedanken weg, indem sie ihr Glas hebt.
»Auf die blaue Stunde.«
Sie trinkt einen kräftigen Schluck, rülpst verhalten, da sei sie ganz Münchnerin, da komme sie her, sagt sie auf Bayrisch, was ihr sofort eine burschikose Note gibt und nicht recht hierher passt, auch nicht zu ihrem Begleiter. Behringer wundert sich, hält ihr zugute, dass sie durcheinander ist, versteht nicht, dass sie sich ausgerechnet an ihn wendet, ihren Peiniger aus dem Zug. Besser, er ist auf der Hut.
»Ich mach das normalerweise nicht, bin nicht so eine …« Das klingt zarter, kleinlaut, nicht mehr bayrisch.
Er schweigt, wartet ab. Sie öffnet ihre Handtasche, nimmt ein Feuerzeug und eine Zigarettenschachtel heraus, hält sie ihm hin, er lehnt höflich ab, sie steckt sich eine an.
»Hast du unsere Szene mitbekommen?« Sie bläst den Rauch in Richtung Lokal, und als sei das ihre Absicht gewesen, zieht er geradewegs zu dem Tisch, an dem sie vorhin saß.
»Nein, nur das danach«, sagt er vorsichtig. »Ich war, nun ja, … beschäftigt.«
Sie nickt wissend, lässt die halbgerauchte Kippe zu Boden fallen, tritt mit Nachdruck darauf, fixiert Behringer mit einem durchdringenden Blick.
»Warum seid ihr so?«
»Wer?«, fragt er unsicher. Er fühlt sich unwohl.
»Er. Du. Männer.«
»Und Frauen sind …«
»Anders. Sie erlauben sich mehr Gefühl.«
»Das mag ja sein. Aber Sie … du kennst mich doch gar nicht.«
»Ach nein? Ich meinte, da etwas im Zug mitbekommen zu haben.«
Zeit für seine Entschuldigung, er räuspert sich, doch sie fährt fort: »Vieles lässt sich ändern, wenn wir uns ändern.«
Sie sieht zum Zweiertisch, meint wohl auch ihren Partner. Dass sie wir sagt, beruhigt ihn ein bisschen, aber er hat keine Lust auf diese Diskussion, ringt sich endlich durch: »Hör zu, das im Zug tut mir leid. Ich weiß auch nicht, was mich geritten hat. Ich bin nicht so … nicht so herzlos.«
Sie lächelt schief. »Niemand ist herzlos. In jedem und jeder schlägt ein Herz. Aber vielleicht ohne Liebe. Am Ende ist es immer Angst.«
»Nicht bei mir.« Behringer verschränkt die Arme. »Okay, ich war in Panik, aber die war dann wieder weg, als ich so … so grob war. Das war dumm.«
»Wie auch immer. Ohne dir zu nahe treten zu wollen: Du liebst dich nicht. Jedenfalls nicht genug, um Liebe geben zu können. Liebe passiert nicht einfach, sie muss gelernt und geübt werden, zuerst bei einem selbst.«
Behringer stöhnt. Er weiß genau, worauf sie abzielt, und es gefällt ihm nicht. Schon im Studium hat er die Sozialtanten gehasst, gegenüber Machos knallhart, aber am Ende genau mit diesen im Bett, nicht mit den Softies. Von Lippenbekenntnissen ganz zwanglos zum Zungenkuss, feministische Doppelmoral, Behringer hatte dafür nur Spott übrig. Und er weiß genau, auf was sich die Frau an seinem Tisch bezieht: Die Kunst des Liebens von Erich Fromm, das Buch, das sie im Zug gelesen hat, das er kennt, er hatte es fast vergessen, zu Recht. Was haben sie nicht gestritten über Fromms Begriff von Liebe, nüchtern, wissenschaftlich, ohne Schwärmen, eine Provokation für den jungen Behringer, soeben waidwund verlassen, seine Liebste in den Armen eines anderen Mannes, viel älter als sie, Arzt und Kommunist, alle hatten Verständnis, dass er, der Verlassene, um sich schlug, gerade Fromm verfluchte, seinen soziologisch-marxistischen Ansatz, die DDR, den ganzen Ostblock vor Augen, die Gleichmacherei, wie lieblos können Menschen sein, ein ganzes Volk seiner Freiheit zu berauben? Nein, das hatte nichts mit seiner Idee von Liebe zu tun, seinem persönlichen, tiefen Empfinden, seiner Trauer über den Verlust – tausendmal lieber Goethes leidender Werther als Fromms kaltes Konstrukt.
»Du kannst fühlen«, fährt sie fort, ihr Blick wieder entrückt wie im Zug. »Aber du glaubst nur zu lieben. Es zerreißt dir das Herz, aber nicht über den Verlust der Liebe. Geht es in Wahrheit nicht darum, den anderen besitzen zu wollen?«
»Oh ja, die Verdinglichung, Entfremdung, Liebe als Ware, tut mir leid, aber wer liest heute noch Fromm? Sind wir nicht viel weiter? Und haben wir nicht andere Probleme?« Behringer ist laut geworden. Schon wieder.
Sie schüttelt den Kopf, wirkt plötzlich verloren mit ihm am Tisch. Und wieder seine erste Liebe, traurig nach einem Streit, dem Versöhnung und Vereinigung folgten, schon die Umarmung ein erotisches Vorspiel. Auch diese Frau würde er jetzt gerne umarmen, natürlich anders, er kennt sie ja nicht, aber trösten kann man auch Fremde, und so fremd ist sie nicht, sie hatten da was zusammen, diese Sache im Zug, warum sie also nicht umarmen – oder wenigstens ihre Hand nehmen? Doch dann liegt die Rechnung zwischen ihnen. Er bezahlt bar. Und als sie auf der Promenade stehen, nach Westen sehen, über den schwarzen See zum lichterübersäten Ufer drüben, die Berge kaum noch vom Himmel abgesetzt, gehen auch im letzten Restaurant die Lichter aus. Im Südwesten ein gelber Mond, noch nicht ganz voll, aber groß, ein tröstender, warmer Lampion für den Heimweg, es ist auch schon spät.
»Ich heiße Lisa«, flüstert sie, mehr zum Mond als zu ihm.
»Lutz«, sagt er, und er muss über das doppelte L lachen, wendet sich ab in die andere Richtung, zum Hotel mit dem Eckbalkon, und weil er nicht weiter weiß, überlegt er laut, wer wohl in dem Eckzimmer wohne, ob es noch zu haben sei, weil ja kein Licht brenne.
»Noch brennt es nicht«, sagt Lisa und holt einen Schlüssel aus ihrer Handtasche.
»Du wohnst dort, im Eckzimmer? Also ihr?«
»Gebucht für eine Nacht. Auch der Tisch direkt unter dem Balkon. Alles, wie es sein sollte. Es hätte so schön sein können.«
»Tut mir leid«, sagt er. Seine Worte schweben zwischen ihnen, ihr Schweigen trägt sie, gibt ihnen Raum, wohl weil sie sich aufrichtig anfühlen.
»Wollen wir?« Sie hakt sich bei ihm unter, überrumpelt ihn damit. »Noch ein Stück gehen?«
Sie gehen ein paar Schritte auf der Piazza Calderini, hinunter zum See, zur letzten Bank auf der kleinen Landzunge, wie eine Seebrücke, wo sie sich setzen, ihr Blick nach Norden, dort nur ein dunkler Spalt, hinter dem sich der See verengt zu einem Fjord, fast wie ein Fluss, zwischen hohen Bergmassiven, bis in die Ausläufer der Alpen hinein – auf der Karte wirkt der Umriss obszön, findet Behringer, auch die Nordspitze, nicht spitz, eher wie ein kussbereiter Mund, ein schöneres Bild als ein Saugrüssel und doch keines, bei dem er verweilen möchte, weswegen er sie fragt, ob sie schon dort gewesen sei, da ganz oben.
»Ich kenne den Lago sehr gut, Baldo hat ein Boot, er fährt mich, wohin ich will, legt an den schönsten, den einsamsten Plätzen an, es ist herrlich, wir schwimmen ein Stück, lieben uns im seichten Wasser, gehen danach schön essen – oh, entschuldige.«
»Nein, nein«, Behringer wehrt ab, er hat ihr gern zugehört, möchte mehr erfahren, und sie fährt schon fort.
»Wir kennen uns seit letztem Sommer, mein Mann hatte geschäftlich mit ihm zu tun, wir, meine erwachsene Tochter und ich, haben ihn privat auf einer Geschäftsreise begleitet, da ist es passiert. Nicht hier, sondern in Brenzone. Mein Mann war ständig unterwegs, meine Tochter auch, sie hatte schnell Anschluss gefunden – und Baldo war da. Er hat mich auf Händen getragen, ein Mann der alten Schule, er ist gut zu mir, er tut mir gut. Und er hat das Boot.«
Behringer lacht. »Nicht das schlechteste Argument.«
Lisa bleibt ernst. »Ich wohne in München, der Weg nach Torri ist nicht weit, ich bin Schauspielerin und Sprecherin, aber der Job als Lektorin auf Kreuzfahrtschiffen bringt richtig Kohle, bringt mir persönlich mehr, die Leute sind so dankbar, und ob ich weg bin oder nicht, was ich so treibe, interessiert niemanden, die Wohnung in Schwabing fast immer leer, die ganze Familie in der Welt unterwegs, una famiglia cosmopolita, sagt Baldo, und er il tuo porto.«
»Und was war das dann heute Abend?«
Lisa spielt mit dem Schlüssel, hat ihn die ganze Zeit in der Hand gehabt. »Ach, das ist die andere Seite, eine neue Seite an ihm, leider. Er will mehr, will mich ganz, will sich sogar von seiner Frau trennen, wo er das sonst so hochhält, la famiglia è tutto und so, ich meine – hallo? -, er hat vier Kinder, nur eines erwachsen, das kann ich doch nicht verlangen. Ich will es auch nicht – nur Baldo und ich, das soll leicht bleiben, offen, daraus schöpfe ich meine Energie, meine Befriedigung. Alles war gut, aber plötzlich sieht er es anders. Er war wütend deswegen, wollte nicht mehr in Torri bleiben, erst recht nicht in diesem Zimmer.«
Behringer lehnt sich zurück, blickt hinauf zu den Sternen, den Abermilliarden, jeder einzelne ein besonderer, mit einem eigenen Schicksal. Man sieht es ihnen nicht an, so wie den vielen namenlosen Menschen nicht, jeder mit seiner eigenen Geschichte.
Lisa lacht. »Schon lustig, dass wir uns ausgerechnet hier wiedersehen.«
»Kein Wunder, wenn du hier quasi zu Hause bist.«
»Bin ich gar nicht. Baldo lebt in Trient, hat nur sein Boot am Gardasee und gar nicht hier in Torri. Wir haben uns nur hier verabredet, ich habe endlich das Eckbalkonzimmer 123 bekommen, war schon lange scharf drauf, seit ich den Roman gelesen habe, wo es das Liebesnest in einer heimlichen Affäre ist. Das habe ich Baldo erzählt, vorhin am Tisch, voller Vorfreude, ich war erregt – und er gekränkt. So sehr, dass er mich beschimpft hat. Ich hätte es wissen müssen. Hätte es für mich behalten sollen, ihm bei aller Begeisterung einfach sagen sollen, dass da schon André Gide gewohnt hat. Obwohl – wer kennt den überhaupt? Kennst du die Sache mit ihm und dem Zimmer in Torri?«
»Ich habe davon gelesen, ein Hotel mit Geschichte und Geschichten.« Behringer schmunzelt. »Leider nicht meine Kragenweite.«
»Aber du hast da gegessen.«
»Und habe dich getroffen.«
»Tiefer getroffen im Zug.«
»Was mir leid tut. Jetzt noch mehr.«
»So a Schmarrn!« Lisa boxt ihm leicht gegen den Arm und gähnt. »Aber danke fürs Zuhören.«
Vor dem Hotel blicken sie sich an, und für einen Moment könnten sie alles sein, ein Liebespaar, zwei frisch Verliebte, zwei Gestrandete auf einer Reise, einfach nur Freunde. Selbst dazu reicht es nicht, das spürt er. Lisa reicht ihm die Hand, der Schlüssel dazwischen, kühl und schwer, ein alter Schlüssel für ein altes Türschloss. Behringer dreht ihre Hand, lässt los, sie umschließt ihn mit einer Faust, boxt ihn wieder leicht, gegen die Brust, kumpelhaft, unbekümmert, müde.
»Alles wird gut«, sagt sie. Letzte Worte, Allerweltsworte, gerade recht für ein nüchternes, wenn auch versöhnliches Lebewohl.
Er wartet, bis hinter dem Eckbalkon das Licht angeht, wartet auch noch, bis es ausgeht.
Am Himmel der Mond, höher und heller, sein Licht wird ihm den Weg leuchten, den Hang hoch, das letzte Stück zu seiner Unterkunft.
In der Hosentasche regt sich sein Smartphone. Eine WhatsApp von seiner Frau. So spät noch?
Tausche See gegen See! Will zu dir.
Behringer lacht, tippt auf das Display.
Nimm den Zug und alles wird gut 😉