Zuckerjungs

Zwei junge Männer im Bordbistro, Zug aus München. Sie sitzen an dem kleinen Tisch einander gegenüber, sehen aus dem Fenster, an dem eine eintönige Landschaft vorbeizieht. Vielleicht ist alles gesagt, unter Brüdern, sie sehen sich ähnlich, haben beide dieses breite Gesicht, weit auseinander stehende Augen, die bei dem einen, dem jünger wirkenden Mann, etwas hervortreten, bei seinem Gegenüber zusammengekniffen sind. Der Ältere trägt eine Art Arbeitsjacke, blau verwaschen, der andere ein Fußballtrikot, Bayern München, es trägt auf, kaschiert kaum seine über den Hosenbund wabbelnden Hüften.

Jetzt sehen sie sich an, nicken kurz, stilles Einverständnis. Der Jüngere hebt die Hand, die Kellnerin kommt, kehrt kurze Zeit später mit Salzbrezeln und zwei Halbliterflaschen Cola zurück. Normale Cola, das haben sie eigens betont. Nicht lange, und die Brezeln sind verzehrt, die Flaschen nahezu geleert. Beide Männer senken gleichzeitig die Köpfe, Smartphones in der Hand, gelangweilte Blicke und Fingertips, unbeweglich ansonsten, wie erstarrt, wäre da nicht das rechte Bein des Jüngeren, das auf dem Absatz hin- und herwippt, Hamsterradtakt. Der Zucker?

Gewiss ist er längst in ihre Blutbahnen geschossen, ein süßer Strom in den Adern bis in die feinsten Kapillaren. Sie sterben ab bei zu hohem Blutzucker, ob er das weiß, der Ältere, ob er zum Arzt geht, mal einen Test gemacht hat, und wenn nicht, eins und eins zusammenzählt oder jemand anders für ihn: dass sein unregelmäßig ausgelichtetes, eine fettig glänzende Kopfhaut freigebendes Haar, sein solchermaßen unstrukturierter Haarausfall von zu hohem Blutzucker rühren könnte? Dem Zucker in der Cola, dem Zucker im Weißmehl des Laugengebäcks, überall ist Zucker – hier ist Zuckeralarm.

Vermutlich weiß er das nicht oder er ignoriert es, nach Art des skrupellosen Cowboys, die Augen zu Schlitzen verengt, die Hand schon am Colt. Und jetzt bestellt er – das Gleiche noch mal, natürlich, das Süße pappt auf der Zunge, braucht was Salziges, das Salzgebäck macht Durst, Durst auf Cola, Die Zucker-Salz-Spirale, so etwas lernen Kinder, wenn man sie lässt, verlernen es nicht, es codiert sich ins Essverhalten. Erst wenn der Bauch schmerzt, lange nach Sättigung, ist es genug.

Beim dritten Bestellen ist der Zug fast in Stuttgart, die beiden Männer müssen noch weiter, bestellen sich ein drittes Mal ihr Gedeck – und werden enttäuscht: Die Brezeln sind aus, sagt die Kellnerin, sie schließe jetzt auch das Bistro, ein letztes Getränk, dann aber mit Pfand, was es denn sein dürfe? Gerne nochmal Cola – haben Sie denn noch Chips?

©Martin Bensen