Lächeln – zu spät

In meinem Alter jenseits der Sechzig rechne ich nicht mehr damit, dass mich eine Frau anlächelt. Die wenig jüngeren oder gleichaltrigen beschwert ihr eigener Alltag, sie rechnen sich auch nicht aus, einem Lächeln zu begegnen, und wenn überhaupt, einem milden, nachsichtigen, mitleidigen. Ganz anders das Lächeln, das mir an einem Abend im August auf dem Schillerplatz begegnete.
Es kam von einer jungen Frau, geschätzt Mitte dreißig, und es galt eindeutig mir, sogar der freundliche Augenaufschlag, während ich auf meine Frau wartend auf einem Blumenkübel saß, vielleicht war es das, vielleicht nur ein Lächeln aus Mitleid oder ähnlichem, vielleicht aber auch, weil ich jünger wirkte, agil, mit nur einer Pobacke auf der Kante balancierend, vornübergebeugt, leicht nerdig, das Smartphone vor Augen, und doch aufsehend, neugierig, wer sich mir nähert – die Frau mit diesem Lächeln, das mir galt. Darauf war ich nicht vorbereitet. Zu viele Gedanken, du hast sie gerade gelesen, viel zu spät der Impuls, in jungen Jahren immer wach, der Jagdinstinkt mit einer sekundenschnellen Reaktion, geübtes, flirterprobtes Zurücklächeln, ja was denn? So schnell vorbei. Da läuft sie, dreht sich nicht um, warum auch?

©Martin Bensen