Autonomes Denken

Denken auf Autopilot – autonomes Gedankenfliegen über Abgründe. Daraus purzelt durchaus Sinnvolles, wenngleich nichts Geniales. Wie geht das? Wovor beschützt mich autonomes Denken?

Manchmal, während des Denkens, denke ich zugleich auf zwei Ebenen. Und fühle zu allem Überfluss auch noch. So etwas wie Stolz. In solchen Momenten (be)wundere ich mich fast ein bisschen. Nicht nur, dass die Gedanken beim Sprechen kommen, nicht nur, dass das Sprechen geschmeidig die Gedanken vertont. Auch das Denken selbst „flutscht“. Ein smarter Bewusstseinsstrom murmelt wie ein kühler, frischer Wildbach durch das Sprachzentrum des Gehirns, hinunter zum Mund, zu den Stimmbändern, formuliert Worte wie einen perligen Schaumwein, spritzig, süffig, anregend. Und das alles auf Autopilot. Ich ahne, dass da mehr ist …

Allein, dass ich denke, wie ich denke, während ich denke, die Worte fast zeitgleich in die Welt gehen. Hab ich Vertrauen zu mir? Ich denke, ja. Fühle ich mich gut dabei? Ich weiß nicht. Könnte ich nicht mehr und tiefer denken? Origineller? Packender? Was hält mich ab? Wovor habe ich Angst?

Ja, es hat mit Angst zu tun. Autopilot heißt, dem System zu trauen, mir und meinem Denken zu vertrauen. das ist zunächst einmal eine sichere Bank. Was aber kann passieren, wenn es plötzlich hakt, es womöglich versagt? Stürze ich dann ab, verunglücke ich? Schon ist der Zweifel da – und Angst. Das Gefühl kommt ins Spiel. Red alert. Lähmung.

Einmal in meinem Leben habe ich eine Denklähmung gehabt, gähnende Leere im Kopf. Ich musste vor einem großen Publikum sprechen, hatte mir meinen Text nur gemerkt, nicht aufgeschrieben. Dann war ich dran – und durch. Angst statt Denken. Schweigen. Stille. Ich war zugleich ohnmächtig und hellwach. Ganz da in meiner Panik. Nur Panik. Das System war schlagartig eingefroren, Blue Screen. Alle hören zu, habe ich gedacht. Sag was! Der Neustart bringt das Denken zurück, es kommt in Wellen – wie die Welt beim Aufwachen aus einer Ohnmacht. Und zugleich das Sprechen: Stottern. Bildschirmflackern.

Genau besehen war diese Erfahrung, um in dem Bild des Piloten zu bleiben, ein Höhenflug außerhalb des Normbereichs. Der Erwartungsdruck zu hoch, die Luft zu dünn. Es war schlicht nichts mehr da zum Denken, zum Sagen. So war wohl die Situation unserer Urahnen in der wilden, noch wundersamen Welt, wenn das Feindliche ganz existenziell das Leben bedrohte, der Körper funktionieren musste. Aber eben nur der Körper. Ein Glück, wenn das System instinktiv richtig (re)agiert. Auf dieser Ebene herrschen weder Verstand noch Vernunft, sondern einzig und allein die Instinkte und Triebe. Und die können was. Denn sie reichen tief in die Evolution zurück, als noch galt: Fressen oder Gefressen werden.

Aber zurück zum Denken, zur kommunikativen Dimension des Denkens und Sprechens im Automatikmodus. Ohne die Form des Dialogs oder der Debatte zu diskutieren: Wie kommt autonomes Denken beim Empfänger an? Spürt das Publikum, dass ich in diesem Modus nicht alles gebe? Verfangen meine Gedanken trotzdem? Oder langweile ich, unterfordere ich meine Mitmenschen? Mich selbst? Ich ahne ja, dass ich mehr könnte. Also was hält mich ab? Die Erfahrung von Niederlagen aus vergangenen Disputen? Die Sorge, zu viel von mir preiszugeben? Und nicht zuletzt die Angst, mein Unterbewusstsein könnte mir einen Streich spielen, mich entblößen und tief in mein wahres Denken und Fühlen blicken lassen? Plötzlich nackt unter angezogenen Leuten – der Albtraum. Die Folge: wieder Denklähmung.

Also ist autonomes Denken wohl ein Selbstschutz. Es wird erlernt, führt über Verluste und Schmerzen. Rein technisch ist die Fähigkeit zu autonomem Denken das Ergebnis eines Reifeprozesses, eines Debuggings beim Programmieren des Mindsets, des Verstandes, trial and error inklusive.
Ethisch geht autonomes Denken einher mit der Veredlung der Vernunft als Synthese aus Denken und (Mit)Fühlen. Ja, da kommt mir Schiller in den Sinn … Sein Begriff des Spiels (und des Menschen, der „…ganz Mensch <ist>, wo er spielt …“). Warum nicht spielen?
Kreativ sein! Das geht nicht auf Autopilot. Es geht nur mit allem, was ich habe. Was ich bin – mit allem, was mich ausmacht. Als ganzer Mensch.

Am Ende ist es recht witzig, diese Gedanken aufzuschreiben. Denn während ich darüber nachdenke, ergibt ein Impuls den nächsten, alles beginnt zu fließen, ineinander zu fließen. Der Stream of consciousness. Mein kühler Wildbach.

Jetzt habe ich Lust zu erzählen. Doch leider ist dieser Text ein anderes Format. Und ich habe ihm eine neue Rubrik spendiert: Sophics.

Bis bald in diesem Theater. Danke fürs Zuhören!

©Martin Bensen