Traumgesichte (IX)

Ich muss da durch. Es ist heiß in dem dämmrigen Raum, feucht und stickig. Meinem Vordermann rinnt der Schweiß in den Kragen, die halbe Rückenpartie seines Hemdes ist bereits durchnässt. Die Kontrolle wirkt dadurch bedrohlich: Mein Vordermann breitet die Arme aus, der uniformierte Mann vor ihm, tastet mit beiden Händen Arme und Oberkörper ab.
Ich kann sein Gesicht nicht erkennen. Warum bin ich hier? Wo will ich hin? Was ist hinter dem grauen Paravent links von mir, wo der Uniformierte meinen Vordermann jetzt hinschickt. Bin ich in Gefahr? Ich spüre keine Furcht. Ich bin dran. Der Offizielle fragt mich, ob ich mit einem Plastiktest einverstanden bin. »Tu’s nicht«, raunt es hinter mir. Ohne mich umzudrehen, weiß ich, dass mein bester Freund hinter mir steht. Er legt mir eine Hand auf die linke Schulter. Ich hebe meinen rechten Arm, strecke ihn dem Kontrolleur hin, der jetzt einen schmutzigen Arztkittel trägt. »Bleibt mir eine Wahl?«, frage ich halb ihn, halb meinen Freund. »Man hat immer eine Wahl«, sagt der. Ich muss an den Roman* denken, den ich gerade zu Ende gelesen habe, an die dort beschriebene Insel Makatea in der Südsee, wo die Natur einst vom Phosphat-Raubbau geschändet, jetzt ganz ohne koloniale Besatzung verseucht wird: das Meer mit Müll, Plankton mit Mikroplastik. Vielleicht will der Kontrolleur wissen, wie viel davon in meinem Blut schwimmt. Er hat die Spritze bereits in der Hand. Ich sehe den Tropfen an der Nadel, bevor sie sich absenkt, meine gestreckte Armbeuge, meine sonnengebräunte Haut, die milchig-weiße Flüssigkeit, die darunter verschwindet. Warum hinein? Die Frage schwebt nur kurz zwischen Traum und Wachsein, um im Tageslicht augenblicklich zu zerstieben.

©Martin Bensen

*Powers, Richard: Das große Spiel. Roman. Penguin Verlag. Deutsche Erstausgabe, 2. Oktober 2024. (Originaltitel: Playground)