Tucht

Mit dem Dreißigjährigen Krieg starb in deutschen Landen nicht nur ein gutes Drittel der Bevölkerung, direkt oder an Hungersnot und Seuchen – es starb auch ein deutsches Wort, zumindest als Nomen. Das Adjektiv hat sich dagegen gehalten und noch drei Jahrhunderte später zwei verheerende Weltkriege per Rhetorik befeuert. Das Wort, von dem es stammt, hätte die strammen Deutschen indes eher zum Lachen gebracht. Denn wer kommt heute noch darauf, dass tüchtig von Tucht kommt? Ja, tatsächlich, ein solches Wort gab es! Auch wenn die Tucht selbst Google offenbar kein rechter Begriff ist und ChatGPT allzu schnell bei der Zucht ist: Die Begriffe mögen verwandt sein, aber Tucht war mehr als Zucht, vielleicht sogar früher da. Eine Spurensuche.

Um die Mitte des 17. Jahrhunderts endete die Periode des sogenannten Frühneuhochdeutschen, der ältesten Stufe der neuzeitlichen deutschen Sprache. Und mit ihm eben jenes Wort – die Tucht. Aber anders als Millionen Menschen, Opfer des verheerenden Krieges, starb die Tucht nicht ganz … Wir kennen sie nur noch als Adjektiv, besonders aus der Sprache der letzten globalen Kriegstreiber und Menschenvernichter – der Nazis. Der tüchtige deutsche Soldat, der tüchtige Deutsche an und für sich, überlegen, kraftvoll, siegreich. Am Ende waren andere zwar tüchtiger, vielleicht sogar im alten Wortsinn, doch, einmal drin, ließen sich die besiegten Deutschen nicht davon abbringen, weiter tüchtig zu sein und ein Wirtschaftswunder zu schaffen und ökonomisch dauerhaft ganz oben mitzumischen.

Jenes hehre Wort Tucht verlor sich bereits um das Jahr 1650 herum in der deutschen Kleinstaaterei und den frankophilen Adelskreisen. Da das gemeine Volk seine gesprochene Sprache mangels Bildung kaum aufschrieb, kann es hier und da noch verwendet worden sein. In jedem Fall aber das Adjektiv dieses heute so seltsam klingenden Wortes: Wenn nicht Friedrich der Große, so haben seine preußischen Militärs mit Sicherheit nicht nur von den langen Kerls, sondern auch von den tüchtigen deutschen Soldaten geschwärmt, die zu Tausenden über den großen Teich in den amerikanischen Bürgerkrieg geschippert wurden. Und mit Sicherheit waren die alten wie die neuen Feldherren von dieser sagenhaften Tüchtigkeit geradezu ergriffen – wenn sie diese Substantivierung denn schon benutzten. Denn das Adjektiv geht ja auf ein anderes Hauptwort zurück, eben die Tucht.

Dieses Wort ist auch über Google nur noch schwer zu fassen. Der Korrekturvorschlag des Algorithmus‘ ist Touch. Aber nein doch: Tucht war im Frühneuhochdeutschen ein Synonym für „Kraft, Macht, Einfluss natürlicher und personenhafter Bezugsgrößen auf etw. / jn.“, wie es im Frühneuhochdeutschen Wörterbuch (FWB)* heißt. Eine zweite Kategorie nennt dort folgende Bedeutungen: „Tugendhaftigkeit, Ehrbarkeit, Anstand, moralische Integrität e. P.; Hochschätzung, Achtung, die man jm. entgegenbringt“. Das klingt dann schon nicht mehr ganz so potent, sondern ergänzt auf der sittlich-ethischen Ebene das, was einen idealen Herrscher oder „Edelmann“ früherer Zeiten eben auch ausmachen sollte. Und da kommt nun die Zucht ins Spiel – eine Laune der Aussprache, des Dialekts? Zucht ist noch gebräuchlich, wenn auch eher in der Tierwelt, Zucht und Ordnung ein Begriffspaar von gestern – und züchtig waren Mädchen, die Jungen aber – genau: tüchtig. Wenngleich das Verb züchtigen , anders als die direkte Ableitung züchten, in den Augen früherer Generation nicht verwerflich war, sondern im Gegenteil ein solcher Akt durchaus dem Ziel diente, züchtige und tüchtige Nachkommen heranzuziehen. Der einzigen Verbform von Tucht hat das etymologische Schicksal hingegen ein Präfix spendiert, sodass es nicht tüchten oder nur tüchtigen, sondern ertüchtigen heißt.

Während „Tucht“ sich schon auf der ersten Ebene spätestens zur Aufklärung hin verliert, ist diese zweite Ebene regelrecht unter die Räder – oder vielmehr: unter das Volk – gekommen und zu einem recht profanen Eigenschaftswort verkommen. Da ist der „gemeine Mann“, wenn er tüchtig ist, alles mögliche: fleißig, eifrig, emsig, zupackend, geschäftig usw. Weil meist Männern zugeeignet – die Frauen übersprangen tüchtig, waren daheim züchtig, fleißig, emsig, wie Bienen -, schwingt bei tüchtig semantisch eine potente Note mit. Ein tüchtiger, junger Mann – der ideale Schwiegersohn, stark, ernährend, beschützend.

Zudem wurde und wird tüchtig – neben rechtschaffen oder ordentlich – auch als adverbiale Verstärkung benutzt. Da tut jemand tüchtig was, die Bewertung (und Belobigung) erfolgt meist in der Rückschau: Er hat tüchtig gegessen oder tüchtig gearbeitet. Zugegeben: Das ist schon lange keine Jugendsprache mehr. Und auch für die Kriegsrhetorik taugt das Adjektiv nicht mehr rein menschenbezogen. Denn weniger die Menschen, als vielmehr ihre modernen Waffen töten Menschen. Und genau hier wiederholt sich Geschichte und das Vokabular: Es herrscht wieder Krieg in Europa, Deutschland müsse wieder wehrtüchtig oder sogar kriegstüchtig werden, klingt es aus der Politik, und die Rüstungsindustrie jubelt. Wir schreiben das Jahr 2024 …

Heute sind es nicht Führer (wohl aber Verführer)**, sondern Führungskräfte und das moderne Wort für Tucht ist in diesem Jahrhundert wohl Effizienz – etwas, das man gleichermaßen mit menschlicher (Leistungs-)Fähigkeit und mit der von Maschinen oder Systemen verbinden kann. Und doch: In der Fachwelt scheint noch das Verb von Tucht auf, etwa im Ingenieurswesen: Nie war es wertvoller als heute, in die Jahre gekommene Bauwerke und alte Maschinen zu ertüchtigen. Die Tucht lebt also tüchtig weiter.
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* Frühneuhochdeutsches Wörterbuch, Akademie der Wissenschaften, Göttingen – https://fwb-online.de/go/tucht.h1.1f_1709479366
** Unser Freund Joachim A. Lang hat einen sehr starken, sehr wichtigen Film über Führer und Verführer (Titel) gemacht. Unbedingt anschauen: https://www.zeitsprung.de/productions-1/fuehrer-verfuehrer

©Martin Bensen

Fußnote: Den Text habe ich just in dem Moment abgeschlossen, als die ersten Prognosen der Brandenburg-Wahl aufpoppten. Und ein Gedanke in meinem Hirn: Liebe deutsche Landsleute, was seid ihr nur für Memmen geworden. Erinnert euch an eure Tucht. Ihr könnt was. Also heult nicht rum und rafft euch!