Ich weiß nicht, warum ich mir das antue. Erst dieser grässliche, knallgelbe Tee. Dann dieses lächerliche Namasté, die servile Verbeugung, die »betenden« Hände vor der Brust. Warum? Die Vibration der Klangschale durchströmt meinen Körper, da liege ich schon. Wird eh nicht klappen, denke ich. Hypnose nicht, Meditation erst recht nicht. Meine Frau liegt neben mir, ist schon ganz bei sich. Wo ist das: bei mir? Alles, was ich sehe, ist ein dunkler Raum, eine Art Verlies – und dieses kleine Wesen. Wo bin ich?
»Du bist bei dir.« Das Männchen kichert, ein seltsames Geräusch, wie Schmirgeln auf Metall.
Kann jemand so klein sein? Entfernt erinnert mich das seltsame Wesen an den Gollum aus dem Film »Der Herr der Ringe«, nur dass dieser erdfarbene Zwerg viel kleiner erscheint. Es sitzt auf einem eisernen Geländer und hält einen winzigen Kerzenleuchter in der Hand. Das Licht der kleinen Flamme reicht gerade aus, um zu erkennen, dass das Geländer zu einer Treppe gehört. Sie führt nach unten. Anscheinend gibt es keine nach oben. Fragt sich also, wie ich hierher gekommen bin. Ich ahne Übles.
»Was soll das hier? Wo bin ich?« Meine Stimme klingt zornig und dumpf.
»Wie ich schon sagte: Du bist bei dir.« Wieder dieses Reibeisen-Kichern.
So nicht, Bürschchen! »Aha, interessant«, sage ich, versuche es mit Ironie. »Ein muffiges Verlies – das soll ich sein?«
»Du sagst es.« Kein Kichern.
»Jetzt mach mal einen Punkt! Wo geht’s hier raus? Ich warne dich, du Wicht!«
»Reiz mich nicht, sonst schick ich dich geradewegs zurück!«
»Ich bitte darum.«
»Du weißt nicht, was du sagst, Dummkopf!«
»Ich hau dich!«
»Ich hau dich, ich hau dich … Ätschibätschi trallala.« Der Wicht zieht Grimassen, tanzt auf und ab. Die kleine Flamme droht zu erlöschen.
»Ist ja gut, ist ja gut!«, sage ich beschwichtigend. »Dürfte ich dich trotzdem bitten, mir jetzt den Weg nach oben zu zeigen?«
»Du verstehst nicht, mein Freund. Ich bin nicht dein Feind. Jedenfalls nicht hier. Und nicht, wenn du tust, was zu tun ist. Auf keinen Fall darfst du nach oben, wie du es nennst. Denn dann werde ich dein steter Begleiter sein, egal, ob du schläfst oder wach bist. Bis zu deinem Tod. Und der könnte schneller kommen, als du denkst. Es beginnt mit Kopfschmerzen, erst dumpf, dann immer greller, Blitze durchzucken deinen Schädel, die Ärzte werden einen Tumor feststellen -«
»Stopp!«
»Ach ja? Hihihi – hier lang, mein einsichtiger Freund.« Er zeigt mit der Kerze nach unten.
Tatsächlich: Eine schmale Wendeltreppe mit einem dünnen Eisengeländer windet sich vor meinen Füßen hinab. Schon die dritte Stufe taucht ab ins Dunkel – ein Schwarz, das beinahe flüssig scheint, wie Tinte oder wie …
»Blut?« Das Männchen kichert wieder. »Und wenn schon, es ist dein eigen Blut. Du wirst sehen.«
Nichts sehe ich, Dunkelheit umfängt mich, nicht wie Blut, sondern wie ein schwerer muffiger Mantel. Das Atmen fällt mir schwer, ein bekannter Geruch steigt mir in die Nase. Ein Geruch aus meiner Kindheit, aber was ist das?
Du wirst sehen, sagt der Homunkulus, jetzt in meinem Kopf.
Geh aus meinem Kopf, ich mach doch schon, was du sagst!
Wieder dieses irre Kichern. Aber er verschwindet tatsächlich, das spüre ich. Ein fahles Licht am Fuß der Treppe. Endlich! Dort unten weitet sich der Raum. Der Geruch – nach was? – wird stärker. Kenne ich diesen Raum nicht? Ein Keller! Oben die vergitterten Fenster. Daher das Licht.
Mama, denke ich, nein ich wimmere: »Mama, ich hab Angst!«
Ich bin wie gelähmt, drücke mich an die kalte Wand, fühle Staub, sehe meine Hände, schwarz. In diesem Moment stürzt etwas unter Tosen in den Raum, drückt mich ganz an die Wand, eine Lawine aus schwarzen Brocken ergießt sich direkt vor meine Füße, breitet sich rasend schnell aus und schwillt an, dass bald nur noch mein Kopf herausragt. »Mama! Ich ersticke!«
Staub reizt meine Augen, meine Atemwege. Ich beginne zu husten, sehe durch einen schmutzigen Tränenschleier erst das Licht, dann den Raum gegenüber und schließlich den Mann. Meinen Vater! Es ist der Vater aus meiner Kindheit, mein junger, starker Vater.
Ich will schreien, doch kein Laut kommt aus meiner Kehle. Mein Vater beginnt, die Brocken mit einer Schaufel auf den Haufen zu schippen. Das metallische Schaben, das seltsam klirrende Kullern der Steine. Jetzt weiß ich wieder alles.
Ich bin in unserem Kohlenkeller, grobschlächtige Männer, vor denen ich immer etwas Angst hatte, haben gerade den schwarzen Brennstoff geliefert, die Jutesäcke vom Wagen geladen, bucklings getragen, am Kellerfenster aufgerissen und nach unten entleert. Zwei, drei Männer im Wechsel. Eine ganze Wagenladung Kohlen für den Winter. Kohlen, die mein Vater einst abgebaut hat, damals arbeitete er noch im »Pütt«, wie er immer sagte.
Das Schippen hat aufgehört, mein Vater verlässt den Raum, löscht das Licht.
»Papa!«
Ich will hier raus!
Vorsichtig stemme ich mich nach vorne, verschaffe mir etwas Raum. Schließlich kommen meine Arme frei, sodass ich die Kohlen von mir wegschieben, den Berg langsam, aber stetig abtragen kann. Während ich verbissen weiterarbeite, versuche ich meine Situation zu verstehen. Mir ist klar, dass ich nur träumen kann, mein Vater ist weit über achtzig und bettlägrig, ich bin fast sechzig und längst nicht mehr der Fitteste. Ich schwitze wie ein Schwein, sehe jetzt auch bestimmt wie eines aus, fett bin ich überdies. Mein Vater war das nie – stramm und sehnig bis in die letzte Faser seiner von viel körperlicher Arbeit und Sport gestählten Muskeln. So sah ich ihn gerade eben noch – so sehe ich ihn jetzt in meiner Erinnerung: Er hat den Windvogel, den er für mich gebastelt hat und den wir beide begeistert haben steigen lassen, hoch und immer höher, bis er senkrecht abgestürzt ist – er hat die Trümmer des Windvogels aus den Ruinen des alten Freibad-Gebäudes geborgen, hat sich dabei verletzt, mehr noch als die Schnittwunde am Arm hat mich sein schwarzer Oberschenkel erschreckt, er sei ausgerutscht und da sei eine verkohlte Feuerstelle gewesen – verkohlt, Kohle, der Geruch nach nasser Jute, nach Kindheit.
Ich rutsche bäuchlings den Haufen hinunter, nehme eine ganze Ladung Kohlen mit, denke kurz daran, sie ordentlich wieder hinaufzuschippen, wie mein Vater es vorhin getan hat.
Ich höre meinen Namen. Der Homunkulus? Nein, die Stimme klingt brüchig. Die Fistelstimme meines Vaters. Er ruft mich. Jetzt sehe ich die Tür. Ich öffne sie, stehe in einem hellerleuchteten Flur. Menschen laufen hin und her, niemand beachtet mich. Dabei sehe ich doch aus wie … Wie immer, sauber, okay, die Shorts passen hier nicht recht hin. Das kann nur ein Traum sein, so etwas passiert nicht in der Realität.
Ich bin im Pflegeheim. Mein Vater liegt hier. Ich besuche ihn nicht oft, es ist mir lästig, außerdem kümmert sich seine zweite Frau um ihn. Ich mag sie nicht, sie ist noch jünger als ich, weit jünger also als er, der tolle Hecht. Wie ich meinen Vater gehasst habe dafür. Meine Mutter, seine Frau, war kaum tot. Wahrscheinlich kannte er diese Frau schon damals. Oder warum habe ich so oft bei meiner Mutter zugebracht, sie gepflegt, während mein sauberer Herr Vater angeblich so viele Überstunden machen musste, einer muss schließlich das Geld reinbringen – was glaubst du, was das alles kostet? Die Kasse zahlt doch das alles nicht, und so weiter und so fort. Eins steht fest: Ich wurde früh erwachsen. Und ich zog gleich mit 18 aus.
»Bist du also da!« Seine Stimme klingt schwach. »Ich wusste, dass du kommst.«
»Ich habe dich gesehen. Du hast Kohle geschippt. Und du warst jung.«
»Was redest du denn, Junge?« Mein Vater schnaubt. Es klingt wie früher, wenn ihm etwas missfiel. Wenn ich etwas falsch gemacht habe. Habe ich ihm je etwas recht machen können?
»Ich war kein guter Vater, ich weiß.« Offensichtlich kann er meine Gedanken lesen, hier in der Traumwelt ist alles möglich.
Nein, das warst du nicht, aber wir hatten gute Momente.
Er nickt. Nichts an ihm erinnert mehr an den Vater meiner Kindheit, den kräftigen, sehr männlichen Mann, vor dem ich Respekt und immer auch ein wenige Angst hatte. Dabei hat er mich nie geschlagen, war nie aggressiv, aber ich wusste stets, dass er einem Kampf nicht aus dem Weg gehen würde, sollte es nötig sein, und dass er meine Mutter und mich beschützen würde, komme, was wolle.
»Bei dir habe ich mich immer sicher gefühlt. Einmal hat mich ein Mann beim Spielen angesprochen, ich bin weggerannt, doch er hat mich auf dem Fahrrad verfolgt, keine Ahnung, ob er sich nur einen Spaß erlauben wollte, ich bin um mein Leben gerannt, während der Mann nur lachte, dann war ich endlich vor unserem Haus, da standest du, ich bin auf dich zu, hab deine Hosenbeine umklammert, du hast den Mann gegrüßt, der mit einem schiefen Lächeln vorüber fuhr, aber du hättest ihn auch geschlagen, wenn es nötig gewesen wäre.«
Mein Vater lächelt. »Ich hab jedenfalls nix anbrennen lassen. Mama war das nicht immer recht, die Sauftouren schon gar nicht, aber sie wusste immer, dass sie sich auf mich verlassen konnte. Und ich mich auf sie.«
»Die blutige Lederjacke«, ich muss lauthals lachen, »hast du die je wieder saubergekriegt? Du hast sie nie wieder getragen, mein ich.«
Jetzt muss auch mein Vater lachen, doch allzu schnell beginnt er zu husten, Blut tritt auf seine Lippen. So ernst ist es also?
Eine Pflegerin erscheint, wischt ihm den Mund ab, stülpt ihm eine Sauerstoffmaske über, bedeutet mir aber zu bleiben. »Ist gleich vorbei«, sagt sie und lächelt müde.
Nach wenigen Atemzügen reißt mein Vater die Maske von seinem Gesicht. »Dieses Betüdeln immer.«
Die Pflegerin ist schon wieder weg. »Die Lederjacke musste in den Müll. Deiner Mutter habe ich damals gesagt, dass es ein Notfall war, doch ich habe dem Kerl … der wollte Ärger machen in der Kneipe … Ich habe dem Dämlack eine verpasst, ihm eine Augenbraue aufgeschlagen, der hat geblutet wie ein Schwein.» Wieder muss mein Vater husten, diesmal nicht ganz so heftig. »Und so wurde es dann ein Notfall.« Er schließt die Augen, scheint starke Schmerzen zu haben.
Mein Vater war nie der harte Hund, den er vorgab zu sein. Er war schon wehleidig, wenn er nur einen Schnupfen oder eine Magenverstimmung hatte. Anders als meine Mutter, die ihr langes Leiden bis zum Schluss tapfer ertrug.
Mein Vater öffnet wieder die Augen, sieht mich mit völlig klarem Blick an. Er seufzt, ein rasselndes Geräusch kommt aus seinem Brustkorb. »Ich habe es dir nie erzählt, aber deine Mutter kannte sie, hat mir sogar ihren Segen gegeben. ›Du kommst doch alleine gar nicht zurecht‹, hat sie gesagt. Sie wusste, dass du nicht bei mir bleiben willst. War mir auch klar.«
»Wo ist deine … Frau denn jetzt?« Trotz der überraschenden Nachricht kann ich meine Wut nicht unterdrücken.
»Sie war bis vorhin hier, muss sich ausruhen, hat sie gsagt. Sie ist fast immer hier. Ich will das gar nicht, bin so froh, dass endlich … dass du …« Sein Blick wird plötzlich glasig, sein Körper bäumt sich auf, fällt zurück, läuft blau an. Alles Leben entweicht aus ihm.
Ich weiß, wie Sterben aussieht. Bei meiner Mutter war das ähnlich. Anders als damals bin ich vollkommen ruhig. Alles nur ein Traum.
Wirklich? Wie seltsam ist doch, dass mir mein Vater hier näher ist als da draußen in der realen Welt.
»Bitte kommen Sie.« Eine Pflegerin steht in der Tür.
»Aber mein Vater …«
»Zeit zu gehen«, sagt die Pflegerin. Ihre Stimme klingt plötzlich wie die des Homunkulus. Sie winkt mich hinaus und als ich aus dem Zimmer trete, bin ich allein, vor mir die Wendeltreppe, oben das fahle Licht, aus dem ich kam.
»Wir haben uns schon Sorgen gemacht.« Meine Frau blickt mich ängstlich an. »Ist alles in Ordnung? Du hast so tief geschlafen. Als wärst du irgendwo, nur nicht hier.«
Der Meditationsraum ist leer, ein schwacher Duft von Räucherstäbchen liegt noch in der Luft. Besser als der Gestank im Kohlenkeller. Im Pflegeheim.
Mein Vater ist gestorben.
Ich suche meine Tasche, das Handy. Zehn Anrufe in Abwesenheit. Mailbox.
»Mein Vater ist gestorben.«
»Oh, nein.«
»Aber ich war noch bei ihm. Wir haben zusammen gelacht.«