Das Ding

Hier etwas „Kafkaeskes“ – was man nicht alles so nennt … Eine Geschichte, inspiriert von der großartigen Kafka-Serie in der ARD von Daniel Kehlmann und David Schalko. Viel Deutung, viel Suche – durchaus vage Spuren zum Ausnahmedichter Franz Kafka. Und eine mögliche Erklärung: „Die Verwandlung“ als albtrauminspirierte Umsetzung realer väterlicher Aversion gegen den jiddisch sprechenden Schauspieler Jizchak Löwy, den der alte Kafka als „Ungeziefer“ bezeichnet. So weit geht diese Geschichte hier nicht, und doch kann schon eine Abweichung vom Normalen, ein Ding an einem Menschen monströs erscheinen, ihn in Gänze entstellen – und unmöglich machen …

Als Herr Beh eines Morgens aus traumlosem Schlaf erwachte, fand er sich schwitzend in seinem Bett vor. Nichts bedeckte seinen vollständig nackten Körper, die Bettdecke lag am Boden, und dennoch fühlte sich seine Haut heiß und feucht an, ein abgestandener, säuerlicher Geruch erfüllte den Raum, und Herr Beh entstieg dem nassen Laken seines Bettes, überwand einen kurzen Schwindel und stellte sich im Bad gleich unter die kalte Dusche.

So lange er auch unter dem Brausekopf stand, so wenig erfrischte ihn das eiskalte Wasser – er hatte den Regler ganz nach rechts gedreht, kälter ging es nicht. Doch es war, als zöge sich die Hitze nur ein wenig unter die Haut zurück – zwischen Baum und Borke, dachte Herr Beh, – schlimmer noch: Die Haut selbst war klebrig, da mochte er mit Seife, Schwamm und Bürste rubbeln, wie er konnte. Als er den Regler schließlich auf warm drehte, kam die Hitze zurück, das klebrige Gefühl auf der Haut blieb gleichwohl haften.

Egal, dachte Herr Beh, stellte frustriert das Wasser ab, griff nach seinem Frotteetuch. Wenn er gedacht hatte, sich mit dem Stoff weich umhüllen zu können, so musste er nun überrascht feststellen, dass er das Tuch kaum spürte, die Haut fühlte sich taub an, egal an welcher Stelle er rieb, auch da, wo ein Mann am emfindlichsten ist. Es schien, als gehörte die Haut nicht ihm, als sei sie eine körperfremde Hülle, gleich einem Panzer. Er hielt einen Arm ins Licht: nichts. Die Haut sah aus wie immer, vielleicht ein bisschen gerötet, die Leberflecken waren da, wo sie hingehörten. Er zwickte sich in seinen dünnen Bizeps: wieder nichts, kein Gefühl, kein Schmerz, als er fester zukniff. Alles taub. Aber er konnte den Arm doch bewegen, er stand fest auf seinen Beinen, konnte normal gehen. Er hob beide Arme bis zum Anschlag, verzog den Mund zu einem Lächeln, sah die Fratze im Spiegel, die Muskeln gehorchten einwandfrei. Kein Schlaganfall also. Aber was? Ängstlich näherte er sich weiter dem Spiegel.

Erst konnte er keine Auffälligkeiten entdecken. Die Warze neben der Nase, die Falten bis um die Mundwinkel, weiter oben die dunklen Augenringe, die schon grauen Brauen, die wieder zu buschig wurden, die hohe Stirn mit dem Linienmuster wie mit einem Grillrost eingebrannt. Alles nicht schön, aber vertraut. Doch was war das? Da! Mitten auf der Stirn, auf der Kreuzung einer waagerechten und einer senkrechten Hautfalte saß ein kleiner roter Punkt. Herr Beh tippte mit der Kuppe seines Zeigefingers darauf. Und sollte er erwartet haben, dass er auch dort nichts spürt, so hatte er sich verrechnet. Ein stechender Schmerz breitete sich über die Stirn aus. Er schien nach innen zu wandern, er pulsierte und löste eine heftige Migräne aus.

Als Herr Beh das nächste Mal aus unruhigem Schlaf erwachte, diesmal auf dem Wohnzimmersofa, vor laufendem Fernsehprogramm – putzmuntere Tiere im Zoo -, war der Kopfschmerz weg, doch eine innere Unruhe ergriff ihn, durchzuckte seinen Körper wie elektrischer Strom. Draußen dämmerte bereits der Abend. Hatte er so lange geschlafen? Jetzt war natürlich an keinen Arztbesuch mehr zu denken. Bis gestern hatte er sich kerngesund gefühlt. Gut, er hatte sich nicht recht konzentrieren können. Sein neues Buchprojekt ging nicht voran, nicht bei guter Musik, nicht bei Kerzenlicht, weder nachts noch am Tage. Dabei schrieb er gerne, wenn auch langsam, und er änderte oft. Warum tun Sie das auch, hatte ihn seine Lektorin gefragt, nicht zum ersten Mal, warum er, statt sich zu verzetteln, sein Buch nicht einfach schreibe, um dann noch einmal gründlich über alles zu gehen? Einmal? Hundertmal, hatte er gedacht. »Kontrollzwang«, hatte er geantwortet, wie immer, da könne er nicht aus seiner Haut.

Herr Beh stand auf, wieder dieser Schwindel. Er zögerte kurz, öffnete dann energisch die Badezimmertür, haute auf den Lichtschalter und trat an den Spiegel. Träumte er noch? Kneifen nützt ja nix, antwortete sein Verstand. Ja, weil ich träume, das alles ist Traum. Auch dieser furchtbare Pickel. Von wegen Pickel: Der rote Punkt hatte sich zu einer haselnussgroßen Geschwulst ausgewachsen. Groß und tiefrot prangte das Gebilde über seiner Nasenwurzel – wie ein indisches Bindi, aber nicht wie gemalt, sondern erhaben wie eine weiche Warze.

Vorsichtig berührte er das Ding – er fand keinen Namen dafür. Unfassbar! Er war nicht einmal richtig dran, schon durchzuckte ihn ein schrecklicher Schmerz. Er musste sich ablenken. Er knippste den Fernseher aus, setzte sich an den Schreibtisch und öffnete seinen Laptop. Wo war er stehen geblieben? Er las die zuletzt verfasste Seite, fand sie so öde, dass er am liebsten den Bildschirm zerknüllt hätte. Papier – wie gern hätte er jetzt auf Papier geschrieben, aber er hatte keines im Haus. Nur Klopapier. Er verzog das Gesicht. Wütend klappte er den Laptop zu.

Der Arzt wich dem Blick von Herrn Beh aus, legte nur seine Stirn in Falten und schaute kummervoll, als er die Überweisung für die Spezialklinik schrieb. Das Ding war über Nacht auf das Doppelte angewachsen, selbst eine Mütze konnte die Wölbung auf seiner Stirn nicht mehr kaschieren. Wenn Herr Beh nach oben blickte, konnte er das Ding auch ohne Spiegel sehen. Seltsam, auch der Arzt nannte es so. Herr Beh bestand darauf, unverzüglich in die Klinik überstellt zu werden. Der Arzt telefonierte, nickte knapp und reichte ihm die Überweisung mit ausgestrecktem Arm und abgewandtem Blick, als ekelte ihn selbst der Augenkontakt. Herr Beh war sich sicher, dass er sein Sprechzimmer anschließend gründlich desinfizieren würde.

Zur Klinik musste Herr Beh quer durch die ganze Stadt. Kurz überlegte er, ein Taxi zu nehmen, entschied sich dann aber für die Straßenbahn. Im Abteil rückten alle von ihm ab, drängten sich zu den Türen, einige setzten Masken auf. Und wenn schon, dachte er jetzt trotzig, wann hatte er mal so viel Platz in der Bahn? Derselbe Ablauf im Wartebereich der Klinik, selbst am Empfang wurde er gebeten, Abstand zu halten. Er solle eine Maske tragen, sagte man ihm, und weil er keine dabei hatte, legte man ihm wortlos eine hin. Die behandelnde Ärztin war schnell fertig. Man könne nichts für ihn tun, man habe keine Erfahrung mit einem solchen … Ding. Man könne noch nicht einmal gefahrlos eine Biopsie machen. Kein Mitleid, eher Furcht – und als Herr Beh genau in den Spiegel sah, schien es ihm, als sei das Ding noch einmal gewachsen.

Nach Hause ging er zu Fuß, zehn Kilometer. Unterwegs erwog er zum ersten Mal, dem Trauerspiel ein Ende zu machen. Auf der Brücke über den Bahndamm blieb er stehen, näherte sich dem Geländer. Eine ältere Frau schien seine Gedanken zu lesen, und doch suchte sie schnell das Weite, nachdem sie das Ding erblickt hatte.
Zuhause waren gleich fünf Nachrichten auf dem Anrufbeantworter, alle von seiner Lektorin. Was mit ihm sei, warum er sich seit Tagen nicht gemeldet habe, und überhaupt … Am Abend klingelte es an der Wohnungstür. Wer sonst konnte das sein, als sie. Diesmal übermannte Herrn Beh kein Schwindel, sondern ein Schmerz im Nacken, er konnte den Kopf nicht mehr aufrecht halten. Wollte er so vor seine Lektorin treten?

Sie ließ sich nicht abwimmeln, klingelte und klopfte selbst nach zehn Minuten noch. Sie wisse schließlich, dass er da sei, schrie sie durch die Tür und Herr Beh hatte ein Einsehen.
»Mein Gott!«
»Eher nicht«, sagte Herr Beh matt und ertastete sich den Weg zurück ins Wohnzimmer, legte sich unter Schmerzen auf die Couch.
»Ich hatte ja keine Ahnung!«
Wie denn auch? Herr Beh war zu kraftlos, um aufgebracht zu sein. Warum machte die gute Frau nicht umgehend kehrt, wandte sich ab wie all die anderen?
Die Lektorin stand unschlüssig da. Ihr Blick wanderte zum Schreibtisch vor dem Fenster, erfasste den Laptop.
Herr Beh spürte es mehr, als er es sah und stöhnte. »Das wird nix mehr.« Kein Bedauern, nur eine Feststellung.
Die Lektorin schüttelte den Kopf, trat geräuschvoll mit dem Fuß auf.
Eine Kämpferin, dachte Herr Beh und dämmerte im selben Augenblick weg.
Mit einem Schritt war die Lektorin bei ihm, beugte sich über den Schlafenden, zumindest nahm sie an, dass er schlief, die Augen und selbst die Nase waren ja unter dem merkwürdigen Gebilde verschwunden. Eine Blutblase, dachte die Lektorin, nicht dass sie platzt! Und doch …

Es ist verrückt, dachte sie, aber sie spürte keinen Ekel. Etwas zog sie zu dem Schlafenden, zu seinem Gesicht, der großen Kugel. Ohne zu wissen warum, aber auch ohne sich zu wehren, spitzte sie ihre Lippen, näherte sich ihr Mund dem roten Ballon, sie musste an ihre Kindheit denken, daran, wie sie ihren Luftballon vor dem übergriffigen Nachbarsjungen schützen wollte, wie sie den leuchtend roten Ballon so fest an sich presste, sich dabei drehte und wand, dass er schließlich platzte, und fast war es, als hallte auch jetzt noch das hässliche Lachen dieses Jungen in ihren Ohren, nein, nichts ist ekliger als Hass, nichts reiner als sein Gegenteil, so dachte sie, so ergriff der Gedanke sie, und sie küsste das Ding so sanft sie konnte.

Ängstlich schloss sie die Augen, rechnete fest mit einer Explosion, mit Unmengen an Blut und Eiter, ekelte sich aber auch jetzt nicht, und tatsächlich geschah nichts. Nun, etwas ging vor sich. Täuschte sie sich oder war dieses Ding schon etwas kleiner geworden? Wenn ja, sollte es ihr recht sein, doch für jetzt wollte sie nicht länger in Herrn Behs Wohnung bleiben. Möge es kommen, wie es kommt, sie glaubte nicht an höhere Mächte, auch wenn sie in jeder Kirche eine Kerze anzündete – wie einst ihre Großmutter, nur eben ohne zu beten. Auf dem Tisch stand ein Teelicht, batteriebetrieben. Mit einem Achselzucken knipste sie es an. Es flackerte immerhin wie eine Kerze, gab dem zunehmend dunkler werdenden Raum eine sakrale Note. Wer weiß?, dachte sie, und verließ die Wohnung.

»Vergessen Sie alles!« Die Stimme am Telefon überschlug sich. Herr Beh. »Ich maile Ihnen umgehend ein neues Exposé, vertrauen Sie mir!«
»Herr Beh, nein! Die Zeit läuft uns davon!«
Doch er hatte bereits aufgelegt.

Herr Beh erwachte auf der Couch, fühlte sich frisch und erholt wie nach einem langen Urlaub. Draußen dämmerte es, er sah auf die Digitaluhr im Regal, sie zeigte 19:53 Uhr an. Er hatte einen ganzen Tag lang geschlafen. Und – Moment mal – er konnte alles sehen, nichts verstellte seinen Blick, sein Kopf war leicht wie lange nicht mehr. Eilig lief er ins Bad. Kein Ding. Einfach nichts. Seine Stirn, die Grillrostfalten – alles wie sonst. Ein böser Traum? Herr Beh eilte zum Schreibtisch, begann umgehend zu schreiben. Bloß nichts vergessen! Das ist groß! Kafka wäre stolz auf ihn. Und seine Lektorin erst. Nicht dass er es brauchte, aber jetzt war ihm nach Licht, seinem kleinen, künstlichen und doch so lebendigen wie inspirierenden Teelicht. Doch der Akku war leer.

©Martin Bensen