Was für eine Schnapsidee! Alles. Er ist komplett nass. Das Handy! Es war auch unter Wasser. Verdammt! Er hat extra nur das Smartphone mitgenommen, die Hotelkarte in die Schutzhülle gesteckt. Falls er einen Herzinfarkt bekommt, weiß man schnell, wer er ist, kann man … Nein, Anhörige verständigen, fällt aus. Seit Freitag hat er keine mehr. Nicht mal mehr die eine. Sie hat ihn verlassen. Als er es endlich begriffen hatte, ist er geflohen, erst wollte er zum Flughafen, in die Wärme fliegen. Dann tat er sich so leid, dass er sich lieber an einem einsamen, grauen Strand sehen wollte. Jetzt ist er da – und klitschnass.
Weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen. Warum auch? Der Wind peitscht den Regen fast waagerecht gegen die Küste, direkt in sein Gesicht – wie Hagel.
Er hatte sich eingemummelt, wollte unbedingt an den Strand. Ein einsamer Strandläufer wollte er sein. Sich durchblasen lassen, auslüften. Als ob das irgendetwas besser machte. Jetzt ist er nass – und ihm ist kalt. Saukalt.
Heute Morgen ist er früh aufgewacht, hat sofort gewusst, wo er war. Er hatte kaum nachgedacht, in seiner vernachlässigten Wohnung nur ein paar warme Sachen zusammengeklaubt und in den viel zu großen Koffer geworfen, war noch am Abend losgefahren, nordwärts, die A1 hoch, bis es nicht mehr geht. Eigentlich hatte er noch weiter gewollt, doch tief in der Nacht waren ihm dann doch die Augen zugefallen, das Adrenalin hatte bis Heiligenhafen gereicht, wo er sich kurzerhand in ein Wellness-Hotel einquartiert hatte. Der verschlafene Nachtportier hatte ihm die Schlüsselkarte gegeben und gemeint, er solle die restlichen Formalitäten am nächsten Morgen erledigen. Er war sofort ins Bett gefallen.
Nach der kurzen Nacht hat er sich trotzdem erfrischt gefühlt, erst recht nach dem Kaffee aus der Kapselmaschine. Er hat am Fenster gestanden, auf den Strand geblickt, die hölzerne Seebrücke weiter rechts, die sich kaum von den Grautönen des Meeres und der tiefliegenden Wolken abgehoben hat, aus denen es unablässig regnet, immer noch.
Heute Morgen hat er noch Menschen gesehen, die am Strand und auf dem von Pfützen übersäten Uferweg spaziert sind, fast jeder in Begleitung eines oder sogar mehrerer Hunde. Ist das die Lösung? Ein Hund als treuer Begleiter – Freund und Trost. Ein Wesen immerhin. Ein Retter gegen Einsamkeit. Er ist ja nicht mehr der Jüngste. Aber er mag keine Hunde.
Er ist noch zu jung, um den einsamen Schrat zu spielen. Schrat – so hat ihn seine Freundin manchmal genannt. Dann, wenn er lieber auf dem Sofa kuscheln wollte, statt sich ins Nachtleben zu stürzen, zumal nach einer anstrengenden Woche im Büro. Wenn er sich kaum aufraffen konnte, weil ihm ihre Freunde eigentlich gar nicht passten. Er wurde einfach nicht warm mit ihnen. Sie nahm das anfangs schmerzvoll, dann immer gleichgültiger zur Kenntnis. Er selbst hatte keine Freunde, hatte sich nie einen Freundeskreis aufgebaut, geschweige denn den einen Kumpel, mit dem er jetzt seinen Kummer und seine Enttäuschung hätte in Alkohol ertränken können. Stattdessen hätte er sich heute Morgen beinahe selbst ertränkt – im Meer.
Er hat vor den Wellenbrechern gestanden, den Buhnen aus Baumstämmen, die in gerader Linie ins Meer führen. Dann hat es Klick gemacht. Wie so oft in seinem Leben, wenn er vor Herausforderungen stand, wenn er sich vielmehr selbst herausforderte, eigene Wettkämpfe ersann, ein Duell mit ihm selbst. Wenn er es schaffte, würde ein Wunsch wahr werden …
Wenn ich es schaffe, bis zum letzten Stumpf zu balancieren und wieder zurück, werde ich sie zurückbekommen. Der Gedanke hat ihn so durchdrungen, dass er ohne weiteres Zögern auf den ersten Holzstumpf getreten ist. Balancieren kann er. Die Wellen und der Wind haben für einen Moment nachgelassen. Und noch für weitere Momente. Ganz hinten ist er elegant umgedreht. Das ist Körperbeherrschung! Er hat schon innerlich jubiliert, da ist der Windstoß gekommen. Auf dem nächsten moosgrünen Stumpf hat er den Halt verloren.
Er hat nicht geahnt, dass das Meer hier schon so tief ist. Und so kalt. Für einen Moment ist er wie gelähmt gewesen, dann hat er seine Arme bewegt, hat schnell Grund unter den Füßen gespürt. Todesangst geht anders, hat er gedacht, so schnell stirbt es sich nicht. Und: Sie kommt nicht zurück. Du bist ein Loser.
Niemand begegnet ihm. Nur eine zerzauste Möwe, die im Seetang nach Essbarem sucht und dabei eher wie eine Ratte aussieht.
An der Rezeption guckt die junge Frau nur mitleidig.
»Mooiin«, ruft ein junger Mann in Fitness-Dress. »Cool.«
Doch hinter seinem Rücken lachen sie über den Trottel. Geschieht ihm recht.
Er stellt sich angezogen unter die Dusche, entblättert sich Stück für Stück unter dem warmen Strahl. Der lächerlichste Strip der Welt. Wie tief kann man sinken …
Er wirft die nassen Sachen auf den Beach-Chair des überdachten Balkons, den einen, den er nicht braucht, ebensowenig wie die zweite Doppelbetthälfte, die er jetzt zerwühlt. Als ob das was nützte.
Weswegen ist er hierher gekommen? Was hat er hier erhofft. Okay, sich leidtun ist das eine, aber leiden das andere. Das will er nicht. Den Gefallen tut er ihr nicht. Auf der langen Autofahrt hat er überlegt, dass es vielleicht auch andere arme Seelen ans Meer ziehen könnte. Eine wie ihn. Eine Frau, so verlassen wie er. Was wäre, wenn sie sich begegneten – der eine von 83,2 Millionen? Unter all den Deutschen wird doch wohl eine sein, der es genauso geht. Und lehrt nicht eines das Leben: Dass das, was er denkt, nicht schon einmal gedacht wurde, womöglich tausendfach? Und waren sie, als sie noch glücklich waren, jemals wirklich an einem lost place, einem einsamen Strand mit einer Bucht, die nur ihnen gehörte? So etwas gibt es nur in romantischen Filmen. Lost … Das ist er. Lost in space.
I’m losing you, singt John Lennon in jenem gefühlvollen Song kurz vor seinem gewaltsamen Tod. Nein, Yoko hat ihn verloren. Wenn schon sterben, dann so! Herausgerissen aus dem Leben, der einen großen Liebe. Das hast du jetzt davon, würde er denken, während sie an seinem Grab stünde, nur dass er keinen solchen Song hinterließe, nicht einmal ein Gedicht, das ihn überdauerte, zumindest bei denen, die ihn betrauerten, bei ihr, seiner Liebe. L wie Liebe? L wie Loser, du selbstmitleidiger Wurm.
Um halb fünf verlässt er sein Zimmer und das Hotel. Draußen schlägt ihm starker Wind entgegen, der Nieselregen sticht wie tausend feine Nadeln auf ihn ein. Er wendet sich dem kleinen Ort zu, in der Hoffnung, unter Vordächern gehen zu können. Die leichte Sportkleidung, die noch in seinem Koffer war, ist viel zu dünn. Er friert, wird wieder nass. Nicht weit vom Hotel gibt es eine Ladengasse mit modernen Geschäften und Lokalen. Etliche haben geschlossen. Wofür öffnen? Es ist niemand sonst unterwegs. Er denkt nicht lange nach, schlüpft in den nächstbesten Laden – und ist gerettet.
Erst sieht er die bunte Dekoration, dann den weißen Tresen und die Regale mit Bekleidungsartikeln, schließlich erscheint sie …
Er zittert am ganzen Körper, zugleich ist ihm heiß wie unter Fieberschüben. Schweiß tritt aus den Poren seiner Haut, rinnt ihm den Nacken herunter, die Stirn.
»Was ist mit Ihnen?« Die Frau kommt hinter dem Tresen hervor, nimmt seine Hand und manövriert ihn zu einem Sessel. »Mein Gott, sie sind ja ganz unterkühlt.«
Sie verschwindet in einen Nebenraum, kommt mit einem Glas Wasser zurück. Er trinkt, immer noch zitternd.
»Es geht schon wieder«, sagt er, doch seine Stimme klingt brüchig.
»Soll ich nicht besser einen Krankenwagen rufen oder wenigstens einen Notarzt?« Sie blickt ihn sorgenvoll an.
Wie schön sie ist! Er kann seinen Blick nicht abwenden, wird immer ruhiger beim Betrachten der Frau, ihrem rötlichen, langen Haar, den großen grünen Augen, der schlanken Figur in Pullover und Jeans. Sie ist nicht mehr die Jüngste, um die vierzig, schätzt er. Sie schaut auf ihre Armbanduhr. Hat er vorhin nicht das Schild gesehen, die Öffnungszeiten, bis 17 Uhr?
»Es geht schon wieder«, sagt er noch einmal, diesmal mit festerer Stimme. Tu nicht so alt!
»Wirklich?« Jetzt lächelt sie.
Er steht auf, es fühlt sich gut an. »Wirklich. Danke für das Wasser.« Und grinsend setzt er nach: »Davon hatte ich heute reichlich, nur noch nicht in meinem Magen.«
Wie sie lacht! So unbefangen, so natürlich.
Sein Blick fällt auf den Kleiderständer am Fenster. »Darf ich?«
Wieder blickt sie auf die Uhr, nickt. S, M, XXL – er schnappt sich die Winterjacke mit Kapuze, zieht sie an, geht an den großen Spiegel.
»Die hat wohl auf Sie gewartet«, kommt es vom Tresen her.
»Passt wie angegossen«, stimmt er zu. »Kann ich die gleich anbehalten.«
»Natürlich, ich kassiere nur schnell ab. Ist ein echtes Schnäppchen, reduziert auf die Häfte.«
Er verfolgt gebannt, wie sie die Schildchen entfernt, die Warensicherung. Alles an ihren Bewegungen ist elegant. Dazu ihr liebenswürdiges Lächeln, das auch jetzt nicht aus ihrem Gesicht weicht, ihrem schönen Gesicht. Sie nennt den Preis, tippt ihn in den Kartenleser ein, er hält die Karte an den Kontakt – und weiß die PIN nicht mehr. Er hat sie auf dem Handy, doch das geht ja nicht mehr. Wieder beginnt er zu schwitzen.
Sie nimmt ihm die Karte aus der Hand. Für einen Moment kann er ihre zarte Haut spüren.
»Probieren wir es mal so«, sagt sie lächelnd, steckt die Karte in den Schlitz. Beide blicken gespannt auf das Gerät. Dann ein Rattern, der Bon erscheint, er muss nur unterschreiben. Das kriegt er hin, wenn auch etwas zittrig. Sie gibt ihm die Karte samt Kassenbeleg zurück und bedankt sich höflich, wie schon tausendfach zuvor. Sieht wieder auf die Uhr. Aber klar doch, was hat er denn gedacht: Er ist nur ein Kunde, ihr Lächeln gilt nicht mir, nicht mir als Mensch. Als Mann.
Enttäuschung steigt in ihm auf, eine leise Wut. Sie sind doch alle gleich. Auch sie serviert ihn ab. So gerne würde er noch bleiben, hier im Warmen, bei dieser schönen Frau.
Sie sind allein im Laden, hinten scheint niemand zu sein. Ob jemand auf sie wartet? Die Uhr über dem Bekleidungsregal zeigt genau fünf.
Sie blickt ihn nur an. Ein leichtes Flackern in ihren Augen.
Er geht rückwärts zur Tür, die Jacke liegt noch auf dem Tresen. Er will nicht gehen. Die Frau nicht aus den Augen lassend tastet er nach der Schließvorrichtung, umfasst sie, dreht einmal, zweimal, spürt den Anschlag. Die Frau steht wie angewurzelt da. Ihre Augen sind weit aufgerissen.
»Hallo? Hören Sie mich?« Jemand schlägt ihm auf die Wange. Ein helles Licht blendet ihn. Ein Mann in Warnkleidung beugt sich über ihn. Der Notarzt. Hinter ihm sieht er die Frau, hinter ihr die Uhr. Es ist halb sechs. Er will aufstehen.
»Das lassen wir mal schön bleiben.«
Schon wird er von zwei Männern auf eine Trage gelegt. Sie breiten eine goldene Folie über ihn aus, heben ihn hoch.
»Meine Jacke«, sagt er noch.
»Welche Jacke? Er hat keine dabei gehabt.« Die Frau sieht ihm mitleidig nach.
Neben ihr steht ein Mann. Er hat einen Arm um sie gelegt. »Armer Kerl«, sagt er.
Sag ich doch: Loser.