Das Schnitzel kann nichts dafür

Sie hackt, sticht zu, reißt die Gabel hoch, lässt das Stück Schnitzel überaus schnell in ihrem Mund verschwinden, die Bewegung akkurat, entschieden. Jetzt nimmt sie das Messer hoch und richtet es auf die Frau gegenüber, das Gesicht verzerrt, die Lippen schmal, glänzend, von Fett, nicht von ihrem Lippenstift.
Der ist auch verblasst, anfangs war er noch so rot wie ihr Blazer, ihr Rock, ihre Pumps, die ihr ein gepflegtes Business-Aussehen verleihen, dabei ist sie wohl keine Berufstätige mehr, aber wer weiß?

Ihr Begleiter ist ein weißhaariger, schlaff wirkender Mann, Pullovertyp, mehr homedressed als ausgehgekleidet, mit scheuem Blick, der in der versammelten Runde um den Wirtshaustisch hin- und herflackert, zwischen der anderen Frau, deren Begleiter, beide augenscheinlich so alt wie er, und einem jüngeren Mann, der sich lieber mit seinem Handy beschäftigt als mit den Anwesenden, dümmlich grinsend, als schämte er sich, hier zu sein.

Die Frau in Rot scheint noch zu wachsen, ihr wallendes, rötlich gefärbtes Haar dominiert die Tafelrunde. Oder ist es, weil der Mann neben ihr so kläglich kauert? Die andere Frau nickt der roten aufmunternd zu, deren Stimme jetzt lauter, aber aufgekratzter klingt. Sie ist nicht mehr zu überhören, übertönt selbst das Gelächter am Nebentisch, die gute Laune der anderen Gäste im vollbesetzten Lokal. Die Mundwinkel der Frau zeigen nach unten, zeugen von Bitternis, zucken unter dem Kauen, dem energischen Zerfetzen des Bissens, das Schlucken, hart, fast hörbar. Weißwein wäre gut, das Glas ist noch voll, doch sie hat ja noch das Messer in der einen, die Gabel in der anderen Hand, und jetzt dringen glasklar, klirrend, Worte aus ihrem Mund, so könne es „nicht weitergehen, zwei Millionen Ausländer, das muss man sich mal geben, und kein Ende in Sicht, jedenfalls nicht mit diesen Deppen in Berlin, die unser Deutschland ruinieren“, es sei an der Zeit, endlich aufzustehen, „sich zu wehren“. Der junge Mann schaut kurz auf, der Rest der Runde stiert schweigend vor sich hin.

Man möge ihr Schnitzel bitte einpacken, ruft sie der Kellnerin zu, lässt das Messer endlich sinken, knallt es zusammen mit der Gabel auf den Teller, auf dem kaum weniger liegt als beim Servieren. Kein Wunder, dass die Frau so schlank ist, alles an ihr ist schmal, ihre altersfleckigen Hände mit den hervortretenden Venen, ihr kantiges Gesicht mit der dezent geschminkten, wächsern glänzenden Haut, den zusammengekniffenen Augen, aus denen Hass und Wut blitzen wie ihre Halskette. Ein Feuer, das Leidenschaft sein, sie anziehend machen könnte, wäre nicht die angespannte Miene, der verkniffene Mund, die ganze Haltung, angreifend, bedrohlich. Aber vielleicht stehen manche Männer darauf, ihr Begleiter, die Frau gegenüber, die etwas sagt, wie eine Stichwortgeberin, während die anderen schweigen.

Jetzt verliert die in Rot die Contenance. „Die haben hier nichts verloren“, zischt sie, greift wieder zu Messer und Gabel und zerteilt mit zackigen Bewegungen das Schnitzel, zerfetzt es regelrecht auf ihrem Teller, der Kartoffelsalat schwappt über den Tellerrand, dann steht die Kellnerin vor ihrem Tisch, ihr Blick so streng wie der der Roten, die wie ertappt innehält, um ihre Tellerschlacht gleich darauf angewidert zu beenden. Die Serviererin nimmt den Teller, schüttelt den Kopf ob des Gemetzels und wendet sich augenrollend ab. „Das Schnitzel kann nichts dafür“, murmelt sie noch.
Die Teller der anderen sind geputzt, satte Zufriedenheit steht in ihren Gesichtern, dem wütenden Gebahren ihrer Tischgenossin zum Trotz. Deren Blick heftet sich auf ihr Gegenüber, das auf ihren roten Blazer deutet, auf einen öligen Fleck in Höhe der linken Brust.

„Das ist doch …!“ Wütend springt sie auf.
Schlagartig wird es ruhiger im Lokal. Gemurmel, vereinzeltes Lachen.
„Ja, grinst nur!“, schreit sie auf ihrem Weg zur Toilette. „Euch wird das Lachen noch vergehen!“
„Sagt wer?“, sagt einer in der Ecke. Lachen, Kopfschütteln.
Und dann ist alles wie vorher.
An jenem Tisch richtet sich der Pullovermann auf.
„Zahlen bitte!“

©Martin Bensen