Kreislauf des Lebens

Jahrein, jahraus das gleiche Spiel: Immer zum Ende blickt alles zurück, erinnert sich, stößt uns mit der Nase drauf – es gibt kein Entkommen, außer vielleicht am Nordpol, in der Wüste oder  – mit viel Willenskraft – im  digitalen Entzug, im Kloster oder an einem Ort, zu einer Zeit, in der man ganz bei sich sein kann. Denn wenn ich mich gar nicht erinnern will? Einfach nur leer sein, einfach auslaufen will?

Immer zum Ende feiert man die überstandenen Krisen, vielleicht so manchen Erfolg, vielleicht auch nur den Umstand, überlebt zu haben, denn das scheint plötzlich gar nicht mehr so selbstverständlich, scheint den Älteren selbst im »Kalten Krieg« mit der Möglichkeit einer atomaren Katastrophe nicht so handfest gewesen zu sein wie heute, im Rückblick war das ganz gemütlich in den verrauchten Nischen, bei hitzigen Agitationen, auf herzerwärmenden Demos. Und heute: Kalkuliert ist alles geworden – kalt. Nein, nicht draußen in der Natur, sondern in der Gesellschaft. Soziale Kälte, Empathieverlust, braunes Erstarken, neue Rücksichtslosigkeit. Wohin noch auswandern? Wo ist es (noch) nicht so?

Immer am Ende wiegt alles schwerer. Nicht allein die Gedanken. Nicht nur der festtagsgenährte Körper. Ereignisse bekommen im ausgehenden Jahr einen Endzeitdrall. Menschen sterben immer, aber jetzt erhalten solche Nachrichten Gewicht, sind im Wortsinn gravierender und werden schwerer genommen – erst recht die im Freundeskreis oder in der Familie. »Ausgerechnet«, Stoßseufzer, erschrockener Blick. »Vor Weihnachten geht der Teufel auf Stelzen«, sagen die Alten in meinem Westfalen, wo die schwarze Erde zusehends nasser, Asche und Staub von Wassermassen durchtränkt und weggeschwemmt werden. Warum jetzt? Gibt es denn gar nichts Versöhnliches?

Immer am Ende steht ein Fest. Freunde kommen zum Feiern, zum Anstoßen Punkt null Uhr. Erst runterzählen, dann »Prosit Neujahr!« Doch bevor es soweit ist, werden Rezepte gewälzt, lange Einkaufslisten geschrieben, in vollen Supermärkten Wagen um Wagen gefüllt. Und immer fehlt dann doch noch was. So stehe ich im Biomarkt vor dem Fleisch, höre, wie sich nebenan beim Gemüse zwei Frauen unterhalten. »Das«, sagt die eine, »ist der Kreislauf des Lebens.« Kreislaufwirtschaft, hermeneutischer Zirkel, circulus vitiosus – ein Teufelskreis. Quatsch! Leben endet, Leben beginnt, das meinte die Dame wohl, als ich auf das Steak starrte. Das hier lebt nicht mehr, eingeschweißt, gewogen, bepreist. Auch drüben das Gemüse nicht, gekappt, geerntet, gebündelt. Wenn ich es nicht verzehre, verrottet es. So ist das mit Lebensmitteln. Das ist ihr Sinn. Und der Sinn meines Lebens? Was bleibt davon im Kreislauf des Lebens?

Am Ende ist also Ende – mit diesem Jahr, einem weiteren beschissenen für die halbe Welt. Ein neues Jahr beginnt. So steht’s im Kalender. In unserem hier. Zeitrechnung mit Bedeutung gefüllt. Sonst noch was? Alle fein damit?

©Martin Bensen